Jahresausstellung
«Auswahl 21»: Die Aargauer Kunst treibt frische Blüten

Nach einer Ausgabe im Pandemiemodus zeigt sich das hiesige Kunstschaffen an der «Auswahl 21» gestärkt und geschärft.

Anna Raymann
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Die Kunst blüht auf in der Jahresausstellung «Auswahl 21», grad so wie die Nachtkerzen in Leonie Brandners Lustgarten.

Die Kunst blüht auf in der Jahresausstellung «Auswahl 21», grad so wie die Nachtkerzen in Leonie Brandners Lustgarten.

Alex Spichale

Pilze spriessen zart und eigensinnig an vielen Ecken im Aargauer Kunsthaus. Sie lugen unter der Wendeltreppe hervor, wachsen entlang des Geländers oder quer durch den Raum. Die Hüte sitzen mal aufrecht und dann wieder schief, sie changieren von blassbeige bis dunkelbraun. So klein die Pilze auch sind, so selbstbewusst breiten sie sich aus. Das Bild passt auf das Aargauische Kunstschaffen, das sich an der «Auswahl 21» zum alljährlichen Klassentreffen verabredet hat. Von 159 Bewerbungen – etwas weniger als letztes Jahr – haben die Jurys des Aargauer Kunsthauses und des Aargauer Kuratoriums 49 Kunstschaffende und -kollektive eingeladen. Die Auswahl zeigt sich vielfältig und mutig in ihrer Haltung.

Die Pilze hat Ishita Chakraborty unter dem Titel «Europa» gepflanzt. Bei gemeinsamen Essen und Workshops hat die gebürtige Westbengalin die Tonobjekte mit Geflüchteten geformt, die Nuancen ergeben sich aus unterschiedlichen Tonmischungen – ein feiner Verweis auf die verschiedenen Haut- farben. Damit überzeugt die Künstlerin die Jury des Aargauer Kunsthauses, in der kommenden Ausgabe wird sie als Gast einen Raum bespielen.

Patricia Bucher (*1976) wird mit einem Werkbeitrag à 30000 Franken ausgezeichnet. 4-teilige Installation ohne Titel, 2021
10 Bilder
Fabienne Ehrler (*1988) wird mit einem Werkbeitrag à 30000 Franken ausgezeichnet. «not yet titeld (same nature)», 2021, 200cm x 170cm
Lea Schaffner (*1989) wird mit einem Werkbeitrag à 30000 Franken ausgezeichnet. Audioinstallation «Grossmutterparadoxon», 2021
Christina Gähler (*1988) wird mit einem Werkbeitrag à 30000 Franken ausgezeichnet. «Rauschen in Zuversicht 1-4», 2021
Mattia Commuzzi (*1992) wird mit einem Werkbeitrag à 30000 Franken ausgezeichnet. 5-teilige Installation «Inconcrete», 2021
Milena Seiler (*1971) wird mit einem Förderbeitrag à 10000 Franken ausgezeichnet. Diptychon «vom kleinen Finger zum Gehirn», 2021, 190cm x 310cm
Maurice Ducret (*1953) wird mit einem Förderbeitrag à 10000 Franken ausgezeichnet. 5-teilige Installation «Wunderkammerstücke», 2021
Claudio Näf (*1993) wird mit einem Förderbeitrag à 10000 Franken ausgezeichnet. 365-teilig «I am not a nihilist», 2020-2021
Der Jury-Preis des Aargauer Kunsthauses geht an Ishita Chakraborty (*1989) - sie wird als Gastkünstlerin der Auswahl 22 einen eigenen Raum bespielen. Hier zu sehen: Die Installation «Europa», 2019
Zu Gast an der Auswahl 21 ist zudem der Förderpreis der HEAD Genève «New Heads»: Erhalten hat ihn Jacopo Belloni und zeigt die eigens angefertigte Arbeit «Anathema Souvenir».

