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Der Stift ist schneller als der Computer

Porträt Lorenz Rieser (27)ist Illustrator. Er arbeitet multimedial und nutzt neuste Technologie. Doch Papier und Bleistift sind ihm unverzichtbar.
Kurt Beck
Lorenz Rieser bei der Montage seines Lichtbildes im SGV-Schiffssteg 1 in Luzern.

Lorenz Rieser bei der Montage seines Lichtbildes im SGV-Schiffssteg 1 in Luzern.

Fumetto, das internationale Comic-Festival in Luzern, ist für den auf dem Steinhuserberg bei Wolhusen aufgewachsenen Lorenz Rieser jeweils ein Höhepunkt des Jahres. Nicht so sehr, weil der Illustrator selber mit Arbeiten am Festival der angewandten Zeichnung vertreten ist, sondern weil er dann tagelang bei meist miesem Aprilwetter durch die Stadt schlendern, sich die Ausstellungen ansehen und dabei immer wieder Neues und Überraschendes entdecken kann. Dann im Café mit alten und neuen Freunden aus aller Welt ausgiebig über das Gesehene diskutieren: «Ich liebe diese Zeit, für mich die schönste im städtischen Jahreszyklus.»

Lichtbild am Schiffssteg

Auch am diesjährigen Fumetto ist Lorenz Rieser in einer Satellitenausstellung vertreten. Er bespielt sogar einen prominenten Ort: den grossen Schiffssteg am Bahnhof. Dort hat er ein Nachtbild an der grossen Glaswand platziert. Die auf spezieller, transparenter Folie aufgezogene Gebäudeansicht wird durch Tageslicht illuminiert und erweckt den Eindruck eines immensen Leuchtkastens, aus dem sich die spärlich beleuchtete Fassade gespenstisch abzeichnet.

Nächtlicher Spuk am helllichten Tag, für einen Illustrator kein Problem. Wo Foto- und Filmkameras scheitern, kann der Illustrator mit Stift oder Tusche und Pinsel realistische Ansichten schaffen, die sonst nur in der Fantasie vorhanden oder bloss ausgedacht sind.

Illustrator – dem Begriff haftet etwas altmodisch Handwerkliches an, vor allem in Zeiten der computerisierten Bildproduktion. «Da ist schon was dran», meint Lorenz Rieser, während er sein elegantes MacBook Pro aufklappt, um zwei wichtige Projekte zu zeigen, die er in jüngster Zeit realisiert hat, und fährt fort: «Doch die altmodische Bleistiftzeichnung erfüllt auch heute noch ex­trem ihren Zweck.» Stift und Papier sind bei seiner Arbeit unverzichtbar: «Alles, was ich mir überlege, meine Ideen und Einfälle, muss ich sofort hinkritzeln. So bringe ich die Gedanken in eine kommunizierbare Form, die man anschauen, über die man reden, die man verwerfen oder weiterentwickeln kann. Dies ist nur mit der Zeichnung schnell und ohne Aufwand möglich.»

Touristische Konzeptarbeit

Die Zeichnung steht am Anfang aller Projekte, und von der ersten Idee bis zum fertigen Konzept braucht es leicht fünfzig Skizzen und manchmal über ­einen Monat Zeit. Projekte, das heisst im Fall von Lorenz Rieser nicht nur die Gestaltung eines Plakates, die Bebilderung einer Geschichte oder ein Comic zur Publikation. Er arbeitet seit 2009 in der international operierenden Luzerner Agentur Erlebnisplan, einem Kreativ-Spezialisten, der spezielle Tourismus­attraktionen entwickelt. Themenwege, speziell bestückte Skipisten, Spielplätze, ein Wasserpark – alles Projekte der Agentur – würde man nicht unbedingt mit der Arbeit eines Illustrators in Verbindung bringen. Doch die Dokumentation im Mac beweist das Gegenteil. Ob Brunnenbaum, der aus allen Astlöchern spritzt, Slalompiste mit Steinböcken, Wippe in Form eines fliegenden Adlers oder Sprungschanze, die über den Bauch eines Bären führt – zuerst war die Zeichnung, mit der der Illustrator die Ideen zu Papier gebracht hat. Als Zeichner hat Lorenz Rieser in der Agentur begonnen, inzwischen übernimmt er Konzeptarbeit und lässt auch andere für sich zeichnen.

Applaus für den Zeichner

Angestellt ist er in einem 80-Prozent-Pensum. Da bleibt etwas Zeit für freie Arbeiten, die weniger unter Termin und Effizienzdruck stehen und erlauben, sich tiefer ins Thema hineinzuarbeiten. Sein aktuellstes freies Projekt ist eine Theaterproduktion. Lorenz Rieser erzählt in 200 Aquarellen die Geschichte des tragisch endenden Jodlers Wysel. Die Zeichnungen werden auf drei Leinwände projiziert, während die Musiker auf der Bühne spielen. «Es ist eine meiner schönsten Arbeiten», erklärt Rieser, der sich dreieinhalb Monate dafür Zeit genommen hat. «Speziell war auch, dass ich Applaus vom Publikum bekam, das erlebt man als Illustrator sonst eher selten.»

Freie Aufträge übernimmt er, wenn er Zeit und Lust hat. Er zeichnet an Hochzeiten, visualisiert Ideen in Workshops, interveniert gestalterisch am B-Sides Festival und hat aktuell einen Auftrag für das Fantoche-Filmfestival. Suchen muss er sich die Kunden nicht, sie finden ihn. Dank Mundpropaganda oder durch Vermittlung der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Hier hat er auch studiert und 2008 seinen Bachelor mit Auszeichnung gemacht. Begonnen hat seine kreative Laufbahn allerdings schon früher: Bereits als Bub hat er Geschichten mit Vorliebe in Bildern erzählt. Seine Maturarbeit, ein Comic, legte das Ausbildungsziel endgültig im visuell gestalterischen Bereich fest.

Wohlfühlstadt Luzern

Lorenz Rieser ist von seiner Arbeit voll in Beschlag genommen. Obwohl oft anstrengend, eine sehr befriedigende Situa­tion für ihn. «Ich bin ein neugieriger Mensch, und durch meine Arbeit habe ich die Möglichkeit, immer wieder neu spannende Leute, Themen und Welten kennen zu lernen. Darin liegt für mich die grösste Motivation.» Dafür hat er weniger Zeit für Reisen. Zuletzt war er für einen Monat in Japan. «Spannend wären die USA oder Afrika, auch für einen Monat oder besser drei.»

So sehr den Illustrator fremde Welten locken, er hält es sehr wohl in Luzern aus: «Luzern ist eine Wohlfühlstadt», meint er, der gerne ins Luzerner Theater geht, Indie-Bands geniesst und das lebendige Nachtleben der Stadt schätzt. Er würde es schätzen, gäbe es noch mehr improvisierte Cafés und Bars. Doch dies ist kein Grund, nach Berlin, einer kreativen Hochburg, auszuwandern, auch nicht aus Karrieregründen. Denn: «Alle wollen dahin, doch da fehlt das Geld, und hier werde ich für meine Arbeit gut bezahlt.»

HINWEIS

Das Leuchtbild am SGV-Schiffssteg 1, Luzern, ist bis 17. März frei zugänglich. www.lorenzrieser.ch

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