Konzert in der Hofkirche: Der Sonntag als Jahrmarktsfest

Bei einem Interpreten, der eigenwillig alle Stile adaptiert wie der Luzerner Hof­organist Wolfgang Sieber, ist fast jedes Konzert eine Art Uraufführung. Ausdrücklich eine solche stand aber – kombiniert mit Werken von Paul Huber – am Samstag im Konzert des Kammerchors Wil in der Hofkirche Luzern auf dem Programm.

Urs Mattenberger
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Wolfgang Sieber, hier am 7. Januar 2014 im KKL. (Bild: PD)

Wolfgang Sieber, hier am 7. Januar 2014 im KKL. (Bild: PD)

Man fragte sich, wie weit die Komposition eines halbstündigen Werks über die Stiladaptionen hinausgehen würde, wie man sie von Sieber kennt. Denn für den «Wiler Sunntig» wünschte sich der Chor aus der Ostschweiz, wo der Toggenburger neben Luzern noch heute tätig ist, den Einbezug volksmusikalischer Elemente. Sieber baut sie ein in einen Ablauf, dessen drei Teile mit Sonntags-Assoziationen wie Religion, Gemeinschaft, Natur und Kultur spielen.

Vom Natur-Jodel zu urbanen Big-Band-Sounds

Die Gemeinschaft inszeniert Sieber, indem er in adaptierten Volksliedern zum Kammerchor Kinder- und Jugendchöre (ebenfalls aus Wil) einbezieht, die auch mal in einem alltäglichen Sprachton von ihrem «Städtli» erzählen. Natur symbolisieren die spektakulären Einsätze von Heinz della Torre mit Kuh- und Alphorn, Büchel und Trompete. Natur und Gebet verschmelzen im ergreifenden Naturjodel von Arlette Wismer.

Kompositorisch über Stiladaptionen hinaus geht die Art, wie Sieber diese im Ablauf weiterentwickelt. Wenn zum Naturjodel eine Bläserstimme hinzukommt, werden die Natur- und Gebetssphäre selber zum Kulturprodukt. Wo im Wiler «Städtlilied» die «grosse Welt» genannt wird, bricht Heinz della Torres Trompete lasziv-jazzig in die Idylle ein und schlingert durch die urbanen Big-Band-Sounds der prominent und farbig eingesetzten Hoforgel.

Die grosse Form lebt zudem vom Kontrast zwischen einem zarten Mystizismus und tänzerischer Motorik. Das führt an Höhepunkten zu Turbulenzen, die an Gustav Mahlers Idee der Jahrmarkts-Polyphonie erinnern und die zum Schluss mit einem rasanten Schäfli-Schottisch diesen Sonntag zum Fest machen. (mat)