Der unentdeckteste Autor der Schweiz

Der Zürcher Werbetexter Tom Zürcher ist als einziger Schweizer für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert – mit seinem siebten Roman «Mobbing Dick». Wer ist der Mann? Und wie kam er auf die Liste?

Hansruedi Kugler
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Schriftsteller Tom Zürcher auf dem Paradeplatz in Zürich. Im Zentrum der Schweizer Bankenwelt spielt sein satirischer Roman «Mobbing Dick». (Bild: Sandra Ardizzone)

Schriftsteller Tom Zürcher auf dem Paradeplatz in Zürich. Im Zentrum der Schweizer Bankenwelt spielt sein satirischer Roman «Mobbing Dick». (Bild: Sandra Ardizzone)

Ein geschiedener ehemaliger Devisenhändler mit Wirtepatent, der seinen Fernfahrertraum nicht verwirklicht hat und in Zürich seit 20 Jahren als preisgekrönter Werbetexter gerade so viel Geld verdient, dass er hauptsächlich Romane schreiben kann – die fast niemand liest. So könnte man Tom Zürchers Existenz zusammenfassen. Von seinem letzten Roman «Der Spartaner» aus dem Jahr 2016 wurden trotz etlicher Besprechungen bloss 200 Exemplare verkauft, im Taschenbuch dann nochmals 110 Stück. «Minusrekord für ein Taschenbuch», sagt der 53-Jährige. Gibt höchstens ein Taschengeld.

Vom «erfolglosesten» zum «unentdecktesten» Autor

Deshalb habe er das Label «erfolglosester Schriftsteller der Schweiz» für sich erfunden, erzählt er. Klingt natürlich resigniert. Auch er fand es trotz Ironie auf die Dauer keinen guten Werbespruch. Als Werbetexter ist er darin schliesslich Experte. «Unentdecktester Schriftsteller» klingt hingegen nach Potenzial. Sein neuer Roman, der im Frühling erschienen ist, blieb jedoch unbeachtet. Seine Nominierung für den Deutschen Buchpreis überraschte die Buchbranche. Die Erklärung: Mindestens ein Juror hält den Roman für eine literarische Perle unter den 203 von Verlagen eingereichten Büchern. Am 16. August, vier Tage vor Bekanntgabe der Liste, war im Deutschlandfunk eine euphorische Besprechung von Zürchers Roman zu hören. Autor: Jürg Magenau, Literaturkritiker und gleichzeitig Jurypräsident des Deutschen Buchpreises.

Der Verfolgungswahn eskaliert am Paradeplatz

Wir treffen Tom Zürcher am Zürcher Paradeplatz, über den der Antiheld seines neuen Romans «Mobbing Dick» sehr oft rennt, um sich haufenweise Crèmeschnitten im Sprüngli zu holen und sie in der Bank zu verschlingen. Das Testessen mit dem Schriftsteller beweist: Die Crèmeschnitten schmecken hervorragend, sind schmaler als üblich und lassen sich mit Messer und Gabel problemlos in kultivierte Häppchen schneiden.

Der Paradeplatz ist einer der logischen Schauplätze seines Romans. Denn «hier findet der Irrsinn hinter den Fassaden statt», sagt Zürcher. Jeder Mensch habe zwar etwas zu verstecken. Deshalb seien die Paranoia und die Angst vor Enttarnung in jedem angelegt. Aber hier sei der Druck besonders gross, die Fassade und sein Gesicht zu wahren. Am Paradeplatz, wo die beiden Schweizer Grossbanken ihren Sitz haben, hat Tom Zürcher nach seinem Handelsdiplom und einer Banklehre tatsächlich einmal gearbeitet. Im Devisenhandel, den er faszinierend fand, mit schreienden Händlern am Telefon: «Da knisterte es permanent im Zentrum des Kapitalismus. Wenn Ronald Reagan nieste, fiel der Kurs. Verrückt.» Nun also eine späte Rache an der Bankenwelt? «Nein, nein, ich wollte nicht einseitig Leute in die Pfanne hauen.» Eine Abrechnung mit der Bankenwelt sollte sein Buch sicher nicht werden. «Meine Idee war: Einer wird gemobbt und dann selbst zum Mobber.»

Der Ausbruch aus dem Elternhaus endet im Irrenhaus der Bank

Der Antiheld in Zürchers Roman «Mobbing Dick» ist Bankpraktikant und heisst Dick Meier – Studienabbrecher, aus dem elterlichen Reihenhäuschen entflohen, und wohnt nun ausgerechnet in der gefährlichsten Ecke des Langstrassenquartiers. Die Bankanstalt am Paradeplatz jedoch ist ein Irrenhaus. Wegen drohender US-Klagen herrscht ein herrlich groteskes Klima von Intrige und Mobbing, heimlichen Liebschaften, Drogen und absurder Bürokratie. Da gibt es jede Menge schräge Situationskomik. Statistiken werden gefälscht, Kunden unsichtbar gemacht und derart komplizierte Passwörter verteilt, dass Dick Meier sie ständig vergisst. Der Konsum von Crèmeschnitten und Wodka nimmt bald überhand.

