Luzern wird wieder zur Hauptstadt der aktuellen Spoken-Word-Szene

Dichterwettstreit und Wortzauber an vier Abenden: Vom 21. bis zum 24. Oktober geht das Spoken-Word-Festival Woerdz über die Bühne. Big Zis und Michael Fehr stellen neue Projekte vor.

Pirmin Bossart
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Der musikalische Dichter mit der Reibeisenstimme: Michael Fehr.

Der musikalische Dichter mit der Reibeisenstimme: Michael Fehr.

Bild: Franco P. Tettamanti/PD

Woerdz ist das Festival, das in den vergangenen Ausgaben denkwürdige Auftritte mit Patti Smith, Saul Williams, Laurie Anderson oder PJ Harvey nach Luzern gebracht hat. Aufgrund der Corona-Krise ist das Programm dieses Jahr weniger international ausgerichtet, umso mehr, als nun auch der in London lebende Dub-Poet Linton Kwesi Johnson absagen musste. Mit dabei ist aber der legendäre Dub-Produzent Lee Scratch Perry (siehe Box).

Mit Werkaufträgen gibt Woerdz jeweils ausgewählten Protagonisten die Gelegenheit, eigens für das Festival ein Projekt zu erarbeiten, das verschiedene Kunstdisziplinen miteinander verbindet und performative Experimente wagt.

«Die Werkaufträge sollen die Möglichkeit geben, dass die Literatinnen und Literaten sich mit anderen Kunstschaffenden zusammentun und etwas Eigenes und Spezielles erarbeiten können.»

Dies sagt Woerdz-Geschäftsleiterin Aline Pieth. Es sind immer Premieren, und entsprechend sind die Resultate für das Publikum und auch für die Woerdz-Macher eine Überraschung.

Ritualistisch und ­ allzumenschlich

Da ist Michael Fehr, der musikalische Dichter mit der Reibeisenstimme, der in den letzten Jahren mit «Simeliberg» oder seinem Bandprojekt «Im Schwarm» für Aufsehen gesorgt hat. Letztes Jahr wurde seine Erzählung «Im Dschungel» am Luzerner Theater inszeniert. Für Woerdz 2020 tut sich Fehr mit dem Berner Jazz-Schlagzeuger Rico Baumann zusammen. Baumann arbeitet mit Le Rex oder King Pepe & The Queens und ist mit seiner Elektro-Pop-Band True international unterwegs.

Die beiden haben ein Programm ausgearbeitet, in dem Rhythmen, Sprachsound und neue Texte von Fehr mit einer rauen Intensität verdichtet werden. Der Sound hat einen elementaren, archaischen Charakter, da auch Fehr Schlagzeug spielt. Dazu kommt seine kraftvolle, krächzende, heisere und beschwörende Stimme, die der ganzen Performance etwas Ritualistisches gibt. Natürlich denkt man bei diesem Stimmorgan schnell an Tom Waits, aber Fehr ist eher ein alter Blueser.

«Die Textminiaturen wirken wie abstrakte Gemälde aus Farbe, Stimmung und skelettierter Narration», sagt Pablo Haller, Mitglied der Woerdz-Programmgruppe. Er hat das Duo an einer Probe besucht. Die Inhalte seien noch existenzieller geworden. «Fehr leuchtet das Spektrum des Allzumenschlichen und Zwischenmenschlichen genüsslich, aber präzise aus. Es sind Geschichten, die in ihrem eigenen Sound aufgehen, bis sie plötzlich verschwunden sind. Sie wirken wie der komplexe Meistertrick eines geübten Magiers, der sich dem Publikum in unfassbarer Leichtigkeit präsentiert.»

Die Zürcher Rapperin Big Zis, die zu den Gewinnerinnen des Schweizer Musikpreises 2020 gehört, hat sich Ende Sommer nach einer längeren (Kinder-)Pause mit «4×Love:2» zurückgemeldet. «Das Album ist Feier der Liebe und der Libido» schrieb «Watson». Für den Werkauftrag für Woerdz tut sie sich mit dem Künstler Patrick Hari zusammen. «Wir kommen, um zu experimentieren, installieren mit Worten und Dingen», tut die Musikerin kund, und wir dürfen gespannt sein, wie sich diese Wundertüte auf der Bühne anfühlt.

