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Der Tanz auf dem Vulkan

Die israelische Metropole Tel Aviv, wo zurzeit der Eurovision Song Contest stattfindet, gilt als hippe Partystadt. Ihr Image, in dem auch die Bauhaus-Architektur eine zentrale Rolle spielt, verdankt die Stadt einem cleveren Marketing.
Urs Bader
Die «Weisse Nacht» von Tel Aviv, ein riesiger Kulturanlass, bringt gegen Ende Juni jeweils Zehntausende Menschen auf die Strassen, zu Konzerten, Partys, Ausstellungen und Stadtführungen. (Bild: Peter Loewy)

Die «Weisse Nacht» von Tel Aviv, ein riesiger Kulturanlass, bringt gegen Ende Juni jeweils Zehntausende Menschen auf die Strassen, zu Konzerten, Partys, Ausstellungen und Stadtführungen. (Bild: Peter Loewy)

Der Eurovision Song Contest bringt Tel Aviv in die internationalen Schlagzeilen. Der Wettbewerb ist dort gut aufgehoben – Tel Aviv ist eine der angesagtesten Partystädte der Welt. Und sie ist tolerant gegenüber allen sexuellen Ausrichtungen und gegenüber allem Schrägen. Das ist auch ein Ergebnis des Marketings der Stadt, des City-Brandings, das Tel Aviv seit längerem als offene, weltstädtische, freizügige Metropole darstellt und feiert. Mit Erfolg – und mit Schattenseiten.

Dies dokumentiert die Ausstellung «All about Tel Aviv-Jaffa. Die Erfindung einer Stadt» im Jüdischen Museum im vorarlbergischen Hohenems.

Die Stadt sollte neu erfunden werden

Das Image, das die Stadt hat – und wie sie auf den ersten Blick ja auch ist – nahm seinen Anfang in den 1970er-Jahren. Damals war sie überaltert, vernachlässigt, schmuddelig und vom Verfall bedroht; junge Familien zogen weg. Die Verantwortlichen beschlossen, die Stadt neu zu erfinden. «Es war eine bewusste Entscheidung, auf City-Branding zu setzen, um die Stadt vor dem Abstieg zu bewahren», heisst es in der Ausstellung. Heute feiert sich Tel Aviv nicht nur als Partystadt, sondern auch als Start-up-Metropole, als Stadt der Kreativen und als «weltweit grösstes Ensemble von Bauhaus-Architektur». Dieses Ensemble, als «weisse Stadt» vermarktet, ist seit 2003 Unesco-Weltkulturerbe. «Die Marke ‹Tel Aviv› ist schiere Gegenwart, scheinbar unbelastet von einer traumatischen Vergangenheit und einer unsicheren Zukunft.» Als Besucher der Stadt spürt man diese Ambivalenz insbesondere dann, wenn man sich zuvor in Jerusalem aufgehalten hat, wo die Geschichte der Region und der ungelöste Konflikt mit den Palästinensern sicht- und greifbar sind. Und ungeachtet dessen, dass Tel Aviv nur etwa 70 Kilometer vom Gazastreifen entfernt ist, aus dem die militante Hamas Raketen auf israelisches Territorium abfeuert, auch Richtung Tel Aviv.

Blick hinter die Fassaden

Die Ausstellung in Hohenems schaut mit dem aus Tel Aviv stammenden Fotografen Peter Loewy hinter die Fassade des erfolgreichen City-Brandings, also auch hinter die Fassaden der Stadt. In fotografischer Dokumentation, aber auch mit Zeichnungen, alten Postkarten und Briefen, Zeitungsausschnitten, Stadtplänen, Filmausschnitten und anderem zeigt die Ausstellung ein viele Mythen entlarvendes Panorama Tel Avivs. Die Enge im Ausstellungsraum, die vielen Exponate und insbesondere die Präsentation der Fotos auf mehreren Monitoren als stumme Tonbildschauen schaffen die Atmosphäre einer «Stadt ohne Pause». Dies fordert vom Besucher einiges an Konzentration, will er sich nicht in den Eindrücken verlieren.

Dem City-Marketing wird Schönfärberei vorgeworfen

Die Ausstellung setzt ein mit der Gründung Tel Avivs 1909 als Vorort der alten arabischen Hafenstadt Jaffa und als erster «hebräischer Stadt» der Moderne. Schon das Foto von der angeblichen Gründungszeremonie blendet die historische Realität aus und legt nahe, die Stadt sei in einer menschenleeren Gegend gegründet worden. Das war aber nicht so. Schon bald kam es zwischen arabischen und jüdischen Bevölkerungsgruppen zu Spannungen. Nach dem Krieg von 1948, der der Staatsgründung Israels vorausging, waren von etwa 70000 arabischen Muslimen und Christen, die in Jaffa gelebt hatten, nur 4000 zurückgeblieben. In der Ausstellung heisst es dazu: «Nach dem Krieg wurden die wenigen, nicht zerstörten Überreste von Jaffa zum Hinterhof der boomenden Stadt und zur pittoresken Kulisse für Touristen.» Heute ist die Gentrifizierung das Problem, nicht nur für Jaffa, sondern auch andere Stadtteile, wo randständige Bevölkerungsgruppen leben. Sie werden aus günstigem Wohnraum verdrängt durch Trendlokale, Ateliers, Galerien, Büros.

Blase, die platzen kann

Vor diesem Hintergrund erscheint die «weisse Stadt» – die 2019 besondere Beachtung findet, da 100 Jahre Bauhaus gefeiert wird – vielen als koloniale Metapher und deren Propagierung als Schönfärberei. Dem City-Marketing wird gelegentlich «white-washing» vorgeworfen. In der Ausstellung heisst es dazu: «Die sozialen Gräben der Stadt, die brüchige Koexistenz der verschiedenen Einwanderer in der Stadt und die verdrängte arabische Geschichte und Gegenwart kommen darin nicht vor.» Und auch nicht das Bild der Blase, das gerne gebraucht wird, um Tel Aviv vom restlichen, ziemlich anderen Israel abzugrenzen – und die jederzeit platzen kann.

Hinweis: Jüdisches Museum Hohenems, bis 6.10.

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