Der Siegertext des Bachmannpreises 2020

Helga Schubert: Vom Aufstehen

Hansruedi Kugler
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Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen?

So weckte mich meine Mutter früher, als ich ein Schulkind war. Sie stand an meinem Fußende und zog mir die Bettdecke weg.

Manchmal sang sie auch: Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal saßen einst zwei Hasen, fraßen ab das grüne, grüne Gras, fraßen ab das grüne Gras und dann: Bis dass der Jäger, Jäger kam und schoss sie nieder. Ich stellte mir das bildlich vor und vergaß immer wieder, dass es gut endet: Als sie sich dann aufgerappelt hatten und sie sich besannen, dass sie noch am Leben, Leben waren, liefen sie von dannen. Ich lag dann mit meinem Nachthemd im Ungeheizten, war froh, dass die Hasen doch noch lebten und stand schnell auf.

Wir frühstückten nicht zusammen; denn sie war schon fertig für ihren Weg zur Arbeit, hatte bis tief in die Nacht gelesen und wollte nur noch das abgezählte Geld von mir: Für ihre S-Bahnfahrt zur Arbeit und zurück. Ich hatte meine Verstecke für diese vier Groschen. Zwanzig Pfennige hin und Zwanzig Pfennige zurück. Ostpfennige. Auch für die Pfandflasche, die ich nach der Schule einlösen konnte: Für das Fahrgeld am nächsten Morgen.

Sie gab ihr Gehalt für Bücher aus; sie hatte im Krieg fast alles verloren. Nur die Handtasche mit einem Taschentuch und ich Fünfjährige waren ihr auf der Flucht geblieben.

Als ich nach dem Tod meiner Mutter ihre Wohnung mit über 10 000 Büchern zum ersten Mal allein betrat, um alles zu kündigen, aufzulösen, renovieren zu lassen, die Abstellkammer und der Keller waren bis zur Decke mit Kartons voller Papiere gefüllt, standen auf ihrem Sekretär noch die beiden Bronzeabgüsse von Ernst Barlach: Die Lesende und der Flötenspieler, etwas kleiner als die Originale. Sie hatte sie in Raten jahrelang abbezahlt. Als niemand Ansprüche stellte, nahm ich sie zu mir, beide versunken in ihr Tun, in ihrer eigenen Welt, der Welt der Bücher und der Welt der Musik. Vielleicht wollte meine Mutter, dass ich sie so in Erinnerung behalte. Dass alles Andere langsam verblasst.

***

Es ist morgens. Gleich klingelt mein Wecker. Bald ist es schon heller um diese Zeit. Im dämmrigen Gegenlicht die kahlen Bäume.

Wenn ich ein Vogel wäre, müsste ich mir jetzt im Winter eine andere Zuflucht suchen.

Die weiche Bettdecke bis unter die Nase. Ganz gerade gestreckt.

Hier bin ich sicher.

Neben mir an der Wand das Bild: Ein einsames Gehöft mit grünen und blauen Holztüren, ein hohler Baum, Raben in seiner Krone. Er, der es gemalt und mir geschenkt hat, liegt noch ruhig im Nachbarzimmer. Verlässt sich darauf, dass ich gleich komme und ihm helfe.

50 Jahre lang hat er für uns das Frühstück gemacht.

Ich schloss immer meine Augen nach dem Aufwachen. Atmete tief ein: In der Kule zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der Duft nach Nelkenseife, das Lavendelsäckchen neben dem Kopfkissen, der Waschmittel-Duft in der Flanell-Bettwäsche und meinem Nachthemd. Aber das Kaffeearoma fehlte noch. Also konnte ich liegen bleiben und stattdessen vorsichtig, damit er mir nicht rückwärts ins Vergessen entglitt, ohne Ablenkung durch die Helle des Morgens, mit immer noch geschlossenen Augen einen Traumrest festhalten.