Gespenstisches Über-Ich

Dicks Paranoia aber – er hört ständig Stimmen und leidet unter Verfolgungswahn – ist bereits in seiner Herkunft angelegt. Die Eltern erdrücken ihn mit ihren Erwartungen: die Mutter mit ihrem übereifrigen Stolz, der geizige Vater aus Gewinnsucht. Ständig liegen sie Dick in den Ohren mit ihren Karrierefantasien – der hilflose Dick hört ihre Stimmen sogar, wenn die Eltern gar nicht anwesend sind. Ihr Über-Ich ist gespenstisch. «Am Anfang ist Dick nur zu seinem Arm böse. Er beisst hinein, bis er zum Arzt muss.» So beginnt das Buch, das am Ende wieder recht grausam wird.

Sein Vorname «Dick» lastet wie ein Fluch auf dem jungen Mann

Der junge Antiheld heisst Dick, weil seine Eltern Fans des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney sind, ein Lobbyist und Kriegstreiber unter George W. Bush. Wie ein grotesker Fluch lastet der Name auf Dick Meier. Mit der Flucht in die Selbstständigkeit und in die Bankenwelt gerät er in ein Labyrinth, in dem der naive Tölpel selbst durchdreht. Vom Irrsinn angesteckt, verwandelt er sich nachts in den Stalker Mobbing Dick. «Den Irrsinn reiten, bis man vom Irrsinn geritten wird», das Motto aus dem früheren Roman «Der Spartaner» trifft auch auf Zürchers neuen Roman zu.

Originelle Stimme in der Schweizer Literatur

«Mobbing Dick» hat viele Qualitäten. Man kann ihn als schrille, düstere Satire auf die Bankenwelt lesen, als vergnügliche Milieugroteske mit viel Dialogwitz, als sprachlich präzise Studie einer ausbrechenden Paranoia mitten in der schweizerischen Gegenwart, als negativen Entwicklungsroman, als Reflexion über das Böse im Menschen. Wer Vergnügen hat am Irrwitzigen, der ist hier sehr gut bedient. Auf jeden Fall ist Zürcher eine originelle Stimme in der Schweizer Literatur. Und mindestens zwei Vorbilder beweisen, dass Werbetexter auch Bestsellerautoren sein können: Martin Suter und der französische Starautor Frédéric Beigbeder.

Als Autor erfindet er die Millionärswerbung

Zur Werbung sei er eher zufällig gekommen, erzählt Tom Zürcher: «Ich hatte schon vier Romane geschrieben, aber als mein Sohn auf die Welt kam, brauchte ich einen Job, der Geld bringt.» Er schickte seinen ersten veröffentlichten Roman als Bewerbungsbrief an Jean Etienne Aebi, den Kreativchef der Werbeagentur Publicis. «Er stellte mich sofort ein.» Nach sieben Jahren und etlichen Preisen wechselte er zur Werbeagentur Wirz, wo er weitere drei Jahre blieb. 2011 machte sich Zürcher selbstständig.

Wohl den grössten Erfolg hatte er 2013 mit seinem Konzept für die Swisslos-Werbespots mit dem Millionär, der das Ausfüllen des Lottoscheins in seiner Villa mit Snobismus als harte Arbeit bezeichnet. Dafür erhielt er 2013 mit der Agentur Gold beim EDI, dem Werbefilmpreis des Bundesamtes für Kultur. Stolz ist er auch auf einen Preis, den er für einen Radiospot bekam: Für das Blaue Kreuz erfand er ein leicht betrunkenes Navigationsgerät im Auto, das «Kreuzigung» statt «Kreuzung» oder «jetzt rechts überholen» flüsterte.

«Ich kann nicht lesen, kann mich nicht konzentrieren»

«Der Paradeplatz ist ein schöner Platz mit kleinstädtischem Charme», sagt Tom Zürcher entspannt. Hier kreuzen sich acht Tramlinien. Sprüngli hat hier seine wichtigste Filiale – ursprünglich eine Fehlkalkulation, erzählt er. Denn der Firmengründer habe gedacht, hier am Paradeplatz werde der Bahnhof zu stehen kommen. «Vielleicht ist das aber auch nur eine hübsche Legende», räumt Zürcher ein. Er sieht in jedem Satz gleich mehrere Geschichten. Das sei der Grund, warum er fast keine Romane lese. «Ich kann nicht lesen, kann mich nicht konzentrieren. Ich schweife bei jedem Satz ab, mir fallen ständig weitere Geschichten ein.» Charles Bukowski aber habe er gelesen, dessen rohen, ehrlichen und trotzdem feinfühligen Ton möge er sehr.

Dass Tom Zürcher über den Bekanntenkreis hinaus kaum Leser hat, scheint ihn nicht zu stören: «Mein Brotberuf macht mich unabhängig. Ich fühle mich in meinem Schreiben frei.» Keine Fördergelder oder Werkbeiträge? «Ich mag diese Formulare gar nicht ausfüllen.» Einladungen zu Literaturfestivals bekommt er bisher keine. Dass er als einziger Schweizer Autor für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, dass er und nicht Autoren wie Charles Lewinsky, Ruth Schweikert oder Sibylle Berg auf der Longlist stehen, findet er lustig. Und dass er den Preis am Ende nicht erhalten wird, steht für ihn fest: «Chancenlos», sagt er lakonisch.

Tom Zürcher Mobbing Dick, Roman, Salis- Verlag, 316 Seiten