Festival
Der «Szenenwechsel» erprobte erfolgreich Festivalformate mit Zukunft

Das Festival der Musikhochschule Luzern fand zum Schluss auch ohne Publikum zu einer Festivalstimmung ganz eigener Art. Und sprach mit 2000 Aufrufen über das gesamte Wochenende erfreulich viele virtuelle Besucher an.

Urs Mattenberger
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Viele musikalische Höhepunkte mit Ensembles der Musikhochschule Luzern: Die Big Band unter der Leitung von David Grottschreiber nimmt ihr Gil-Evans-Programm im Neubau der Musikhochschule für den Stream auf.

Viele musikalische Höhepunkte mit Ensembles der Musikhochschule Luzern: Die Big Band unter der Leitung von David Grottschreiber nimmt ihr Gil-Evans-Programm im Neubau der Musikhochschule für den Stream auf.

HSLU / Priska Ketterer

Kann sich an einem online-Musikfestival ohne Live-Publikum Festivalstimmung ergeben? Der «Szenenwechsel» der Musikchschule Luzern, der am Sonntag zu Ende ging, hatte die Absurdität dieser Situation im Eröffnungsclip am Freitag selber thematisiert.

«Hallo Erde!» begrüsste uns auf Chinesisch eine Stimme aus einer fernen Zukunft vom Mars, aus der Menschen wegrationalisiert sind. Im Gegensatz zur Stammschule auf der Erde, der Musikhochschule Luzern. Die bietet noch immer das «Vollprogramm» mit – männlichen wie weiblichen – Musikstudenten, Dozenten und Forschern aus Fleisch und Blut (vgl. Beitrag separaten Beitrag).

Sie alle führte das «Szenenwechsel»-Festival zum Thema «Re-Mix» mit der neuartigen Kombination von Konzerten und Diskussionsrunden zusammen. Nur eben: Weil es online stattfand fehlte das Publikum. Und die ersten Beiträge am Freitag und Samstag verpassten es, das digitale Format für einen neuartigen Austausch zu nutzen. Die Expertenrunden waren zwar interessant, aber sie blieben in sich geschlossene Zirkel mit stark akademischer Ausrichtung. Immerhin bewegten sich die Konzerte mit Ensembles der Musikhochschule auf hohem Niveau - von klassischen Klaviertrios über die Volksmusik bis hin zur Big Band, die am Samstag den Komponisten und Arrangeuer Gil Evans vorstellte.

Im Verlauf der drei Tage fand das Festival aber doch zu interaktiven Formaten. Ein Hammerbeispiel bot das Konzert vom Samstag Nachmittag. Da spielten Musikstudenten – wie in allen Konzerten auf ausgezeichnetem Niveau – zeitgenössische Musik, die digitale Techniken des Remixens nutzen.

Remix zwischen Europäer, Chinesen und Inder

Johannes Kreidler trieb diese Möglichkeiten in seiner «Fremdarbeit» auf die Spitze. Er schilderte, wie er eigene Stücke, die mit Samples und Instrumentalklängen arbeiten, transformieren liess. Er bestellte bei einem chinesischen Auftragskomponisten Kompositionen über dieses Material. Liess von einem indischen Informatiker eine Software entwickeln, die ähnliche Stücke generiert. Und stellte diese schliesslich dem chinesischen Auftragskomponisten für neuerliche Kompositionen zur Verfügung.

Das war ein so lehrreicher wie unterhaltsamer Beitrag zum Thema, bei dem sich die live eingespielten Kompositionen und die Erläuterungen zu deren Entstehungsprozess zu einem eigenen Performanceformat verbanden. Eine Steigerung bot nur am Sonntag eine Forschungstagung zu Bachs Chaconne, wo der länderübergreifende Austausch digital-live über Zoom stattfand.

Im Bach-Delirium: Charlotte Hugs vielstimmig schwirrende Bearbeitung war ein musikalischer Höhepunkt zur digitalen Forschungstagung zu Bachs Chaconne.

Im Bach-Delirium: Charlotte Hugs vielstimmig schwirrende Bearbeitung war ein musikalischer Höhepunkt zur digitalen Forschungstagung zu Bachs Chaconne.

HSLU / Priska Ketterer

Schon das Thema wurde faszinierend aufgefächert, wenn die Geigerin Leila Shayegh mit Klangbeispielen den Umgang mit historischen Quellen erläuterte oder Susan McClary der Herkunft der Chaconne aus exotischen Tänzen nachging. Dazwischen erklang Bachs Meisterwerk für Violine solo in unterschiedlichsten Bearbeitungen – etwa vielstimmig erweitert von der Bratschistin Charlotte Hug. Keine Frage: Im Zusammenspiel von vorproduzierten Streams und dem live-Austausch auf Zoom wurde hier ein Format erprobt, das sicher künftige Live-Festivals sinnvoll ergänzen wird.

Die Musikhochschule verzeichnete rund 2000 Aufrufe der Konzerte und Forschungstalks. «Mir persönlich erscheint das eine sehr beachtliche Zahl,» sagt dazu Departementsdirektor Valentin Gloor: «Ich freue mich, dass wir so viele Leute erreichen konnten – allen schwierigen Umständen zum Trotz. Dies ist dem Engagement unserer Dozierenden, Mitarbeitenden und Studierenden zu verdanken.»

Ein Teil des Streamingangebots ist noch verfügbar unter: hslu.ch/szenenwechsel