Als es dann ein paar Minuten später nach Kaffee und geröstetem Brot roch und er mich rief, blieb vom Traum oft nur noch ein Wort. Ich atmete aus und stand auf. Ich hörte seine Schritte dann näher kommen, ging ihm entgegen, breitete meine Arme aus, umarmte ihn und drückte meine Lippen an seinen Hals, über dem Schlüsselbein in der Wärme das Parfum vom Geburtstag, Sandelholz, putzte mir die Zähne, Pfefferminz, im Bad Vanille und Kokosmilch, und ging zum gedeckten Frühstückstisch. Übereinander auf dem gerösteten heißen Schwarzbrot weiche Butter, Blauschimmelkäse und Feigenkonfitüre, ganz nah, bevor ich abbiss.

Einmal kündigte ich an, die Geschichte über den Duft zu Ende zu schreiben. Ihm sei das Sehen in seinem Leben eigentlich wichtiger als das Riechen, sagte er damals. Obwohl manchmal Gerüche durchaus unangenehm sein könnten, zum Beispiel, als sie in der Kriegsgefangenschaft, er war siebzehn Jahre alt, zu 120 Mann in einer Baracke lagen und nachts die nassen Fußlappen aus den Holzpantinen zum Trocknen ausbreiteten, sie sich nicht richtig waschen konnten und dann 1000 Meter unter Tage im Kohle-Bergwerk schufteten. Aber man könne in solchen Lebenslagen nach innen weg gehen.

Recht unangenehm, wenn er sich unbedingt an einen störenden Geruch erinnern sollte, seien ihm eigentlich die Rosenöl-Schwaden um die Frauen der russischen Offiziere gewesen. Auch im Urlaub in Bulgarien, immer diese Rosenöle.

Heutzutage könne er sich von allem Unangenehmen zurückziehen.

Wir Frauen im Osten, die sich damals schwarz gekleidet, mit Pony und hennaroten Haaren, für etwas Besonderes hielten, ein wenig existenzialistisch, soweit wir Sartre im Buchladen
ergattert hatten, rochen alle nach Madame Rochas. Es war das einzige französische Parfum, das für Ostgeld in den teuren Läden zu haben war.

Abends habe ich damals für ihn und mich immer Earl Grey aufgebrüht. Wegen des Bergamotte-Dufts. Der kam gleich nach den Viertakter-Abgasen der Westautos.

Fürs Abendbrot war ich zuständig.

***

Ein paar Minuten habe ich noch.

Überall um mich herum liegen in Stapeln die Briefe an meine Mutter, die Durchschläge ihrer abgesandten Briefe, Zettel mit Adressen, Aktenordner mit Mahnungen und schließlich bezahlten Rechnungen, die Briefumschläge voller Fotos lange verstorbener und mir unbekannter Menschen, ihre Taschenkalender mit nur wenigen Eintragungen, und Postkarten, beschriebene, aber auch unbeschriebene.

In alle anderen Räume unserer Wohnung kann ich Besucher hineinlassen. Hierher nicht.

Einfach alles wegwerfen, jeden Tag einen Ordner, dann hast du es bald geschafft, du bist jetzt 80, wie lange willst du das alles aufheben, es interessiert doch niemand, wie viele Mahnungen deine Mutter bekam. Soviel Lebenszeit hast du mit 80 doch gar nicht mehr, mahnt er mich schon seit ihrem Tod.

Sie starb, als ich 76 war.

Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe. Hast du mit der Geschichte nun endlich angefangen, fragte sie mich, als sie schon über 100 war.

Aber wie sollte ich über sie schreiben, als sie noch lebte.

Meine Urenkelin liebt mich, hatte meine Mutter zur Krankenschwester gesagt, die ins Zimmer hereinkam, um meine Personalien aufzuschreiben, meine Urenkelin weiß, was ich will, auch wenn ich einmal nicht mehr sprechen kann, sagte meine Mutter zu der Schwester.

Aber die studiert doch ganz woanders, die ist doch viel jünger als ich, sagte die Schwester mit einem erschrockenen Blick zu mir. Darf ich denn Ihre Tochter überhaupt benachrichtigen, wenn Ihnen was passiert? Meine Mutter lächelte und schwieg.

Als die Schwester gegangen war, fuhr ich die vielen Stunden mit dem Zug nach Hause und suchte im Internet ein billiges Zimmer im nördlichsten Ort in Deutschland.

