Perlenbestickte Schutzhelme und beschworene Geister

«Withdraw – into the mountains» ist ein Gemeinschaftsprojekt des Shed in Frauenfeld und der kroatischen Vereinigung der bildenden Künstler HDLU. Es thematisiert den Rückzug in die Berge.

Lucia Angela Cavegn
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Der Alpenkamm zieht sich bis nach Südosteuropa, zu den Dinariden und dem Velebit-Gebirge an Kroatiens Küste. Da verbrachte im Juni eine Gruppe von einheimischen und Schweizer Kunstschaffenden eine Projektwoche, um die Alpen als Heterotopie, als anderen Ort zu untersuchen. Das Resultat dieses internationalen Kunstprojekts ist nun im Shed in Form einer Ausstellung und eines unterwegs entstandenen Rezeptbuchs zu sehen.

Vom Tal her gesehen stellen Berge eine topografische wie auch kulturelle Gegenzone dar, in die man sich zurückziehen kann, aus militärischen, spirituellen oder gesundheitlichen Gründen. Schnell taucht da die Assoziation des Schweizer Réduits während des Zweiten Weltkriegs auf. Heute jedoch verzieht man sich in die Berge, um sich der brütenden Sommerhitze oder der urbanen Geschäftigkeit zu entziehen. Während die einen sich in der gebirgigen Höhe erholen, entdecken andere den eigenen Über-Lebensraum. Gemeint sind nicht nur gesellschaftliche Aussteiger, sondern ebenso die paramilitärische Prepper-Szene, die sich für den Katastrophenfall mit Schutzbauten und Einlagerung von Lebensmittelvorräten vorbereiten.

Prozessorientiertes Schaffen hüben und drüben

Solche Überlegungen standen am Anfang des von Katja Baumhoff (Shed-Kuratorin), Bojan Mucko und Josip Zanki kuratierten Gemeinschaftsprojekts «Withdraw – into the mountains», das im Velebit-Gebirge mit den Kunstschaffenden Vanja Babić, Nicola Genovese, Luise Kloos, Esther Mathis, Ivana Pipal, Jovana Popić und Andri Stadler erarbeitet wurde. Nach dem Shed in Frauenfeld ist das Projekt 2019 in Zagreb zu sehen; geplant ist die Fortführung in der Obersteiermark.

Die Recherchewoche im Velebit-Gebirge endete mit einer Konferenz zum Thema «Berge als Rückzugsort» im Besucherzentrum des Paklenica-Nationalparks. Anfang September trafen sich alle Beteiligten nochmals in Frauenfeld (mit Abstechern in die Appenzeller Berge) wieder, um die Präsentation im Shed zu planen. Hier hatte das Projekt 2016 seinen Anfang genommen, an der Ausstellung «meer teilen: share more» mit Kunstschaffenden aus der Schweiz, Kroatien, Kolumbien und Ecuador. Da entstand die Idee eines vertieften schweizerisch-kroatischen Gemeinschaftsprojekts, um den gemeinsamen interkulturellen Blick auf künstlerische und gesellschaftspolitische Fragestellungen zu schärfen – konkret anhand der Berge und unterschiedlicher Rückzugsformen.

Schutzhelme mit Perlen, Geister und reines Licht

Die Ergebnisse der künstlerischen Recherchen sind überraschend ausgefallen. Beim Betreten des Ausstellungsraums sticht einem das länglich, buntschillernde Kissen «S.H.T.F.» von Nicola Genovese in Auge, das sich um die Falltür des Shedbodens schlängelt und Teil einer Performance ist, die zweimal durchgeführt wurde. Die Arbeit resultiert aus der intensiven Auseinandersetzung mit der Prepper-Szene und der Frage nach Maskulinität. Ein zurückhaltendes, aber konzises Statement gibt Ester Mathis ab, die das menschliche Schutzbedürfnis thematisiert. Sie überzieht Schutzbekleidung wie Helme und Mütze mit Glasperlen – besonders zerbrechlich wirkt das schutzlose, silbrig glitzernde Paar besockte Füsse. Ebenso intim sind Ivana Pipals feinfühlige Zeichnungen ihrer subjektiven Eindrücke auf der Wanderung. Sie war zudem für die Gestaltung des als Begleitpublikation herausgegebenen Kochbuchs «Into the Mountains» verantwortlich, das nebst vor Ort erprobten Rezepten Ausrüstungstipps und Stimmungsbilder enthält.

Vanja Babić hat den Ausflug ins Velebit-Gebirge mit einer Jagdkamera dokumentiert, die während sieben Tagen jede Minute ein Bild schoss, im Dunkeln mit Infrarotlicht. Der Künstler zeigt Ausschnitte der Serie als Video-Installation und als Schwarz-Weiss-Abzüge. Jovana Popić’ Audio-Arbeit ist eine Hommage an Bura, den Sturm. Mit schamanistisch anmutenden Klängen und einer Aufnahme von im Fallwind sich beugenden Bäumen beschwört sie die Geisterwelt. Ebenso sphärisch wirken Andri Stalders grossformatige, objektlose Fotografien, die reines Licht festhalten.

Fr, 5.10., 19 Uhr: Finissage. Do/Fr 19–21, Sa 16–20 Uhr, Shed im Eisenwerk Frauenfeld