Vorbaren und ­ Nachbaren

Neben den zwei Werkaufträgen bietet Woerdz in der «Spoken-Werkschau» jeden Abend Einblicke in die aktuelle Auseinandersetzung wortmächtiger Performerinnen und Performer. Franz Hohler praktizierte Spoken Word auf der Bühne, lange bevor das Genre erfunden wurde. Er ist einer der wenigen zeitkritischen Literaten in der Schweiz geblieben. Christoph Fellmann spielt seit über 20 Jahren Theater (Theater Aeternam) und ist in den letzten Jahren als enorm produktiver Theaterautor bekannt geworden. Von ihm stammen die grossartigen Texte der Theaterproduktion «Die grosse Menschenschau», von denen er einige am Woerdz auf die ­Solo-Bühne bringt.

Am gleichen Abend performt die neu entstandene Spoken-Word-Band «Dill & Kraut» mit der Spoken-Word-­Autorin Daniela Dill und den Musikern Christoph Wüthrich und Florian Siess. In den Texten verbindet Dill selbstironisch alltägliche Situationen mit philosophischen Konzepten und gesellschaftskritischen Überlegungen. Die Musik scheppert, rockt und flötet. Das Donnerstag-Finale bestreitet Endo Anaconda: Der wunderbare Sänger und Performer von Stiller Has und pointierte Kolumnist lädt mit dem Gitarristen Boris Klečić zu Lesung und Liedern.

Die Autorin Laurence Boissier und der Autor Gerhard Meister (Bern ist überall) eröffnen am Freitag mit einem gemeinsam erarbeiteten Programm. Semi Eschmamp ist der Schauspieler, Zeichner und Autor, der im Verlag «Der Gesunde Menschenversand» zwei schönschräge Text-Bild-Bücher mit den so denkwürdigen Titeln «Mein erstes Buch schreib ich gleich selbst» und «Mein Vorbar ist auch mein Nachbar» veröffentlicht hat.

«Mein Universum dreht sich um die drei Kulturen Hip-Hop, Reggae und afrikanische Musik und ist eine Art Mischung aus allem», sagt die Rapperin und Schweizer-Musikpreis-Trägerin 2019 KT Gorique. Sie wird am Samstag Punch auf die Bühne bringen und vielleicht auch das Gefühl vermitteln, dass die Schweiz nur ein Gartenhag ist, um den sich die reale Welt dreht. Mit Narcisse betritt ein Musikwissenschafter und Doktor der Philosophie die Bühne, der seit 2013 von der Slam Poetry lebt und international Wettbewerbe gewonnen hat. Eine bekannte Stimme ist Nora Gomringer, die Gedichte liebt und eben erst mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet wurde.

Die aktuelle ­ Slam-Schlacht

Eröffnet wird das internationale Spoken-Word-Festival am Mittwoch mit einer Poetry-Slam-Nacht (Moderation Marguerite Meyer und Etrit Hasler). Zunächst messen sich Jugendliche aus verschiedenen Kantons- und Berufsschulen am U18-Dichterwettstreit. Dann treten die angesagten Wortkünstlerinnen und Wortkünstler der aktuellen Slam-Szene vor das Publikum. Unter ihnen die Luzernerin Lisa Brunner, die auch als Musikerin, Chorleiterin und Kabarettistin tätig ist.

Spoken-Word-Festival Woerdz, 21. bis 24. Oktober, Südpol und Kleintheater, Luzern; Infos/VV: www.woerdz.ch.

Puls und Gesang

Lee «Scratch» Perry

Ein Glück, dass Lee «Scratch» Perry seit einigen Jahren in der Schweiz lebt. Eine Legende gleich um die Ecke, und (fast) niemand weiss es. Der 84-jährige Jamaikaner, der die Karriere von Bob Marley initiierte, hat mit seinem Groove-Verständnis und seinen Experimenten am Mischpult (Black Ark Studio) in den 1970er-Jahren den Reggae revolutioniert. Lee Scratch gilt zusammen mit King Tubby als Erfinder des Dub: Jener Spielart, die mit Hall- und Delay-Effekten das Reggae-Feeling instrumental komprimiert und zu einer Trance-Spur macht. Dazu gehören auch gelegentliche Toasts und Gesänge über das Mikrofon, die bei Perry nach surrealer Voodoo-Space-Poetry klingen. Nicht umsonst wird er auch «mad scientist» genannt. Er hat den Dub-Sound ausgecheckt und wird uns am Samstag im Südpol-Club eine Lektion davon verpassen. (pb)