Was ist so schwer mit dem Vierten Gebot? Was ist los mit Ihnen und Ihren Eltern? fragte die Kurpastorin mich dort, eine junge knabenhafte Frau, am langen Tisch mir gegenüber, Deckenbeleuchtung, außer ihr und mir niemand im großen Kirchgemeindesaal der Nordseeinsel. Sie lächelte nicht ein bisschen.

Es geht nur um meine Mutter. Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben, auf dass es dir wohl gehe. Das ist doch das Vierte Gebot.

Irrtum, sagte die Pastorin. Von Liebe ist im Gebot nicht die Rede. Gott verlangt von uns nicht, dass wir unsere Eltern lieben. Wir brauchen sie nur zu ehren. Sie haben sich ganz umsonst bekümmert, sagte sie. Sie können nicht gezwungen werden, Ihre Mutter zu lieben. Ihre Mutter kann aber auch nicht gezwungen werden, Sie zu lieben. Sehen Sie, Ihre Mutter hat sich doch erfolgreich eine Tochter gesucht. Suchen Sie sich doch eine Mutter. Falls Sie eine brauchen.

Sie lächelte mir aufmunternd zu, wie einer Studentin.

In den nächsten Tagen wanderte ich allein am Wasser bei Windstärke sieben, viele Stunden am Tag. Bei dem Sturm konnten die Flugzeuge nicht landen, und auch die Fähre fiel aus.

Der 7. Januar 1940 war ein Sonntag. Du bist ein Sonntagskind, sagte meine Mutter zu mir, eigentlich immer etwas erstaunt, wenn mir etwas gelungen war. Du hast eben mal wieder Glück gehabt. Es war nicht mein Verdienst, wollte sie damit sagen.

Ich kam mittags um zwölf Uhr auf diese Welt. Meine Mutter war gerade fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Sie hörte die Glocken der nahen Christuskirche in Kreuzberg läuten bei der Hausgeburt. Die Hebamme riet, mich Juliane zu nennen, weil die niederländische Königin so hieß.

Aber meine Mutter war enttäuscht, dass ich ein Mädchen geworden war. Noch bis zu meinem vierten Lebensjahr kaufte sie mir auf die Bekleidungsgutscheine Jungens-Hosen-Anzüge aus blauer gestrickter Wolle. Ihr Kind nach einer niederländischen Königin nennen: Lachhaft.

Sie gab mir den Namen Helga. Nach dem Krieg kam dieser Name aus der Mode. Wenn eine Helga heißt, weiß man gleich, sie ist im Zweiten Weltkrieg oder davor geboren. Alle meine Vorgängerinnen und Nebenbuhlerinnen bei Männern und die Schriftstellerinnen meiner Generation hatten diesen Vornamen: Helga Königsdorf, Helga Novak, Helga Schütz. Vielleicht wollte meine Mutter mit dem Namen auch meinem Vater eine Freude machen: Als deutscher Soldat im Krieg seit genau vier Monaten.

***

Ich bleibe einfach noch in meinem Bett liegen.

Gleich werde ich ihn umarmen. Er wird sagen: Vorsicht, meine linke Hand. Den Sauerstoffschlauch werde ich etwas beiseiteschieben. Und mit geschlossenen Augen werde ich mich über ihm abstützen und dann mein Gesicht in seiner warmen Halsgrube vergraben.

Das alles hat meine Mutter nicht gehabt. Seit dem Tod meines Vaters, zwei Jahre nach meiner Geburt, gab es keinen Mann mehr, der bei uns wohnte. Auch der junge Niederländer nicht. Sein Vater hatte es ihm verboten: Dass sie eine deutsche Kriegerwitwe war und zehn Jahre älter als sein Sohn, das alles hätte er verstanden. Aber dass sie ihr kleines Kind weggeben wollte, schien dem Vater ein unheilvolles Zeichen.

Ich glaube, das war die Zeit, als sie mich wie von Sinnen mit dem Bügel schlug, weil ich meinen Mantel nicht an den Garderobenhaken im Treppenflur gehängt, sondern über den Stuhl im Wohnzimmer gelegt hatte. Ich bin dann in unser gemeinsames kleines Schlafzimmer auf dem Boden gegangen, habe mich vor mein Bettgestell gekniet und den lieben Gott um Verzeihung gebeten.

***

Als ich ein Kind war, im Alter von sechs, begann es, dass meine Mutter mir abends am Bett ein Lied vorsang, immer dasselbe sehr beruhigende Lied. Drei Strophen sang sie.

