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Deutschland - der politische Koloss auf Samtpfoten

Nicht nur wirtschaftlich dominiert Deutschland Westeuropa. Auch politisch spielt es eine zentrale Rolle. Der Historiker Andreas Rödder zeigt, wie Deutschland es geschafft hat, trotzdem nicht als Bedrohung wahrgenommen zu werden.
Rolf App
Mehr als eine symbolhafte Geste: Angela Merkel und Emmanuel Macron beim Weltkrieg-Gedenken in Paris.

Mehr als eine symbolhafte Geste: Angela Merkel und Emmanuel Macron beim Weltkrieg-Gedenken in Paris.

Man hat sich an diese symbolträchtigen Bilder gewöhnt. An Aufnahmen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, wie sie in Paris des Endes des Ersten Weltkriegs gedenken, Hand in Hand, als hätten ihre Nationen nicht zwei Weltkriege gegeneinander geführt. Oder an Emmanuel Macron, der eine Woche später am Volkstrauertag im deutschen Bundestag spricht und sagt, Deutschland habe die «blutrünstigen Dämonen des Nationalismus» überwunden.

Die blutrünstigen Dämonen des Nationalismus, die trotz allem niemals schlafen: Sie vor allem sind das Thema des Mainzer Historikers Andreas Rödder, der in seinem neuen Buch beschreibt, wie Deutschland Schritt um Schritt zu einer europäischen Nation geworden ist, die ihre Verantwortung für diesen Kontinent sehr bewusst wahrnimmt. Ein wirtschaftlicher Koloss, der politisch auf Samtpfoten geht. Ein Land, das gelernt hat aus der Geschichte – und das dennoch immer wieder misstrauisch beäugt wird. Denn diese Geschichte wird mit ihren ungeheuren Zerstörungen nie wirklich vergangen sein. Doch sind es nicht Kriege, die Rödder nacherzählt, und auch nicht politische Entwicklungen, die er nachzeichnet. Er wirft vielmehr einen Blick in den Spiegel – mal in die eine, mal in die andere Richtung. Fragt, wie Deutschland sich in den Phasen seiner Entwicklung gesehen hat, und wie es gesehen wurde.

Deutschland fühlt sich mehr und mehr eingekreist

Wer sind die Deutschen? Das fragen sich schon im 18. Jahrhundert die Völker rundherum. Sie sind Barbaren, lautet die eine Antwort. Es sind gemütliche Biedermänner und grosse, tiefsinnige Künstler, die andere. Dann erschüttern 1871 der deutsch-französische Krieg und die Reichsgründung den Kontinent, in deren Gefolge Deutschland zur – neben den USA – führenden Industrienation der Erde aufsteigt. Die Angst geht um, vor allem in Frankreich, das 1871 Elsass-Lothringen hat hergeben müssen. Doch auch Deutschland ist von Angst getrieben. Es fühlt sich mehr und mehr eingekreist, und so kommt es denn, dass alle grossen Mächte einen Befreiungsschlag herbeisehnen, den sie in einem neuen grossen Krieg zu erblicken glauben.

Dieser Erste Weltkrieg aber mündet nicht nur in eine grosse Schlächterei. Er radikalisiert auch die Bilder, die man voneinander hat. Und bereitet so auf verhängnisvolle Weise auf den Zweiten Weltkrieg und auf den Holocaust vor. «Auf allen Seiten herrschte eine sozialdarwinistische Vorstellung von der internationalen Politik als Kampf ums Überleben», fasst Andreas Rödder zusammen. Und zwar bis weit hinein in intellektuelle Kreise. Der französische Philosoph Henri Bergson etwa spricht vom «Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei», Thomas Mann sieht umgekehrt im Deutschtum den Inbegriff von Kultur und Seele.

Der Dämon des Krieges und die Idee des Euro

Keine zwei Jahrzehnte später muss der Schriftsteller in die Schweiz flüchten. In seiner Heimat haben die Nazis die Macht übernommen. Alle Versuche sind gescheitert, nach dem Ersten Weltkrieg eine friedliche Nachkriegsordnung zu installieren. Noch einmal soll das nicht passieren, und so beginnt nach 1945 ­jener grosse Lernprozess, der in die Gegenwart führt. Befördert wird er vom Kalten Krieg. Denn je deutlicher sich Ost und West bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen, umso notwendiger erscheint es, Westdeutschland zu integrieren und es nicht wie nach dem Ersten Weltkrieg auf Jahrzehnte als einen Paria zu behandeln.

Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer erkennt die Chance, die in dieser Konstellation liegt. Er bindet die Bundesrepublik Deutschland auf Dauer ins westliche Bündnis ein. «Selbstbehauptung durch Selbstbeschränkung» lautet die aussenpolitische Devise eines Landes, das sich schon wieder anschickt, zu einer der führenden Industrienationen zu werden. Es ist ein Kurs, den Aden­auers Nachfolger fortsetzen, und zwar auch und gerade dann, als 1989 die Wiedervereinigung in Griffweite kommt.

Doch die Angst vor einem wiedererstarkenden Deutschland sitzt tief. 1945 erklärt Charles de Gaulle, Deutschland sei zwar akut kein Grund zur Sorge. Aber: «Deutschland bleibt Deutschland, das heisst ein grosses Volk, mitten in Europa, das der Dämon des Krieges eines Tages wieder versuchen könnte.»

Polnische Gefühle gegenüber Deutschland

Um diesen Dämon zu zähmen, schlägt Premierminister Balladur 1987 die «Errichtung einer Zone mit einheitlicher Währung» und gemeinsamer Zentralbank vor. Bundeskanzler Helmut Kohl schlägt ein und erklärt sich zwei Jahre später – unter starkem französischem Druck – auch bereit, die Entwicklung hin zu einem europäischen Wirtschaftsraum noch zu beschleunigen. Die Währungsunion ist zwar, wie Andreas Rödder betont, «nicht der Preis für die deutsche Einheit». Aber «sie war der Preis für die deutsche Stärke in Europa».

Diese Stärke ist immer wieder Thema, das zeigt Andreas Rödder in seinem Buch, das auch mithilft, die Reaktionen kleinerer Nationen wie etwa Polen oder Griechenland besser zu verstehen. Er habe über die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg immer grosse persönliche Betroffenheit empfunden, zitiert Rödder den polnischen Publizisten Adam Krzeminski in einem jener aktuellen Gespräche, die er zwischen die historischen Kapitel gesetzt hat. Aber «in der deutschen Erinnerung wurde die deutsch-polnische Geschichte unter den Teppich gekehrt, die Vertreibung von ihrem Grund abgelöst. Die deutsche Erinnerung konzentriert sich auf den Holocaust, und sie vernachlässigt die Zerstörung Polens und die Eliminierung seiner Führungsschicht.»

Andreas Rödder: Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems, S. Fischer, 368 S., Fr. 32.90

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