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Teodor Currentzis polarisiert
die Klassikwelt

Der Dirigent Teodor Currentzis ist ein Hoffnungsträger des Klassikbetriebs. Gründe dafür zeigte sein Schweizer Gastspiel mit Verdis «Requiem». Dieses nutzte die Akustik des KKL Luzern für ein Musizieren in Extremwerten ohne Effekthascherei.
Urs Mattenberger
Teodor Currentzis beim Konzert im KKL. Bild: Priska Ketterer/LF

Teodor Currentzis beim Konzert im KKL. Bild: Priska Ketterer/LF

Der Dirigent Teodor Currentzis rüttelt die Klassikwelt auf, seit er sich mit Mozarts Da-Ponte-Opern aus dem russischen Perm ins internationale Rampenlicht katapultierte. Die einen feiern Currentzis als eine Art Messias, der mit seinen elektrisierenden Interpretationen ritualisierte Klassiktraditionen aufbricht. Andere stören sich derweil an den extravaganten Äusserlichkeiten und werfen dem Griechen aus Russland vor, sein Hang zu rasenden Tempi und scharfen Akzenten zerstückle die Musik durch Effekthascherei.

Die Probe aufs Exempel konnte man am Mittwoch im einzigen Gastspiel in der Schweiz machen, das Currentzis auf der aktuellen Tournee mit seinem russischen Chor und Orchester MusicAeternam gab. Da steuerte er zum Osterfestival Luzern das einzige geistliche Werk im Konzertsaal des KKL bei: Verdis «Requiem», dem einst wegen seiner opernhaften Dramatik ähnliche Vorwürfe gemacht wurden wie heute Currentzis. Das tosende Höllenspektakel des «Dies irae» schien wie geschaffen dafür, dass Currentzis auf der grossen Trommel zusätzlich noch eins draufhauen würde.

Gemessen an solchen Erwartungen war der Anfang aus der Stille heraus ein Schock. Dass sich die Orchestermusiker und Chorsänger in Mönchskutten auf der Bühne versammelten, setzte zwar ein erstes theatrales Zeichen für Einkehr und Askese. Aber wie Currentzis die ersten Phrasen des «Requiem» – verlöschend zart und brüchig in den Orchesterbässen, im fast tonlos artikulierten Flüsterton des Chors – aus der Stille heraufdämmern liess, reizte die Pianissimo-Wunder aufs Äusserste aus, für die dieser Saal bekannt ist. Kein Wunder, schwärmte Currentzis beim Empfang nach dem Konzert: «Das ist der beste, wirklich der beste moderne Konzertsaal der Welt.»

Dramatik ohne Breitwandpathos

So stand in diesem Requiem die Grenzerfahrung einer Todesstille am Anfang, aus der lose Lebensfäden gesponnen wurden, die abrissen und im Nichts verliefen. Es war der Auftakt zu einer Steigerungs- und Kontrastdramaturgie mit phänomenalen Klangmitteln. Da war der kernige, artikulierte Chorklang, der auch im durchdringenden Fortissimo klare Konturen wahrte und auch dank zügigen Tempi jedes Breitwandpathos vermied. In der Tat steigerte das auch das explosiv losbrechende «Dies irae» über jenen Schrecken hinaus, den man gerade bei Currentzis erwartet.

Aber die schneidende Sogkraft des Chors wurde hier vom Orchester nicht einfach hochgeputscht, sondern durch feinnervige Impulse aus chromatisch züngelnden Mittelstimmen heraus vielfältig angestachelt. Das befreiende Gegenstück dazu wurde das «Sanctus», in dem sich der aufmüpfig artikulierte Chor und das Orchester in einen dionysischen Tanz hineinsteigerten, der zum Schluss fast auseinanderzubrechen drohte.

Wie unter Strom

Zum ganzheitlichen Wurf wurde diese «Requiem»-Interpretation durch ein Solistenquartett, das mit tragenden, aber nicht schweren Stimmen den innigen Gebetston wie den Überschwang ebenfalls in Extremwerten mitgestaltete. Der geschmeidige Sopran von Zarina Abaeva schwebte mit seinem wie durch ein Brennglas gebündelten Glanz ohne Kraftanstrengung durch die Klangmassen, die – eingesprungene – Mezzosopranistin Eve-Maud Hubeaux formte Worte und Linien zu suggestiver Klangrede, der Tenor von Dmytro Popov schwebte im «Ingemisco» zu strahlender Höhe empor, der Bass von Tareq Nasmi gewann mächtige Statur, wo er sich offen freisang.

Klar zog Teodor Currentzis am Pult einmal als Magier, einmal mit fahrigen Körper- und Armbewegungen wie unter Strom die Aufmerksamkeit auf sich. Aber der Vorwurf, er zerstückle durch Effekthascherei die Musik, hat nur die halbe Wahrheit im Blick. Es waren genau diese Vorwürfe, die einst der Generation eines Nikolaus Harnoncourt gemacht wurden. Dass Currentzis den Aufbruch von damals in neuer Form weitertreibt, künftig auch als Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters, zeigte auch diese Aufführung, die über scharfe Akzente und rasche Tempi hinaus auch das Verbindende im Blick hat.

Ein Echo des Paradieses

Dazu gehört die Rückkehr des Theatralen in die Musik, wofür hier die gleichsam szenischen Wirkungen standen. Äusseres Anzeichen für einen dynamisch in die Tiefe gestaffelten Raumklang waren, neben den im Zuschauerraum platzierten Bläsern, das Verschwinden der Sopranistin zum Schluss. Waren die Solisten zuvor hart am Bühnenrand und damit auch akustisch im Vordergrund platziert, ging die Sopranistin im «Libera me» mitten im Chor optisch beinahe unter. Und klang dabei in dieser akustischen Entrückung bereits wie aus einer anderen Welt herüber. Musik sei ein Echo des Paradieses, hat Currentzis einmal gesagt.

Das Publikum, nach der minutenlang strapazierten Stille, dankte es elektrisiert mit einer demonstrativen Standing Ovation.

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