Der Krieg war zu Ende, sie war seit fünf Jahren Witwe, 32 Jahre alt, arbeitete in einer Gärt-nerei während der Entnazifizierung, denn sie war ja auf Wunsch ihres Ehemannes in die NSDAP eingetreten, und war müde. Ich fand sie sehr schön, die schönste Mutter aus meiner Klasse.

Sie sang von meiner Müdigkeit, dass ich nun zur Ruhe gehen und dass mein Vater seine Augen über meinem Bett lassen solle. Ein bisschen dachte ich dann an meinen Vater, der tot war, zerrissen von einer Handgranate, auf einem vereisten Arm der Wolga bei Kalinin, sagte meine Großmutter immer so traurig, der Mittelstrecke gelaufen war. Mittelstrecken sind besonders schwer, sagte meine Großmutter immer so stolz, keine Kurzstrecken und keine Langstrecken. Zu anderen Gelegenheiten sang meine Mutter: Hab immer seine Nase nicht, doch habe nur sein Herz. Damit wollte sie ganz sicher ausdrücken, so verstand ich sie, dass ich ihr im Innersten fremd war, nichts von ihr habe, nichts von ihrer Familie, dass
ich ganz und gar nach meinem Vater komme. Schade, dass er tot ist, er hätte dich verstanden, sagte sie.

Sein Herz war heiter, freundlich und voller Zärtlichkeit, keiner Fliege konnte er etwas zuleide tun, dein Vater, sagte meine Großmutter, die verhasste Schwiegermutter meiner Mutter, der ich auch so ähnelte. Vater also sollte abends beim Einschlafen seine Augen über meinem Bett lassen. Dann, in der zweiten Strophe, sollte ich über mein Unrecht nachdenken: Aber deine Gnad und Jesu Blut machen alle Sünden gut? Darüber sang sie ganz schnell hinweg, nicht wie in einem Wiegenlied, sondern aufmunternd.

Gruselig, dachte ich. Da gab es also vielleicht wirklich jemanden, der mir jede Sünde, die ich im Laufe des Tages begangen hatte, wieder gut machen konnte? Zum Beispiel, dass ich die Eicheln für die hungernden Tiere im Tierpark, die ich in einem Holzkästchen gesammelt hatte, vergessen und darum nicht abgeliefert hatte.

In der dritten Strophe sollte ich an meine Verwandten denken. Die sollte Gott auch in seiner Hand halten, ziemlich große Hand, all diese Onkel und Tanten aus Hinterpommern, die meine Mutter und mich nicht geweckt hatten, als sie ihr Fluchtfuhrwerk packten, um Platz zu sparen für Betten, Wäsche und Geschirr. Und die gleich durchgefahren waren in den Westen, während meine Mutter mit mir allein mit einem nervösen Pferdchen und einer Sommerkutsche floh, dann im Osten blieb, erst in Greifswald, dann in Berlin, im östlichen Teil, zufällig. Diese egoistischen und treulosen Verwandten sollte Gott also auch in der Hand halten. Wir waren demnach mit denen in einer Hand.

Meine Mutter half mir mit diesem Lied zu einer fremden Wärme aus ihrer Kühle, ihrem Stolz und ihrer Unversöhnlichkeit, aus ihrer tagelangen, wochenlangen schweigenden Verletzt-heit, ihren Verwünschungen: Wärst du doch damals gestorben auf der Flucht.

***

Ich habe noch zwei Minuten in dieser wohligen Wärme und in diesem Lavendelduft.

Nebenan ist noch alles ruhig, denn er verlässt sich darauf, dass ich pünktlich aufstehen werde. Er weiß, dass ich mich sehr erschrecke, wenn er dreimal mit der Faust an die Wand klopft und mich so um Hilfe bittet, dass ich dann aus dem Tiefschlaf noch im Dunklen aufspringe, aus meinem Zimmer zu ihm laufe mit nackten Füßen, auf alles gefasst: dass er das Gleichgewicht verloren hat und nun nicht mehr allein hochkommt, dass er Schmerzen hat und die Schmerzmittel nicht ausreichen, dass die Wasserflasche aus Versehen das Bett ganz nass gemacht hat, dass eine Mutter mit ihrem Kind in der Küche steht, er sie durch
den Türspalt sieht und ihre unverständliche Unterhaltung hört: Wie kommen die durch die verschlossene Haustür nachts um zwei Uhr? Auf dem Sofa sitzen so viele fremde Menschen. Die Männerchöre singen schon wieder die ganze Nacht: Tochter Zion.

