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Lucerne Festival: Die beste «Artiste étoile» seit langem

Das London Philharmonic Orchestra spielt seine ganze Erfahrung als Filmorchester aus. Und «Artiste étoile» Sol Gabetta bot in ihrer Residenz einen weiteren Glanzpunkt. Ihr absolutes Highlight aber war ein früheres Konzert.
Roman Kühne
Die Frauen gaben den Ton an: Cellistin Sol Gabetta und Dirigentin Marin Alsop mit dem London Philharmonic Orchestra. (Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival, 14. September 2018)

Die Frauen gaben den Ton an: Cellistin Sol Gabetta und Dirigentin Marin Alsop mit dem London Philharmonic Orchestra. (Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival, 14. September 2018)

Mit dem Schlusston bricht sich auch der tosende Applaus seinen Weg. Die Spannung der Musik entlädt sich in ihrer erlösenden Eruption. Dies ist natürlich einerseits dem Stück geschuldet. Die 1. Symphonie von Gustav Mahler legt es geradezu darauf an, das Publikum von den Sitzen zu reissen. Der Komponist selber versah sie einst mit dem Übernahmen «Titan». Eine Bezeichnung, die er allerdings bald wieder – wie alle Zuschreibungen – entfernte. Er wollte doch nicht in dieselbe Ecke der Tonmalereien eines Richard Strauss gestellt werden.

Aber ob «Titan» oder ein «Held», wie in einem Brief des Komponisten vermerkt: Das Werk ist und bleibt ein Gebirge, das es zu überwinden gilt. Vor allem der letzte Satz «stürmisch bewegt» ist an Steigerung kaum zu überbieten. Wenn am Schluss die sieben Waldhörner und je eine Trompete und Posaune stehend ihre Wucht in die Halle schmettern, dann hält es auch in unserer lauten Welt wohl kaum einen Zuschauer auf seinem Platze.

Den Geistermoment nicht optimal umgesetzt

Das London Philharmonic Orchestra unter Dirigentin Marin Alsop bietet aber auch eine grosse Aufführung. Wäre der erste Satz stimmiger gewesen, es hätte gar eine grossartige sein können. Wieder einmal zeigt sich, wie schwierig es ist, die mahlerschen Geschichtskolosse mit Sinn zu füttern.

Der Auftakt selber ist magisch. Der stehende Ton über sieben Oktaven scheint von überall und nirgends zu kommen. Von fern schneiden die Trompeten die perfekte Klangmischung entzwei. Schade zerspielt das aufkommende Orchestertutti diesen unwirklichen Geistermoment. Der Aufbau und die anschliessende Tonwucht sind teils unpräzise und schlecht gemischt. Das Schlagwerk scheint selber überrascht von der erzielten Kraft.

Erst im zweiten Satz findet das Orchester zuerst zu sich und dann zu einer überzeugenden Interpretation. Derb und intensiv tanzt die böhmische Musik. Alles mischt sich, sinnlich und klar. Das sich wechselnde Spiel der Violinen und Bläser, der hüpfende Sog der Celli, die sehnend klagenden Bässe im Mittelteil: Marin Alsop nimmt immer wieder die wuchtige Klangfülle zurück, gibt den komplexen Akkorden Farbe und Dichtung. Das bittere «Adagio» schaukelt düster, ja schauerlich gar. Wie in einem Film werden die Facetten des Trauerzuges ausgelotet. Hier zahlt sich die Erfahrung der London Philharmonic aus, die den Soundtrack für viele grosse Streifen, von «Lawrence of Arabia» bis «Herr der Ringe» spielte.

Und dann eben der Schluss. Ein wuchtiger Aufstieg mit vielen Zwischentönen führt zum finalen, fast jubilierenden Zorn des Helden. Eine Kulmination, die erst im erlösenden Schlusston ihr Ende findet. Vor der Pause zeigte das Orchester leider nicht ganz diese Präsenz. In den drei Ausschnitten aus «The Wand of Youth» hätte man sich mehr Witz, Spritzigkeit, ja Schalk erwartet. Wenigstens ist es eines der wenigen Stücke, die das Festivalthema «Kindheit» wirklich widerspiegeln. Greift der Komponist Edward Elgar doch hier – im reifen Alter – drei Themen auf, die er als Kind komponierte.

Sol Gabettas bestes Pferd im Stall

Auch in der Begleitung der Solistin scheint das Orchester noch nicht ganz im Konzertsaal angekommen. Sol Gabetta beschliesst mit dem Cellokonzert von Edward Elgar ihren Festival Aufenthalt. Es ist ihr «Caballo de Batalla», wie es die Künstlerin selbst bezeichnet, also ihr «Kriegsross» oder das beste Pferd im Stall.

Zum Glück interpretiert sie das üppige Tongemälde weniger militärisch, sondern leicht und schlüssig. Mit ihrem schlanken, variablen Ton gibt sie der Dichtung eine grosse Leichtigkeit. Herrlich, wie sie das erste steile Crescendo in die Höhe zieht, den vollen Klang an das Orchester weiterreicht. Geschickt weicht sie der Schwülstigkeit der Komposition aus, nimmt den Ton zurück, lässt ihn innerlich wachsen.

Vor einem halben Jahr spielte der Norweger Truls Mørk das gleiche Stück mit dem Luzerner Sinfonieorchester. Dort war es eine satte, schwelgende Deutung, wo der Cellist seine wuchtige Tiefe voll in die Schale warf. Sol Gabetta hingegen spielt eher mit der sensiblen Seite der Linien. Es ist eine zögernde Liebe, die sie etwa im zweiten Satz entwirft. Eine sich sehnende, sanfte Leidenschaft, niedergesunken und matt.

Zusammenspiel mit den Wienern als Höhepunkt

Als Zugabe spielt sie ein verträumtes «Sospiri» (Elgar). Damit beschliesst sie ihre Residenz. Andere «Artistes étoiles», wie 2017 die Violinistin Patricia Kopatchinskaja oder der Schlagzeuger Martin Grubinger (2013) mögen überraschendere Programme geboten haben. Gabetta indes überzeugte künstlerisch auf ganzer Linie. Trotz ihrer grossen Ausstrahlung wirkte sie nie affektiert oder künstlich. Mit grosser Konzentration, Ernsthaftigkeit und viel Leidenschaft stellte sie in allen Konzerten nur die Musik ins Zentrum.

Stilistisch ging es von Joseph Haydn, über Bohuslav Martinů bis hin zur Moderne. Der Höhepunkt war ihr Zusammenspiel mit den Wienern Philharmonikern in Haydns Cellokonzert vor einer Woche, wo auch die Begleitung sich auf exzellentem Niveau bewegte. Sol Gabetta als «Artiste étoile» war eine Wahl, die sich als exzellent erwiesen hat.

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