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Canaille du Jour präsentiert
lyrische Gesänge über das Dasein

Der Gedicht-Zyklus «Jeans sans Terre» von Yvan Goll (1891-1950) ist erstmals vertont in einer szenischen Aufführung zu erleben. Das erweiterte Duo Canaille du Jour ist wie geschaffen für diese Trouvaille.
Pirmin Bossart
Max Christian Graeff (links) beim Auftritt im Südpol. (Bild: Manuel Jans-Koch, Kriens, 18. April 2019

Max Christian Graeff (links) beim Auftritt im Südpol. (Bild: Manuel Jans-Koch, Kriens, 18. April 2019

Ein grosser Leiterkarren wird auf die Bühne geschoben. Darauf das ganze Equipment dieser seltsamen Gauklertruppe, die uns in den nächsten anderthalb Stunden mit Text, Gesang, Musik und melancholischer Heiterkeit in eine andere Zeit beamen wird. Im Nu wird der Karren abgeladen. Zwischen Instrumenten und Stühlen purzeln Dutzende von Schwämmen auf den Boden und bleiben dort liegen. Angeschwemmte, denkt man. Lauter Hansen, die leben wollten. Wie geht es uns als Hans? «Der Hansi in uns allen»?

Seit einigen Jahren tingeln Max Christian Graeff und Christov Rolla als Duo «Canaille du Jour» durch die Lande und lehren uns mit ihren chansonesken Höhenflügen das Lieben und das Fürchten. Dabei dienen ihnen oft die lyrischen Stoffe und Kabarett-Songs aus dem frühen 20. Jahrhundert als Inspirationskerne. Jetzt holen sie mit dem Dichter und Pazifisten Yvan Goll (1891-1950) einen weiteren progressiven Geist jener Zeit aus der Vergessenheit, dessen Gedanken uns ergreifen, erfreuen, erschüttern. Sie haben sich einem seiner Werke angenommen, das hiermit nach über achtzig Jahren erstmals vertont und aufgeführt wird.

Er lässt sich nicht leicht fassen

Goll schrieb den Zyklus «La Chanson de Jean sans Terre» zwischen 1936 und 1939, dem bis zu seinem Tod weitere Ergänzungen folgten. Es sind lyrische Gesänge über das Dasein des Menschen in Zeiten von Flucht, Krieg, Entsetzen, Fortschritt, Beschleunigung, Einsamkeit, Hoffnung, Liebe, Tod. Das ganze Leben ist darin, mit seinen Euphorien und Abgründen, dem Verzweifelten und dem Tröstenden. Diese Jean lässt sich nicht leicht fassen. Vielleicht ist er auch dich und mich, obwohl wir, eingelullt in unserer Spezialblase, letztlich keine Ahnung von der Welt haben. Denn «eines gibt es auf der Welt nicht: Ein Schweizer auf der Flucht!» (Graeff).

Graeff und Rolla haben eine Auswahl an Texten aus «Jean sans Terre» getroffen, und deren Übersetzungen formal frei interpretiert und nachgedichtet, um sie singbar zu machen. Teilweise wurden sie auch unverändert verwendet. Dazu kommen ein Text von Paul Eluard («Liberté») und ein Songtext von Graeff selber («Alle Lieder sind gesungen»). Rolla hat die Texte in eine empathische Musik mit feinen Melodien verpackt, die sehr gekonnt aus allem schöpft, was im Herzen schwingt und auch die Gedankenrädchen zum Klingen bringt.

Auch die Band spricht und singt

Mit von der Partie sind die Musiker Marc Unternährer (Tuba), Niklaus Mäder (Bassklarinette) und Noemi Hess (Geige), die als «Les Maisonettes» zusammen mit Christov Rolla (Elektropiano) eine flotte Band geben und ihrerseits mit szenischen Einlagen Teil der gesprochenen und gesungen Inszenierung werden (Mitarbeit Regie Wolfgang Suchner). Max Christian Graeff singt die meiste Zeit an einem schwarzen Stehpult und agiert mit gescheiten Zwischentexten auch als eine Art Moderator. Seine Stimme mag die Nuancen ihrer Klangfarben noch nicht ganz ausgeschöpft haben, aber sein kraftvolles Timbre, sein Spiel mit der Mimik und seine Präsenz sind Energie genug, um davon berührt zu werden.

Der Musikabend gefällt mit der ganze Bühnen-Erscheinung dieses seltsam aus der Zeit gefallenen Quintetts, das rund um den Leiterkarren versammelt die Songs interpretiert und manchmal auch improvisiert. Es ist keine geschliffene Produktion, die uns etwas dozieren will, sondern eine Art Do-It-Yourself Unternehmen – Graeff ist auch noch für das Licht besorgt. Sie scheint diese Niederschwelligkeit bewusst zu suchen und gibt dafür viel Herz und Esprit preis.

Die Musikalität ist im Kern unverkennbar Canaille du Jour und erfährt mit den verschiedenen Klangfarben der Band eine Bereicherung. Die Songs haben – je nach Thema – einerseits dieses Trauermarsch Feierliche, Gravitätische, traurig Melancholische. Aber auch das Fröhliche, Heitere, Ausgelassene und Festfreudige. Zwei extreme Seiten jener Münze, die uns durchs Leben klingeln lässt.

Verloren wie Hans. Aber nichtsdestotrotz.

Weitere Aufführungen: Mittwoch, 8. Mai, 19.45 Uhr, lit.z Literaturhaus Zentralschweiz, Stans, Freitag, 10. Mai, 20.00 Uhr, Altes Spritzenhaus Sarnen (mit Bücher Dillier).

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