Noch ein wenig liegen bleiben.

Ich möchte mich klein fühlen, am liebsten weggeweht werden über das große Meer hinaus. Es gibt Menschen, die sagen: Bis zum Horizont nur Wasser. In diesem großen Wasser ist man einfach verloren, sagen sie, man muss sich schützen und verschließen vor den Gefahren und vor dem Bösen in allen Menschen.

Er aber liebt den Fluss seiner Kindheit, den Bober: Eine geborgene, eine übersichtliche Landschaft. Erst nach einer langen ruhigen Weile fließt der Bober in die Oder. Eine Wiese am Ufer, eine schmale Brücke, das gegenüberliegende Ufer ganz nah.

Schon mit siebzehn musste er als Soldat in den Krieg, das erzählt er immer wieder voll Traurigkeit, weg von dem Mädchen und für immer weg von seinem Fluss. Bald in einem anderen Land, mit anderem fremden Namen: Bobr. Ohne e.

Aber es blieb in ihm die Sehnsucht nach dem nahen gegenüberliegenden Ufer, dem ruhigen Wasser. Später das behäbige Segelboot auf dem Havelsee bei Berlin, noch später unsere Bootsfahrten durch die Kanäle, die Schleusen.

Jetzt schiebe ich ihn manchmal mit dem Rollstuhl aus unserem Dorfhaus bis zum Ende des Wiesenwegs an den kleinen See mit dem Schwingmoor in der Mitte, mit Trauerseeschwalben und Schwänen und Tauchern und Wildenten, über uns ein Milan. Es ist eine große Stille hier, eine Geborgenheit, wenn man die Nachrichten vergisst.

Immer die Sehnsucht nach dem nahen anderen Ufer. Sein ganzes Leben lang.

***

Es ist nichts so schlecht, dass es nicht auch zu etwas gut wäre, soll ich schon als kleines Kind zu meiner Mutter gesagt haben.

Zu ihrem Geburtstag im November 1946, hatte ich ihr eine Kette aus weißen Bohnen geschenkt, dafür von ihrer Mutter, meiner Oma aus dem Elsass, bei der wir nach der Flucht in Berlin Zuflucht gefunden hatten, ein paar Bohnen erbeten, heimlich eingeweicht und dann Bohne für Bohne durchstochen; sonst wären die Bohnen ja zu hart gewesen.

Eine solche Kette hatten im Jahr 1946 alle aus meiner Klasse ihren Müttern geschenkt. Und die Mütter der anderen freuten sich, nahmen ihre Kinder in den Arm und gaben ihnen einen
Kuss. So hatten es mir meine Freundinnen erzählt. Ich hockte also erwartungsvoll auf der Bettkante. Meine Mutter stand vor dem Spiegel.

Ich holte die Kette aus dem Versteck, schenkte sie ihr und sagte: Kuck mal, was ich für dich gemacht habe. Meine Mutter sah weiter in den Spiegel, um sich zum Ausgehen zu kämmen, als ich ihr vorschlug, die Weiße-Bohnen-Kette anzulegen. Sie wandte sich zu mir: Nein, so etwas trage ich nicht.

Ich bekam doch kein Taschengeld, um ihr etwas zu kaufen.

Meine Mutter lachte, vielleicht von der Armseligkeit angeekelt.

***

In acht Monaten an einem Septembermorgen wird er mich mit Spinnweben zwischen den Zweigen im Gegenlicht begrüßen, eigentlich freue ich mich schon vom klirrenden Neujahrstag an auf ihn: den Altweibersommer.

