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Hazel Brugger im Kleintheater: Der Umweg ist das Ziel

Hazel Brugger feiert im Kleintheater in Luzern mit ihrem neuen Stück «Tropical» eine vielbeklatschte Premiere. So richtig gut war sie vor allem in den spontanen Momenten.
Michael Graber
Hazel Brugger auf der Bühne des Kleintheaters. (Bild: PD/Peter Hauser)

Hazel Brugger auf der Bühne des Kleintheaters. (Bild: PD/Peter Hauser)

Der Schluss ist entwaffnend: ­Hazel Brugger beendet ihr zweites Soloprogramm mit einer Fragerunde. Man solle einfach Fragen reinrufen, sagt sie. Oder, fast noch besser, gleich Antworten, und sie dichte dann die Frage dazu. Sie erntet erstmals: Stille. Jenes Publikum, das vorhin sehr oft laut gelacht hat, verstummt. Das mag an der Schweizer Zurückhaltung liegen, aber sicherlich auch an einer grossen Portion Ehrfurcht. Zu gross der Respekt, dass einem die Zürcher Schnelldenkerin die Frage gleich doppelt um den Kopf zurückhaut und die Banalität des Inhalts gnadenlos im Bühnenlicht seziert. Weil: Hazel Brugger ist ja böse. Sie soll sogar die «böseste Frau der Schweiz» sein, wie mal eine Zeitung titelte.

Und ja: Brugger ist auch in ihrem neuen Programm «Tropical», das am Freitag in Luzern Premiere feierte, böse. Zwei, drei Mal auch richtig derb. «Ich teste ein bisschen eure Grenzen», sagt Brugger einmal, «ich merke, das geht schon noch etwas tiefer.» So richtig getestet werden die Grenzen dann aber doch nicht, eher wird die Gürtellinie etwas nach unten verschoben. So bis zu den Knien. Vielleicht ist auch gar nicht das Böse das, was den Hauptreiz an Hazel Brugger ausmacht, sondern die Art, wie sie Geschichten erzählt und dabei kleinere und grössere Bösartigkeiten wie beiläufig ausspuckt.

Von Vogelarten und Brüsten

Der Reiz an ihren Geschichten ist vor allem jener, dass es eigentlich gar keine Geschichten sind. So erzählt sie beispielsweise, wie sie ihre Internetvideoserie produziert. Am Ende ist sie irgendwie bei einer kleinen Schildkröte gelandet, die sich auf Fotos grösser macht. Dazwischen ging es um mehrere Vogelarten, böse Gänse, die Kleinkindern den Arm brechen, deutsche Prominente, Internet und Brüste. Wann die Story endet, ist nicht ganz klar. Plötzlich beginnt mit «Ich habe die Pille abgesetzt» eine neue.

Sie werde an diesem Abend «keine Übergänge machen», sagt sie und ist bereits wieder zwei Schritte weiter bei Gynäkologie, Pharmaprodukten und Urinproben. Der Umweg ist das Ziel. In den 100 Minuten werden derart viele Themen angeschnitten, dass man den Überblick leicht verliert. Es gibt keinen grossen Bogen, und unter all den netten Nebensächlichkeiten findet sich manchmal durchaus Relevantes, etwa wenn sie definiert, was eine starke Frau ausmache: «Sie erkennt die schwache Frau und nützt es aus.» Damit spitzt sie zwar masslos zu, regt aber genau dadurch zum Denken an.

Die Problematik an dem horrenden Tempo ist, dass vieles zwar an- aber nicht fertiggedacht wird. Brugger lässt den Gedanken wenig Raum. Es geht ihr ja auch ganz bewusst nicht um Sozialkritik oder Politik, auch wenn das alles natürlich mitschwingt. Eine wirkliche Wirkung kann es aber nie entfalten, dafür lässt Brugger schlicht zu wenig Raum.

Heisse Suppe statt echtem Mittelalter

Wenn man denn unbedingt etwas erkennen will in Bruggers Tiraden, dann ist es ein Plädoyer gegen die Mittelmässigkeit. Besonders deutlich wird das, wenn sie einen Besuch auf einem Mittelaltermarkt beschreibt. «Alles ist dort so mittelschön, mittelspannend, mittelgut», sagt sie. «Sogar Menschen aus dem Mittelalter würden solche Mittel­altermärkte hassen.» Alles, was diese Zeit wirklich ausgemacht habe, werde an solchen Kostümfesten einfach weggelassen: Tyrannen, Hinrichtungen, Willkür. Stattdessen gäbe es zu warme Suppe, serviert in einem Brot. Von Steigerung zu Steigerung wird dieser Ausflug an dieses Mittelalterfest besser.

Etwas gar klischiert dagegen sind die Vergleiche zwischen der Schweiz und Deutschland, auch wenn die vorgetragenen Bilder über die glänzenden Schweizer Banken («alles aus Marmor») in ihrer Absurdität grandios sind. Besonders gut ist Brugger sowieso dann, wenn sie auf den Umwegen der Geschichte einen weiteren Umweg zu einer der vorherigen Geschichten findet. Wenn der Faden ihrer Verhütungsspirale immer wieder in anderen Storys aufgenommen wird, ist das ur­komisch. Da wird belohnt, wer aufmerksam zuhört und mitgeht.

Bis in die abschliessende Fragerunde – drei Mutige melden sich dann doch – schaffen es einige der Witze aus dem Programm. Alleine wegen dieser Schlagfertigkeit lohnt sich der Besuch.

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