«Dirty Dancing»

Der starke Mann und sein Baby: 30 Jahre nach dem Kino-Hit schmelzen nun die Musical-Fans dahin

30 Jahre nach dem Kinofilm strömen Fans von «Dirty Dancing» begeistert ins Musical Theater Basel — flache Inszenierung hin oder her.

Yannette Meshesha
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«Oh Loverboy» funktioniert auch nach 30 Jahren noch.

«Oh Loverboy» funktioniert auch nach 30 Jahren noch.

Jens Hauer

Alles hält den Atem an. Noch ein Lächeln, drei Schritte rückwärts, das zartrosa Kleid flattert um die Knie und dann springt sie los, direkt auf ihn zu. Und als Johnny sein Baby mit muskulösen Armen in die weltberühmte Schwebefigur hochhebt, bricht tosender Applaus los.

Zum Refrain von «The Time of my Life» jubelt und schluchzt das Publikum im Musical Theater Basel. Die Schweizer Premiere von «Dirty Dancing – Das Original live on Tour» am Dienstagabend endet mit einer Standing Ovation. Und das 30 Jahre nach Erscheinen des Kinofilms. Selbst ohne jegliche Aktualisierung des Stoffs reisst diese immer gleiche Story die Zuschauer von den Sitzen.

Die Geschichte der Tochter aus gutem Hause und des armen Schluckers, die sich beim Tanzen ineinander verlieben, ist seit 1987, als «Dirty Dancing» zum ersten Mal über die Kinoleinwände der Welt flimmerte, unzählige Male nacherzählt worden. Tanzfilme wie «Step Up» oder «Take the Lead» nehmen auch die Kombination von starrem Gesellschaftstanz und leidenschaftlichen Strassen-Moves als Thema auf. Tanzen als Befreiungsschlag aus gesellschaftlichen Normen scheint als Botschaft auch heute noch anzukommen.

Nostalgie statt Emanzipation

Was die Bühneninszenierung von «Dirty Dancing» hingegen verpasst, ist die Chance, das gesellschaftskritische Potenzial des Films zu aktualisieren. Sowohl die historische Einbettung ins Jahr 1963, als die amerikanische Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Jr. tobte, als auch die Figurenzeichnung werden unreflektiert übernommen.

Lieber lässt man die Darsteller nostalgisch «We shall overcome» singen, als darauf hinzuweisen, dass Rassismus und Diskriminierung heute in anderen Formen als der gesetzlichen Apartheid um sich greifen.

Die naive Baby wandert auch unhinterfragt von der schützenden Hand des Vaters in die starken Arme des Liebhabers, ohne sich ein einziges Mal von der männlichen Bestimmungsgewalt in ihrem Leben zu emanzipieren. Das Muster der ungehorsamen Tochter hätte durchaus eine stärkere, selbstbestimmtere Interpretation der Figur zugelassen. Aber wie erwartet kopiert Johnny in der letzten Szene brav das Filmzitat: «Mein Baby gehört zu mir.» Und wie erwartet schmelzen die Frauen im Publikum dahin — was für ein grosser, starker Mann.

Einen Tanzfilm auf die Musicalbühne zu holen funktioniert deshalb, weil Tanz live begeistert. Da stört es wenig, dass die Schauspielkunst beim Versuch, Patrick Swayzes und Jennifer Greys ikonische Hauptfiguren zu kopieren, an Authentizität vermissen lässt. Die Cast bewegt sich dafür tänzerisch auf hohem Niveau. Nur die verrauchte Schmuddeligkeit der «Staff Quarters» aus dem Film kommt auf der bunten, hellen Bühne nicht herüber, Wassermelone hin oder her.

Vielleicht schätzen Musicalfans das zuverlässig Immergleiche, das einen wenigstens für zwei Stunden der Welt entfliehen lässt, während man in Erinnerung an die erste grosse Liebe schwelgt. Und dafür zumindest eignet sich «Dirty Dancing» perfekt. Flieg, Baby!

Dirty Dancing Musical Theater Basel: 21. November bis 3. Dezember 2017.
Theater 11 Zürich: 6. bis 18. März 2018