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DICHTERWETTSTREIT: Pointen statt Risiko: Poetry Slam wird 20 Jahre alt

Immer wieder totgesagt, erreichen Slams heute ähnliche ­Zuschauerzahlen wie Popkonzerte. Kritiker bedauern den mangelnden Mut zur Peinlichkeit.
Melissa Müller
Hatten mit Poetry Slam Erfolg, distanzierten sich dann aber davon (von links): Lyriker Jürg Halter, Satirikerin Hazel Brugger, Schriftsteller Pedro Lenz. (Bilder: Benjamin Manser, Keystone)

Hatten mit Poetry Slam Erfolg, distanzierten sich dann aber davon (von links): Lyriker Jürg Halter, Satirikerin Hazel Brugger, Schriftsteller Pedro Lenz. (Bilder: Benjamin Manser, Keystone)

Melissa Müller

«Bsoffe wie en babylonische Brummbär bambelet Baumberges Böbu …» – ein Maurer trug diese Zeilen 2002 an einem ­Poetry Slam vor. Der schlaksige Mann hiess Pedro Lenz, damals 37, und gehört heute zu den bedeutenden Schriftstellern des Landes («Dr Goalie bin ig»).

Vor 20 Jahren schlug das Format Poetry Slam in der Schweiz ein wie eine Bombe. Schüler und Studenten verstanden sich als «Punks der Literatur» und trieben die Bewegung voran. Schrullige Typen, die auf der Bühne vorlesen, heulend, kreischend, monoton, zeternd: Das war in den Nullerjahren neu und eine Gegenbewegung zu den biederen «Wasserglaslesungen» des Literaturbetriebs. «Wir hatten das Gefühl, bei etwas ganz Neuem dabei zu sein, wie Punk in den 1980er-Jahren», sagt der St. Galler Slam-Veranstalter Richi Küttel. Das Jubiläum wird ab heute gefeiert: an den Schweizer Meisterschaften vom 22. bis 24. März in Winterthur.

Whisky für den Sieger der Poesieschlacht

Der Vortragswettbewerb hat Karrieren ins Rollen gebracht. Die Schriftsteller Lukas Bärfuss, Melinda Nadj Abonji und Nora Gomringer erprobten ihre Texte bei Poetry Slams. Comedians wie Hazel Brugger, Gabriel Vetter und Renato Kaiser starteten mit Slammen. Lara Stoll machte als «Fräuleinwunder» mit grosser Klappe Furore, Jürg Halter alias Kutti MC trat erstmals als Dichter in Erscheinung.

Slam ist Show. Jeder kann sich auf der Bühne versuchen, es geht um Selbstinszenierung. Jury und Publikum bewerten die Liveperformance. Es war der ehemalige Bauarbeiter Marc Smith, der den Dichterwettstreit in Chicago Mitte der Achtziger ins Leben gerufen hatte. «Eine Null für ein Gedicht, das nie hätte geschrieben werden dürfen. Eine Zehn für eins, das bei allen einen Orgasmus auslöst», definierte er die Bewertungskriterien. Zu gewinnen gibt’s eine Flasche Whisky, die der Gewinner meist noch auf der Bühne köpft und anderen teilt. Versuche mit gesponserten Preisen wurden von der Szene nicht goutiert.

Ursprünglich verstanden seine Macher den Slam als dadaistische Kunstform. Einige ver­suchten sich als Poetry-Rapper, ­andere experimentierten mit Alliterationen, Rhythmus und Sprachklang. Wortakrobat Lasse Samström amüsierte mit der von ihm erfundenen «Schüttelprosa». «Spritney Bears auf Skinline Aids fuhr mir Fritten in die Messe rein», fabulierte er.

Ein Riecher für begabte Autoren

Für das Experiment mit der Sprache brennt auch Matthias Burki, der in Luzern den Verlag «Der gesunde Menschenversand» betreibt. «Die Sprache ist mir wichtiger als der Inhalt», sagt der Verleger, der vor 20 Jahren erste Slams in der Schweiz veranstaltete – und im Alleingang mehr Schweizer Schriftstellertalente als mancher renommierte Verlag entdeckte, darunter Pedro Lenz, Michael Fehr, Guy Krneta, Matto Kämpf.

Fantasieloses unter der Gürtellinie

«Der Mut zu experimentieren und auch zu scheitern fehlt heute», bedauert Richi Küttel. Der Slam verkomme zum Comedyformat. Früher waren da mehr Wutreden, Lyrik, Philosophie und Ernsthaftigkeit. Heute gehe es teilweise nur noch um «Pointendrescherei». Veranstalter Küttel lebt von diesen Anlässen; trotzdem wünscht er sich «mehr Mut zur Peinlichkeit, zu stolpernden Texten». Die Teilnehmer wüssten genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um beim Publikum anzukommen: «SVP-Bashing, Gender und Beziehungen funktionieren immer.» Kürzlich seien bei einem Slam vier Frauen angetreten. «Sie dichteten bloss über Sperma, Blasen und Menstruation – und ernteten viel Applaus.» Solche Effekthascherei ist dem Berner Lyriker Jürg Halter zuwider. Der 38-Jährige gehörte mit seinem schrägen Sinn für Humor einst zu den Grossen der Szene, haderte aber zusehends damit. «Es ärgert mich, wenn das Publikum an den Slams auf die billigen Tricks reinfällt», sagte der Berner einmal in einem Interview. 2004 wandte er sich vom Slam ab, den er im übrigen nie als Avantgarde verstanden hatte. In seiner Abschiedsrede persiflierte Halter die billigen, auf Sieg angelegten Witze seiner Kollegen: «Und eigentlich wollte ich auf die Bühne kommen und schreien: Ein Punk fickt seine schwule Ratte auf Kokain-Heroin und die Ratte ist seine lesbische Mutter, die cracksüchtige Nutte.»

Das Publikum an Poetry Slams interessiere sich nicht für Texte, sondern besuche diese wegen den Veranstaltungsformats, bemerkte Jürg Halter. Auch andere fragten sich: Wie originell kann Poesie noch sein, wenn sie sich verkaufen will? Talente wie WOZ-Journalist Daniel Ryser und Ralf Schlatter, Kabarettist des Duos schön & gut, distanzierten sich von der «Slamily». Auch Hazel Brugger bezeichnet sich nicht mehr als Slammerin, sondern als Satirikerin der «Heute-Show» und «Magazin»-Kolumnistin. Dabei feierte sie ihren Durchbruch 2013 als Poetry-Slam-Schweizer-Meisterin.

Poetry Slam als didaktisches Werkzeug

Obschon Slams meistens in Konzertlokalen stattfinden, fanden sie auch Eingang in Schulzimmer. Richi Küttel erteilt Workshops. «Probiert es aus, niemand frisst euch», ermutigt er Jugendliche, sich auf die Bühne zu wagen. Damit man sich entblösst, muss eine Rampensau in einem stecken. «Entweder fängt man Feuer und will unbedingt wieder auf die Bühne – oder man tut’s nie wieder.» Allen Unkenrufen zum Trotz – Slams haben sich etabliert und gehören zum Kulturangebot. An den deutschsprachigen Meisterschaften 2018 in Zürich, vom 6. bis 10. November, wird mit der grossen Kelle angerührt. Beim Final werden nicht weniger als 4500 Zuschauer erwartet – im Zürcher Hallenstadion.

Hinweis
Schweizer Meisterschaft: Mittwoch 22. bis Freitag 24. März, Winterthur.

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