Neues Buch von Schriftsteller Martin Walser: Der Vatikan wird Augen machen

Notizen für Fromme und Wundergläubige: Martin Walser trägt in «Mädchenleben» Material für eine Heiligsprechung zusammen.

Bettina Kugler
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Der 90-jährige Martin Walser: «Ich kann nicht nichts tun, dieses Talent fehlt mir.»Bild: Felix Kästle/DPA/Keystone

Der 90-jährige Martin Walser: «Ich kann nicht nichts tun, dieses Talent fehlt mir.»Bild: Felix Kästle/DPA/Keystone

Schon wieder Walser. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen, auch unter Schriftstellerkollegen in den besten Jahren: Einfach nicht müde zu werden beim Tagewerk mit Stift und Notizbuch. Mit über neunzig Jahren noch mindestens ein Buch pro Saison zu veröffentlichen, schon seit Jahrzehnten an seinem «Spätwerk» zu schreiben – und nach wie vor regelmässig die Kritik zu kitzeln, sie mit «toxischen Sätzen», mit Larmoyanz und Beschimpfungen zu provozieren.

«Ich kann nicht nichts tun»

, sagte er neulich in einem Interview,

«dieses Talent fehlt mir. Ich kann hier nicht einfach zum Fenster hinausschauen und sagen: Toll, der See.»

Doch nicht nur das Feuilleton reagiert zuverlässig auf alles, was aus Nussdorf am Bodensee kommt. Martin Walser wird auch gelesen und öffentlich wahrgenommen: als Intellektueller, der sich alles erlaubt. Seine Auftritte und Lesungen sind legendär.

Sirte, das Mädchen mit der besonderen Aura

Da passt ins Bild, dass er sein neues Buch «Mädchenleben» für einmal nicht als «Roman» bezeichnet; das wäre angesichts der neunzig sehr luftig bedruckten Seiten und der ebenfalls legendären Formlosigkeit seiner Alterstexte auch beinahe eine Frechheit. Stattdessen kommt hier eine «Le­gende» in die technologiegläubige, aber Fake-News-geplagte Welt und tritt entsprechend spektakulär in Erscheinung: wie ein Geschenk vom Himmel.

«Bisher nicht angekündigt», trompetet der Verlag, kaum ist die Buchmesse in Frankfurt zu Ende. Mag sein, dass man bei Rowohlt nicht gewagt hat, das Buch ins Herbstprogramm zu nehmen: Walser selbst zählte es zu den vielen Projekten, die er «wohl nicht mehr schaffen» werde.

Erste Notizen dazu finden sich im Jahr 1961 in seinen Tagebüchern. Doch dass es ausgerechnet das Mädchen Sirte Zürn ist, das nun das Licht der literarischen Welt erblickt, hat wohl mit Walsers Gespür für Timing zu tun: damit, dass seine oftmals bizarren Figuren wie durch ein Wunder immer im genau richtigen Moment auftauchen, so sehr sie aus der Zeit gefallen wirken.

Und so stellt man sich Sirte, dieses Mädchen mit der besonderen Aura, das mehrfach verschwindet und dann wieder da ist, das Menschen «entzündet», Verzicht übt, sich stellvertretend für andere opfert und prügelnde Alkoholiker auf diese Weise lammfromm macht, irgendwie immer mit Zöpfen und leicht trotzigem Blick vor. Man neigt dazu, Sirtes Verhaltensauffälligkeiten von früher Kindheit an als Berufung zu deuten, und dies nicht nur, weil ihr schreibender Jünger Anton Schweiger, Untermieter der Familie Zürn, so eifrig für ihre Heiligsprechung eintritt.

Sirte will nicht die Welt retten; sie heisst nicht Greta, sondern eigentlich Gerlinde, und sie hat, wie sich herausstellt, «einfach eine ihren Kopf formende Haarpracht». Sie ist ein Kind der frühen 1970er-Jahre, fügt sich aber mit ihrer Mission, ihren ins Psychotische gehenden Ticks, ihrer Weigerung, sich anzupassen, erstaunlich gut in die Gegenwart. Man muss nicht alles glauben, was ihr (ebenfalls seltsam verschrobener) Vater über sie erzählt und Anton Schweiger getreulich aufzeichnet: Legenden leben von Behauptungen, sie werden erst durch Übertreibung schön.

Aus Widersprüchen werden kühne und wahre Sätze

So kann der Text auf eine stringente Handlung verzichten; er liefert lediglich Material: Momentaufnahmen eines Mädchenlebens zwischen Spielplatz, Schule und Familie, Tagebuchnotizen Sirtes und Gedanken ihres ergriffenen Beobachters. Ganz sicher ist er nichts für nüchterne Realisten, denn kaum eine Seite kommt ohne quasireligiösen Kitsch aus; Indizien für eine ironische Lesart gibt es keine. Es sei denn die Tatsache, dass Sirtes Lebenswelt ziemlich profan ist, aus Integralrechnung, Lateingrammatik, Berufswahl und einer Schwester besteht, die sie schon mal als «blöde Sau» beschimpft.

Auch ärztlich und vom Heiler lässt man Sirte abklären, während Ludwig Zürn und sein Untermieter mit allen Mitteln an ihrer Verklärung zur Heiligen, mindestens aber zur Mystikerin arbeiten. Am Ende wären sie mit einer Seligsprechung zufrieden – und man hofft auf den nächsten Walser. Weniger verzückt, und wenn, dann mehr von seiner ureigenen Spezialbegabung: aus Widersprüchen wundersam wahre und kühne Sätze zu machen.

Tipp

Martin Walser Mädchenleben oder Die Heiligsprechung.
Legende.
96 Seiten (Rowohlt)
Ab 19. November im Handel