Ethan Hawke ehrt mit neuem Kinofilm eine Aussenseiter-Legende

Im Spielfilm «Blaze» erzählt Ethan Hawke wahrhaftig von der Liebe und davon, was es heisst, Künstler zu sein. Im Mittelpunkt stehen die Songs des 1989 verstorbenen Singer-Songwriters Blaze Foley.

Regina Grüter
Drucken
Teilen

Ethan Hawke stammt aus Austin, Texas, und er liebt Musik. Mit seiner Regiearbeit «Blaze» rückt der besser als Schauspieler und Schriftsteller bekannte Hawke einen Singer-Songwriter aus seiner Heimat in den Fokus: Blaze Foley, 1989 mit 39 Jahren unter mysteriösen Umständen in Austin gestorben. Der Spielfilm basiert auf dem Memoire von Foleys einstiger Lebensgefährtin Sybil Rosen, mit der zusammen Hawke das Drehbuch verfasste. «Living in the Woods in a Tree: Remembering Blaze Foley» heisst Rosens Buch, und damit ist schon angedeutet, dass «Blaze» kein chronologischer Lebensabriss sein will.

Sybil Rosen war Blaze Foleys grosse Liebe und Muse. Und dort in diesem einfachen Baumhaus in einem Pinienwald in Georgia schrieb Foley seine ersten Songs. «Blaze» sei eine Geschichte darüber, wo Kreativität herkomme, und über die Essenz eines Lebens als Künstler, sagte Ethan Hawke am Filmfestival Locarno, wo er seinen Film erstmals dem europäischen Publikum vorstellte. Es sind Fragen, die Hawke selbst beschäftigen, und auf die er schon in früheren Filmen und Büchern nach Antworten suchte.

Die Liebesgeschichte mit Sybil ist eine Handlungsebene, Foleys letzter Auftritt im Musikclub Austin Outhouse, wo seine Lieder live mitgeschnitten werden, eine andere. Ein körperliches und seelisches Wrack, ist er nicht mehr derselbe Blaze, und doch trifft seine Performance – wenn er sich dann darauf einlassen kann – mitten ins Herz. In der gleichen Nacht wird Foley im Haus eines Freundes von dessen Sohn erschossen. «I’ve tried for a long time but I think I can’t win / I’d do it all better if I could do it again», heisst es etwa im Song «Cold Cold World» über sein eigenes Scheitern. Er hat’s probiert, ist mit Sybil erst nach Austin, dann nach Chicago gezogen, um den Durchbruch als Musiker zu suchen. Ein posthumes Radiointerview mit Zee und Townes Van Zandt bildet die dritte Handlungsebene, die Blaze Foley als Teil des Outlaw-Country-Sounds der 1970er- und frühen 1980er-Jahre widerspiegelt: die trostlosen, alkohol- und drogendurchtränkten Nächte zwischen zwei Gigs; einsame, empfindsame Seelen, die in ihren Songs ihr Innerstes preisgeben und dabei jedes Mal ein bisschen sterben. Es scheint, als könnten solche Menschen in diesem Geschäft nicht gewinnen.

Blaze Foley mit Gitarre und Townes Van Zandt (ganz rechts) auf der Veranda eines Freundes. (Bild: Look Now!)

Blaze Foley mit Gitarre und Townes Van Zandt (ganz rechts) auf der Veranda eines Freundes. (Bild: Look Now!)

Charlie Sexton spielt ­ Townes Van Zandt

Foleys Songs geben dem Film seine Struktur. Ausgehend von deren Inhalt und Entstehungszeit lässt Ethan Hawke die Ebenen ineinander gleiten. Das passiert so sanft und erscheint so zwingend, dass man die Seele dieses Blaze zu erkennen glaubt. In welcher Lebenssituation er auch gerade steckt, egal, ob sich Kleidung, Szenerie und Lichtgebung verändern, die Kamera fängt die Personen so ein, dass man «ihren Schweiss fühlt», wie Hawke es ausdrückt. Dass einem alles an diesem Film so echt und wahr vorkommt, liegt sicher daran, dass Sybil Rosen Fotos oder handgeschriebene Zettel von Blaze an sie mit zu den Dreharbeiten brachte. Auch Freunde und Familie von Blaze kamen ans Set. «Durch die Begegnung mit all diesen Leuten, die den wirklichen Blaze Foley kannten und liebten, wurde ein Schatten seiner Präsenz sichtbar», sagt Ethan Hawke. «Eine Stimmung und eine Energie, die grossen Einfluss hatten auf den Stil des Films und wie er sich anfühlt.» Und dann sind da noch Ben Dickey (Blaze), Alia Shawkat (Sybil) und Dylan-Gitarrist Charlie Sexton (Townes Van Zandt), die sich sichtlich von dieser familiären Atmosphäre anstecken liessen, so grossartig sind ihre Performances. Der Singer-Songwriter Dickey, ein Freund von Hawke, gab in «Blaze» sein Schauspieldébut.

«Blaze» ist ein Film voller Herz und Seele, der Ethan Hawkes Liebe zur Musik zum Ausdruck bringt. Und seine Sympathie für und Empathie mit Aussenseitern, die unsere Gesellschaft als Loser bezeichnen mag. Für andere sind sie Legenden, die die Welt mit ihren Songs für immer besser und schöner machten.