Die Reifezeit, das langsame Zurückziehen in die Wurzeln, in das Schneckenhaus. Das Ernten, die Mahd, das Dreschen, das Umgraben der Erde, das Düngen, das neue Säen: Das ist dann alles getan. Es ist genau wie beim Schreiben: Das Gespräch mit anderen Menschen hört auf für eine Zeit. Das Fragen, das Zuhören, auch das Lesen, was andere Menschen geschrieben haben, dann das Vergleichen mit dem Eigenen, das Grübeln, das Durchdenken, das Zweifeln, das Erinnern: an die Kindheit, an das eigene Leben, das Märchenlesen. Alles das hört auf für eine Weile. Dann kommt der immer weiter werdende Abstand zur Welt, nur noch zarte Spinnweben, leicht zerreißbar, verbinden die Schreibende auch mit den Menschen, die sie nun halten sollen an diesem kaum sichtbaren Faden.

Ist es nicht anmaßend, sich so ernst zu nehmen? Woher kommt die Überzeugung, gerade diese Begebenheit könnte auch nur einen einzigen Leser, eine einzige Leserin aufhorchen lassen? Woher kommt die Kraft, um die Aufmerksamkeit dieser anderen Menschen zu bitten, ihre Zeit und ihr Interesse zu beanspruchen?

Wissen sie nicht alles, sind sie nicht schon erwachsen, lebenserfahrener, sind sie nicht raffinierter im Geschmack, werden sie sich nicht langweilen, werden sie nicht spotten, heimlich oder ganz offen, werden sie die Geschichtenschreiberin nicht einfach verscheuchen?

Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.

Gleich werde ich mich aufrichten, auf meine Bettkante setzen, in die Hausschuhe schlüpfen, meine Bettdecke zusammenrollen und hinter die Rückenlehne meines Klappbetts legen, die rotgemusterte Wolldecke darüberlegen und bis 100 zählen.

Die Jalousien hochziehen, die Vorhänge beiseite schieben, das Sauerstoffgerät ausschalten und wegrollen, damit es dem Rollstuhl nicht im Wege steht, Kaffeewasser aufsetzen, die Haustür aufschließen und die Außenbeleuchtung ausschalten, die Zeitung aus dem Briefkasten nehmen, Brot in den Toaster, das Tablett mit dem Frühstücksgeschirr in den Winter-garten bringen, mich waschen und anziehen, für die Schwester, die kommen wird, seine frische Kleidung gestapelt in den Rollstuhl legen, die Medikamente, die acht Tabletten vor dem Frühstück, zusammen mit einem Glas Ginger Ale neben seinen Frühstücksteller legen. Und dann zu ihm gehen.

***

In diesen Stapeln um mich herum ist das Leben meiner Mutter geronnen. Sie kann nicht mehr darüber bestimmen. Aber ich kann die bunten orientalischen bestickten seidenen Hochzeitstücher darüberbreiten, die ich auf dem Flohmarkt am Berliner Preußenpark gekauft habe. Und wenn ich ein Tuch hochhebe, werde ich vielleicht zufällig diesen Liebesbrief lesen, den meine Mutter an eine chinesische Frau schrieb, nicht absandte, dann wieder neu versuchte.

Ihr Leben von über 100 Jahren wird unter diesen Hochzeitstüchern liegen wie in kostbaren farbigen Meereswellen. Es ist meine Schatzkammer. Ich muss nicht ertrinken in diesem Meer. Es kann auch alles darin versinken, es liegt nun an mir.

***

Wir wollen doch noch ein bisschen leben, sagte meine Mutter zu mir, als sie mit 101 auf der Intensivstation lag, den weichen Sauerstoffschlauch im Nasenloch, die Infusion mit Elektrolyten im Arm, nach der Morphiumspritze gegen die Atemnot, das Fenster geöffnet, draußen war es kalt im Februar.