Patricia Bucher (*1976) wird mit einem Werkbeitrag à 30000 Franken ausgezeichnet. 4-teilige Installation ohne Titel, 2021

Alex Spichale

Es wuchert und wächst gleich bei mehreren Künstlerinnen. Die Rauminstallation «My Ears Are My Eyes» von Leonie Brandner ist ein Lustgarten, der duftet und klingt. Die Nachtkerze treibt Blüten, die Proportionen verzerren sich, bis die Besucherin zur Alice im Wunderland schrumpft.

Ein Jahr der jungen, ein Jahr der Frauen

Natur und Umwelt beschäftigen das Kunstschaffen. Auf Leinwandresten malt Marie-Claire Baldenweg Verpackungsreste, Stefan Gritsch giesst dasselbe in Acryl zu «Food Trophies».

Die Kunstschaffenden blicken scharf auf ihre Umgebung, kaum sind Zögern und Hadern zu spüren. Die Krisenzeiten hinterlassen Spuren: Dystopisch und düster malt Christina Gähler abstrahierte Traumszenarien («Rauschen in Zuversicht»). Bedrückend trifft Milena Seiler die Isolation in einem Krankenzimmer («vom kleinen Finger zum Gehirn»).

Beide Malerinnen werden vom Kuratorium gefördert, ebenso wie Mattia Comuzzi, der in seinen Beton-Collagen urbane Unorte skizziert («Inconcrete»): Die Party ist vorbei – kein Grund, zu verzweifeln. Im Gegenteil, sagt Susanne König, Vorsitzende der Kuratoriums­jury: «Das Kunstschaffen ist in Aufbruchstimmung.» Dass in diesem Jahr auffällig viele junge Künstlerinnen gefördert werden, sei keine Absicht, doch, «es freut mich», sagt Susanne König.

«Nach dieser Krise dürfen wir nicht in die altbewährte Normalität zurückkehren. Ich sehe die Chance, Erwartungen, Gefälligkeiten und Zwänge zurückzulassen, um zu einer neuen Normalität zu finden.»

Mit insgesamt rund 180000 Franken, aufgeteilt in die grossen Werkbeiträge zu je 30000 Franken und in die kleineren Förderbeiträge je 10000 Franken, unterstützt das Aargauer Kuratorium fünf Künstlerinnen und drei Künstler, der jüngste 28-jährig, der älteste 69-jährig − die Mehrheit befindet sich jedoch in ihren Dreissigern.

Räume einnehmen und auffüllen

Es macht Freude zu sehen, wie die Kunstschaffenden die Ränder der Genres dehnen und weiten. Fabienne Ehrler lässt Malerei und Graffiti fliessend ineinander übergehen, der Rahmen dafür ist mit zwei Metern Höhe bewusst sperrig gebaut. Die 365 Skizzen von Claudio Näf sind Konzeptarbeit und Illustrationsprojekt in einem («I am not a nihilist»).

Roberta Müller wurde 2020 mit dem Preis der Jury des Aargauer Kunsthauses ausgezeichnet.

Roberta Müller wurde 2020 mit dem Preis der Jury des Aargauer Kunsthauses ausgezeichnet.

Alex Spichale

Maurice Ducret wechselt sogleich seine vertraute Sparte: Als Fotograf ist er bekannt, im Aargauer Kunsthaus zeigt er ungemein haptische Objekte aus dem 3D-Drucker. Vom Kleinen ins Grosse − raumfüllend soll es sein, die Blüten dafür treiben gross genug aus. Lea Schaffner schickt das Publikum in ihrer Audio-Installation in das Loch, aus dem die Hexe Anna Kramer 1689 verschwand. Aufatmen kann das Publikum zwei Etagen höher inmitten der lichten Kulissen-Häuser von Patricia Bucher. Sie alle gehören gemäss Kuratoriumsjury zu den Klassenbesten des Kunstjahrgangs 21. Der Förderpreis der CS wird am Samstag vergeben, nach einem Jahr im Ausnahmezustand nun wieder bei einem Fest − und vielleicht mit dem einen oder anderen Blumenstrauss.

Auswahl 21: 13.11.21–2.1.22, Aargauer Kunsthaus. Open House am 13.11. ab 13 Uhr, Vergabe der Preise ab 16 Uhr.

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