Das Luzerner Theater zerlegt «Schuld und Sühne» in zwei Teile

Ein estnisches Regieduo schneidet Dostojewskis «Schuld und Sühne» in zwei Teile und wuchtet sie als hochartifizielle, hochkörperliche Arbeiten auf die Bühnen des Luzerner Theaters.

Valeria Heintges
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Sofia Elena Borsani als Sonja im Stück «Schuld» im Luzerner Theater. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Sofia Elena Borsani als Sonja im Stück «Schuld» im Luzerner Theater. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Ihre «Elefanten» nannte die Übersetzerin Swetlana Geier die Romane von Fjodor M. Dostojewski, die sie ins Deutsche übersetzte. Einen Elefanten kann man nicht auf die Bühne heben, scheint sich das estnische Regie- und Ausstattungsduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo gedacht zu haben, aber wenn man ihn teilt, könnte es gehen. Und so haben sie Dostojewskis ersten Roman «Schuld und Sühne», der in Geiers Übersetzung «Verbrechen und Strafe» heisst, in zwei ungleiche Teile geschnitten. Zuerst eine Stunde «Sühne» in der Box, dann drei Stunden «Schuld» im Theater. Und dazwischen eine halbe Stunde Pause und eine Suppe auch für die «Randgesellschaft», die in «Sühne» nicht am Tisch sitzen durfte.

Auf der «Schuld»-Bühne im Theater eine Kommunalka, eine WG, wie man sie aus der ehemaligen Sowjetunion kennt. Eine Bad-Küchen-Kombination links, in der Mitte Wohn- und Esszimmer, Schlafsofa und Schreibtisch rechts. Alles heruntergekommen, voller Feuchtigkeitsflecken, höchst sanierungsbedürftig. Hier wohnt zunächst die Pfandleiherin, die Wiebke Kayser in Jackenschichten gehüllt als widerliche Alte verkörpert. Sie überlebt nicht lang, wird schon in der ersten Szene von Raskolnikow erschlagen, ebenso ihre Schwester, die kurz danach zur Tür hereinkommt. Mit Raskolnikows Motiven halten sich Semper und Ojasoo nicht auf, sie interessiert der zunehmend verrückte Mörder, der sich verrät und sich fühlt, «als würde ihm ein Nagel in den Scheitel getrieben».

Eine klaustrophobische Situation

Aus der Wohnung wird die WG, für die der Malerjunge Mikolka (ungestüm Julian-Nico Tzschentke) eine Wand weisselt und aus der keiner flüchten kann. Wer aufgetreten ist, bleibt sitzen. Wiebke Kayser, jetzt Raskolnikows Mutter, steht ewig auf einem Stuhl, Marmeladow liegt ähnlich lang in der Badewanne. Eine klaustrophobische Situation, in der alles verrutscht. Am meisten: die Zeit. Lukas Darnstädts Raskolnikow bewegt sich fast ausschliesslich in Slow Motion; meist sieht es aus, als wolle er tanzen.

Auch Polizisten tanzen synchron; alle scheinen mit ihrem körperlichen Spiel einer Groteske entsprungen. Zwischendurch erstarren sie oder hören mit dem, was sie beschäftigt, nicht mehr auf. Zuweilen kommt die Erzählerstimme aus dem Mikrofon, aber ihr Gerede passt nicht zu dem, was wir sehen. Dazu schickt Jakob Juhkam sphärisches Rauschen über die Lautsprecher, das das Surreale verstärkt. Wo Dostojewski jede Nebenhandlung ausmalt, bekommt bei Semper und Ojasoo jeder seinen grossen Auftritt. Jakob Leo Stark spielt als Raskolnikows Freund Rasumichin unendlich tollpatschig und unendlich lang, wie er sich in dessen Schwester Dunja (Mira Rojz­man) verliebt. Yves Wüthrich als Marmeladow erzählt aus seiner Sicht, wie seine Stieftochter zur Prostituierten wird, um die Familie zu retten. Er steigert sich in die Raserei, stammelt auf dem Tisch stehend immer wieder ein «Kreuzige mich». Als Leiche kommt er zurück, das Totenmahl haben wir in «Sühne» schon erlebt.

Mit der Kamera in die Nacht hinaus

Raskolnikow gerät immer mehr in den Wahnsinn. André Willmund als Staatsanwalt Porfirij treibt ihn immer weiter in die Enge. Als Raskolnikow zum Verhör kommt, kann er alle sadistisch-wirkungsvollen Methoden nutzen. Der K. o. des Opfers käme nicht so schnell, wäre da nicht Sonja. Die Figur wird arg beschnitten, von der guten Prosti­tuierten bleiben die Kleider und die Sünderin. Sofia Elena Borsanis Atem wird per Mikroport verstärkt, die helfende Geliebte zur schnaufenden, verlangsamt Bibelpassagen sprechenden, sich wie eine Schlange windenden Frau, die rätselhaft bleibt, aber zum albtraumhaften, artifiziell-körperlichen Charakter der Inszenierung passt. Am Ende stellt sich Raskolnikow nicht und kommt auch nicht in Verbannung. Vielmehr rennt er mit Videokamera bewaffnet in die Nacht und lässt das Publikum wissen, er habe töten müssen, um zu merken, ob «ich eine Laus bin wie alle anderen oder ein Mensch».

Der Theaterabend will und kann den Dostojewski-Lesegenuss nicht ersetzen. Aber er liefert eine stringente Lesart, die Raskolnikow als Schuldigen zeigt, dem die Welt abhandenkommt, der – von der Gesellschaft (teils etwas aufdringlich symbolisiert durch die Kamera) bedrängt und beengt – sich in Übermenschentheorien verstrickt und doch nur auf extreme Art seinen Weg im Leben sucht.

Weitere Vorstellungen noch bis 24. Februar. Infos und Tickets: www.luzernertheater.ch