Ich saß mit dem linken Ellbogen aufgestützt an ihrem Intensivbett. Sie drückte meine Hand zweieinhalb Stunden fest. Und sprach ununterbrochen, vieles verstand ich nicht, so leise und monoton: Ich habe drei Heldentaten vollbracht, die dich betrafen. Erstens: Ich habe dich nicht abgetrieben, obwohl dein Vater das wollte. Und für mich kamst du eigentlich auch unerwünscht. Wir haben deinetwegen im fünften Monat geheiratet. Zweitens: Ich habe dich bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen im Treck bis Greifswald geschoben, und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten. Dein Großvater verlangte nämlich von mir, dass ich mich vergifte oder erschieße. Gift und Pistole legte er vor mich auf den Tisch. Greifswald sollte als erste Stadt an die Russen kampflos übergeben werden, was Hitler ja verboten hatte. Du hast neben mir gesessen und warst fünf Jahre alt, gerade wieder auf den Beinen nach der Flucht, nach Typhus und Mittelohrvereiterung. Dann muss ich ja mein Kind vorher töten, habe ich zu ihm gesagt, das kann ich nicht. Da habe ich dich am Leben gelassen. Du warst eben dein ganzes Leben ein Sonntagskind, sagte meine Mutter zu mir, sechs Tage vor ihrem Tod.

Draußen vor dem Zimmer der Intensivstation in der Evangelischen Klinik saß eine Amsel in einem kahlen Baum. Ich sagte zu meiner Mutter: Ich verdanke dir, dass ich lebe, es ist alles gut.

Heute, vier Jahre später, würde ich noch etwas hinzufügen: Ich danke dir, dass du mir von klein an so viel von 1933 erzählt hast, wie alles kippte, von euerm Geschichtslehrer, der im Unterricht plötzlich sein Jackett auszog, und darunter war das Braunhemd, von eurem Er-schrecken, weil deine Freundin doch eine Jüdin war. Ich danke dir, dass du dich so schämtest, weil du eure Lehrerin nicht mehr besuchtest nach ihrer Entlassung, und dann wohnte sie nicht mehr am Bahnhof Grunewald. Ich danke dir, dass du abends mit mir, als ich ein Kind war, im russisch besetzten Sektor Berlins den RIAS hörtest, den Rundfunk im amerikanischen Sektor, und mir alles erklärtest: Im Westen sagen sie es so, und hier im Osten in der Zeitung und in eurer Schule sagen sie das Gegenteil, und es ist zum Teil gelogen. Dass ich zu meiner anderen Großmutter durfte, in allen Schulferien, trotz deines Hasses auf sie, dass du einmal nach dem Krieg, ich war sieben, mir einen Roller mit Holzrädern kauftest, spontan, es gab keinen besonderen Anlass.

Dieser kleine Roller stand vor dem Schaufenster eines Spielwarengeschäftes, und ich war nur kurz stehen geblieben, um ihn sehnsüchtig anzusehen. Wir waren schon weitergegangen, ich hatte um nichts gebeten, da nahmst du plötzlich aus deiner Geldbörse einen Schein und sagtest: Hier, kauf ihn dir.

An ihrem 100. und auch an ihrem 101. Geburtstag, immer im November, hatte sie in dieses Café im Erdgeschoß ihre Mitbewohner und die Pflegeschwestern eingeladen. Jedes Mal kam auch der Pfarrer, der sie einmal beerdigen sollte. Wir mussten auf den Wunsch meiner Mutter im November das Paul-Gerhardt-Lied singen: Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit. Das sollten wir auch zu ihrer Beerdigung singen, bestimmte sie.

Und wenn Sie aber nun im Winter sterben, hatte der Pfarrer sie gefragt, wenn vielleicht gar kein Sommer ist?

Dann müssen Sie es umdichten.

Sie starb im Februar. Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Jahreszeit, stand auf unseren Liedzetteln in der Kirche. Der Pfarrer hatte ihr den Wunsch erfüllt. Aber nur mit der ersten Zeile. Denn Tulipan und Salomonis Seide waren ihm einfach zu schön zum Umdichten.

***

Der Wecker klingelt. Ich bin doch wieder eingeschlafen. Nun stehe ich aber auf, gehe im dunklen Zimmer an seinem Bett vorbei, ziehe die Jalousien hoch, auf dem Fensterbrett der Pergamentstern an einem fast unsichtbaren silbrigen Faden, von der Palliativärztin bei ihrem ersten Besuch geschenkt. Den weißen, kunstvoll ausgeschnittenen Pergamentstern von dieser Frau, die so viel Endliches trösten und ertragen muss, habe ich in der Orchidee gelassen, dort, wohin sie ihn gehängt hatte, zwischen dunkelvioletten Blüten eine Hoffnung.

Ich drehe mich vom Fenster um, er breitet die Arme zu mir aus.

Alles gut.