Der weltbekannte St. Galler Globus ist bald in 3D zu sehen

Der weltbekannte St. Galler Globus wird digitalisiert: Sowohl die Kopie in St. Gallen wie auch das Original im Landesmuseum. Auch der Klosterplan wird bald in 3D für alle einsehbar sein.

Bruno Knellwolf
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Mitten im Flur des Dekanatsflügels des Stiftsbezirks hat Martin Stollenwerk ein schwarzes Zelt aufgestellt. Darunter steht in grellem Licht der weltbekannte St. Galler Globus, oder besser gesagt eine Kopie davon. Das Original haben die Zürcher Truppen im Zweiten Villmerger Krieg erbeutet und 1712 nach Zürich bringen lassen. Die St. Galler haben das Beutegut in der Folge immer wieder zurück gefordert, was um die Jahrtausendwende zu einem Kulturgüterstreit geführt hat. Als Resultat daraus haben die Zürcher den St. Gallern 2006 die originaltreue Replik geschenkt.

Stollenwerk trägt feine Baumwollhandschuhe und bewegt den 2009 fertig gestellten Globus ganz vorsichtig. Kein Fettfleck darf auf das prächtige 2,3 Meter hohe Kunstwerk. Er kriecht unter den Erd- und Himmelsglobus, um die davor aufgestellte Spiegelreflex-Kamera genau auszurichten. Seine Assistentin beschäftigt sich derweil mit den Scheinwerfern. «Die Kugel ist eine Herausforderung wegen ihres Glanzes und der Spiegelung», sagt Stollenwerk. Der Zürcher ist Spezialist in der Fotogrammetrie von Kulturgütern und Kunstwerken. Aus 2D macht Stollenwerk 3D, indem er das Kulturgut in hoher Auflösung visualisiert und somit digital reproduziert. Mit einem Wedel wischt er den Staub von der Oberfläche. Dank der hohen Auflösung seiner Bilder sieht Stollenwerk jeden Partikel, auch solche die unter dem Lack sind.

Alle Kamerapositionen vorausberechnet

Stollenwerk hat in seinem Studio in Zürich alle Kamerapositionen für die 3D-Visualisierung vorausberechnet und auf einem Papier aufgezeichnet, schliesslich muss die gesamte Weltkugel erfasst werden. Dafür müssen sich die einzelnen Bilder bei den Aufnahmen überlappen. Danach werden sie von einer sehr leistungsstarken Spezialsoftware zu einem virtuellen 3D-Globus zusammengerechnet. «Auch den Lichteinsatz habe ich vorausgedacht. Doch das ist nicht immer aufgegangen», sagt Stollenwerk.

«Jeder Punkt auf dem Globus muss idealerweise auf neun Bildern drauf sein.» Eigentlich handle es sich um ein Vermessungsverfahren, so wie man auch Luftaufnahmen der Erde zu einer Karte zusammensetze, erklärt Stollenwerk. Auch ein Bild von Monet hat Stollenwerk visualisiert und zwar mit so hoher Auflösung, dass daraus «ein topografisches Modell des Pinselauftrags des französischen Künstlers entstanden ist».

Vom St. Galler Globus wird nun in Kürze nicht nur die Replik in 3D zu sehen sein, sondern auch das Original. Das ETH-Institut für Fotogrammetrie und Geodäsie von Professor Konrad Schindler hat diesen vor vier Monaten im Landesmuseum in Zürich fotogrammetrisch erfasst. Im Prinzip sei auf der digitalen Kopie nicht mehr zu sehen als auf dem Original, sagt Schindler. «Eventuell können aber neue Erkenntnisse gewonnen werden, weil die digitale Version einem viel grösseren Kreis von Interessierten und Experten zur Verfügung gestellt werden kann.» So soll das Original aus dem Nationalmuseum übers Internet zugänglich gemacht werden.

Das gilt auch für die St. Galler Replik, die in der Stiftsbibliothek steht, wie Stiftsbibliothekar Cornel Dora erklärt. «Wir werden die 3D-Visualisierung gemeinsam mit dem Nationalmuseum für ein noch genauer zu entwickelndes Vermittlungsprojekt nutzen, aber natürlich auch für unsere Dokumentation», sagt Dora. Die Fotogrammetrie habe vielfältigen Nutzen, sagt Stollenwerk. In Denkmälern könnte man damit zum Beispiel Risse in den Steinen feststellen, was der Denkmalpflege helfe. Und ETH-Professor Schindler ergänzt: «Wenn man ein Objekt mit spezieller Beleuchtung aufnimmt, zum Beispiel in Ultraviolett, können bestimmte relevante Veränderungen sichtbar gemacht werden, die man mit blossem Auge nicht sieht».

Stollenwerk hat auch den Klosterplan digitalisiert

Im Auftrag der Stiftsbibliothek hat Stollenwerk kürzlich auch den Klosterplan digital visualisiert. Darauf könne man nun verborgene Risschen und Abschabungen entdecken. «Mit der Visualisierung des Klosterplans erhoffen wir uns neue Erkenntnisse zur Machart der Zeichnung», sagt Dora. Also zum Beispiel mit welchen Werkzeugen dieser wie und in welcher Reihenfolge produziert worden ist. Und wie beim Globus soll auch die 3D-Aufnahme des Klosterplans der Allgemeinheit und der Forschung dienen: «Wir möchten sie der Forschung in geeigneter Weise auf unsrer Digitalisierungsplattform e-codices zur Verfügung stellen», sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora.