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Familiäre Zwänge, Homosexualität und Erbe: Das Richard-Wagner-­Museum geht Wagner-Sohn auf die Spur

Ein Künstlerleben im Spannungsfeld von Vatererbe, Homosexualität und familiären Zwängen: Eine neue Ausstellung auf Tribschen wirft Schlaglichter auf den Sohn von Richard Wagner.
Urs Mattenberger
Früh in die Erretterrolle gedrängt: Wagners Sohn im Siegfrieds-Kostüm mit Schwert und Fell. (Bild: pd)

Früh in die Erretterrolle gedrängt: Wagners Sohn im Siegfrieds-Kostüm mit Schwert und Fell. (Bild: pd)

«Jetzt habe ich noch gern und froh zu leben», vermeldete Richard Wagner 1869 aus Tribschen die Geburt seines Sohnes: «Ein schöner, kräftiger Sohn mit hoher Stirn und klarem Auge, Siegfried Wagner, wird seines Vaters Namen erben und seine Werke der Welt erhalten!»

Das ist eines der vielsagenden Zitate, die durch die neue Aus­stellung im Richard-Wagner-­Museum auf Tribschen führen. Der Hinweis, dass Siegfried den Namen Wagner erben werde, ­verweist darauf, dass die «Siegfried»-Schau die Fortsetzung der Ausstellung ist, die vor drei Jahren hier Furore machte. Damals hatten die Ausstellungsmacherinnen Sibylle Ehrismann und Verena Nägele die spannende Geschichte des Schweizer Zweigs der Wagner-Familie aufgearbeitet, die auf die Ehe von Wagners – nicht anerkannter – erster Tochter Isolde mit dem Schweizer Dirigenten Franz Beidler zurückging.

Schon auf Tribschen begannen also die bis heute anhaltenden Querelen innerhalb der Wagner-Dynastie: Der Komponist hatte hier mit der Frau seines Freundes Hans von Bülow, Cosima, neben Isolde eine weitere Tochter gezeugt. Aber erst bei Siegfrieds Geburt drängte er auf eine rasche Scheidung seiner ­Geliebten, damit der Sohn seinen Namen erben würde. Nach Wagners Tod wurde Isolde gar über einen Gerichtsentscheid von der Erbfolge ausgeschlossen, um Siegfried das Alleinerbe zu sichern.

Verklausulierte Homosexualität

Vor diesem Hintergrund ist klar, welche Belastung die hohen ­Erwartungen für Siegfried als Thronfolger bedeuten mussten. Darauf weist schon das Bündel an Wegweisern hin, die in alle Richtungen weisen: Siegfried sollte die Dynastie weiterführen, die Bayreuther Festspiele leiten, als Dirigent und Komponist reüssieren, als Regisseur kreativ sein und doch das Werk seines Vaters bewahren. Konflikte wie jene um Siegfrieds Homosexualität und später die Nähe zu Hitler waren da vorprogrammiert.

Die mit vielen schönen Faksimiles, Bildern und Drucken ausgestattete Ausstellung beleuchtet im Gang durch die grossbürgerlichen Zimmer einzelne Stationen und Aspekte dieses zerrissenen Lebens. Im winzigen Geburtszimmer zeigt eine Fotografie, wie früh Wagner seinen Sohn in die Rolle des Erretters «Siegfried» (mit Schwert und Fellkostüm) drängte. Eine Laterna Magica erinnert daran, wie die Kinder auf Tribschen selbstverständlich mit Theatermagie aufwuchsen.

Eine geschickte Lösung fand das Ausstellungsduo für das Kapitel Homosexualität. Hinter einem Paravent sind einige der spärlich erhaltenen und öffentlich zugänglichen Dokumente zum damals brisanten Thema versteckt: Ein Liebesbrief Siegfrieds an seinen Freund Clement Harris, mit dem er Reisen nach Asien unternahm, oder eine Fotografie, die ihn – damals noch ungewöhnlich – in lockerer Pose in Badehose zeigt. Selbst seine Gegner sprachen freilich nur verklausuliert von seiner Homosexualität, wie eine Schmähschrift über den «Heiland aus andersfarbiger Kiste» zeigt. ­ In einem weiteren Raum prallen Welten aufeinander, in deren Spannungsfeld sich Siegfried bewegte. Auf der einen Seite ist das die Sakralisierung des Wagner-Erbes – etwa im Bild, das den Siegfried als Jesuskind in der Heiligen Familie zeigt. Auf der anderen Seite wird Siegfried als Maler, Architekt und Regisseur gewürdigt, der mit moderner Bühnentechnik in Bayreuth neue Wege ging. Märchenspiel-Partituren zeigen, wie er unter dem Einfluss von Humperdinck als Komponist einen verwandten und doch anderen Weg als sein Vater suchte.

Mit Hitler ein Bollwerk gegen den Bolschewismus

Im Hauptraum steht die Nähe Bayreuths zu Adolf Hitler im Zentrum, der 1923 erstmals in Wahnfried zu Gast war. Die Dokumente und Siegfrieds kulturpolitische Äusserungen zu Bayreuth als Bollwerk gegen den «Kunstbolschewismus» belegen, wie sehr nicht nur seine Frau Winifred (1897 bis 1980), sondern auch Siegfried selber Adolf Hitler hofierten. Bühnenbilder zu Inszenierungen von Siegfried Wagner halten dem entgegen, dass er als Regisseur trotz seiner konservativen Grundhaltung doch auch neue Wege ging, indem er Farbe und Licht pointiert einbezog.

So verlässt man die Ausstellung durch den letzten Raum, der in einer Art Familienaufstellung die Bezugspersonen um Siegfried versammelt, eigenartig berührt. Zurück bleibt, ohne jede billige Kritik, der Eindruck eines Sohnes, der letztlich an der Herkulesaufgabe, vor die ihn das Erbe ­seines Vaters stellte, scheiterte.

«So wird mir der Weg gewiesen. 150 Jahre Siegfried Wagner (1869–1930)», Richard-Wagner- Museum, Di bis So von 11 bis 17 Uhr. Infos und Veranstaltungen: www.richard-wagner-museum.ch

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