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Der Urknall des Bösen: «Joker» ist schaurig und traurig

Wie wurde Batmans Widersacher zum Schurken? Der Kinofilm «Joker» lüftet eines der grössten Geheimnisse der Comicgeschichte.
Simone Meier, watson.ch
Unheimliche Verwandlung: Mietclown Arthur (Joaquin Phoenix) wird in «Joker» zur Galionsfigur der Aufständischen. (Bild: Warner Bros.)

Unheimliche Verwandlung: Mietclown Arthur (Joaquin Phoenix) wird in «Joker» zur Galionsfigur der Aufständischen. (Bild: Warner Bros.)

Eine Stadt versinkt im Müll. Riesenratten beissen Menschen zu Tode. Ein Mann (Joaquin Phoenix) versinkt in Depressionen. Was aber niemand weiss. Weil er unter einer neurologischen Störung leidet: Je nervöser, aufgewühlter, verletzter oder trauriger er ist, desto unkontrollierter muss er lachen. Seit Kindheit. Weshalb ihn seine Mutter (Frances Conroy) immer für ein glückliches Kind hielt. Selbst als er missbraucht wurde. Sie nennt ihn «Happy».

Sein richtiger Name: Arthur. Und Arthur findet seine Berufung als Joker. Dem Killer von Gotham City. Dem späteren Erzfeind von Batman. Dessen Geschichte wir bisher nicht kannten. Jetzt ist sie da. Und die ist lausig und grausig. Es ist die Geschichte eines Menschen, dessen Leben derart zerstört ist, dass er nur als Monster Erlösung finden kann.

Ein Mietclown ohne Gespür für Pointen

Arthur hat einen Job als Mietclown, lebt bei seiner kranken Mutter und möchte gern Stand-up-Comedian werden. Doch er hat keinerlei Gespür für Timing und Pointen. Sein lustigster Witz? «Ich hoffe, dass mein Tod mehr zählt als mein Leben.» Der Rest ist ein ultrapeinliches Stochern in Nebeln. Seine ganze emotionale und intellektuelle Erziehung besteht aus TV-Shows. Ablenkungsmanövern vom Elend seiner Stadt und seines Lebens.

Er träumt sich in die Fernsehstudios hinein und wünscht sich den Talk-Show-Host Murray Franklin (Robert De Niro) zum Vater. Er ist ein Träumer und ein kindlicher Idiot. Seine Mutter stilisiert unterdessen den Investment-Mogul Thomas Wayne zum Messias von Gotham City. Arthur hasst Wayne. Und Arthur wird entlassen, weil ihm bei einem Einsatz als Spitalclown eine Pistole aus dem Kostüm fällt. Gelegentlich wird er verprügelt. Zuerst liegt er wie ein weiterer Müllsack unter Müllsäcken. Dann beginnt seine Verwandlung.

Ein Anarchist, von jedem politischen Impetus befreit

Wir wissen, was ihr Ergebnis ist: Einer, der sich von allem befreit hat. Von Gesetzen, von jeglicher Art, von allen realen und eingebildeten Elternfiguren, von seiner Vergangenheit. Der Joker, wie wir ihn etwa von Heath Ledger noch blendend in Erinnerung haben, ist sowas wie ein Urknall des Bösen, ein von jedem politischen Impetus befreiter Anarchist, ein zerstörungswütiger Spieler. Gotham City muss brennen und sonst nichts. Dass Arthur in «Joker» zur Galionsfigur der Aufständischen in einer vom ruchlosen Kapitalismus ausgebluteten Stadt wird – nicht seine Absicht! Aber natürlich super für sein neues Ego.

Vieles an «Joker» ist verrückt: Die Intensität und Komplexität der Story, unglaublich, wie fein die Psychogenese des Jokers da gebaut wird. Dann natürlich Joaquin Phoenix, immer schon ein beeindruckender Schauspieler, aber tendenziell einer von jenen, die mit einem einzigen Gesichtsaudruck durch jeden Film kommen, bei ihm war es der dunkellaunige Brüter.

Jetzt ist Phoenix eine Explosion der Schauspielkunst, ungeheuer körperlich, aber auch enorm nuanciert, und – ja! – er, der Mann, der gefühlt noch nie gelacht hat im Film, tut es hier. Und wie! Dazu die umwerfende Frances Conroy, spätestens seit «Six Feet Under» die neurotischste und zugleich verletzlichste Mutter-Darstellerin, die man sich wünschen kann. Ein schwer therapiebedürftiges perverses Gespann, an dem man sich nicht sattsieht.

Alles oder nichts kann hier Realität sein oder Traum

Verrückt ist auch, wie konsequent «Joker» eine Ausgeburt der Surrealität ist: Die verdrehte Welt des Clowns, die eskapistische Meta-Welt des Fernsehens, die imaginären Fluchten von Arthur selbst verwandeln diesen Film in ein unendliches Täuschungskabinett. Alles oder nichts kann hier Realität sein. Oder Traum. Die Wendungen sind überraschend. Und bodenlos melancholisch.

Und das Verrückteste ist natürlich, dass dieses dichte, düstere Ding von Todd Phillips kommt, dem Mann, der drei Mal «Hangover» gemacht hat. Und der jetzt mit «Joker» an den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film gewonnen hat. Aber vielleicht braucht es einen, der das Genre der Komödie richtig gut beherrscht, um die ganze Schwärze der Tragödie, die dahinter lauern kann, zu kennen.

Joker (USA 2019) 122 Min. Regie: Todd Philips. Ab 10.10. im Kino.

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