Emanzipation
Premiere im Theaterpavillon Luzern: Die dreifache Nora im Demontage-Rausch

Das Luzerner Theater-Produktionslabel Grenzgänger bohrt in «Nora Nora Nora» tief in den Mechanismen zementierter Rollenbilder.

Stefan Welzel
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Gute Schauspielerinnen in einem überzeugenden Stück samt gelungenem Bühnenkonzept: «Nora Nora Nora» im Luzerner Theaterpavillon mit Vera Bommer, Kathrin Veith und Fabienne Trüssel (v.l.n.r.).

Gute Schauspielerinnen in einem überzeugenden Stück samt gelungenem Bühnenkonzept: «Nora Nora Nora» im Luzerner Theaterpavillon mit Vera Bommer, Kathrin Veith und Fabienne Trüssel (v.l.n.r.).

Bild: Dominik Wunderli

Der Anfang ist das Ende. Zumindest im Stück «Nora Nora Nora» von Regisseurin Bettina Glaus und Autorin Eva Rottmann. Nora ist weg, gegangen, ausgebrochen aus ihrem sozialen Käfig. Als Mutter und Ehefrau hatte sie genug von einem Leben, das ihr jegliche persönliche Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung nahm. Und eine der drei Protagonistinnen auf der Bühne des Theaterpavillons Luzern fragt in die Runde, mittels imaginären Briefs an die Geflüchtete:

«Nora, was ist nur aus dir geworden?»

Es ist der Beginn einer Inszenierung des Theater-Produktionslabels Grenzgänger, welche um die grossen Fragen kreist, wie es um die Gleichstellung der Frau und eine gerechte Rollenverteilung in unserer heutigen Zeit nun wirklich steht. Immerhin ist es die Epoche von MeToo, Frauenstreik und LGBT-Bewegung. Gleichzeitig ist es auch das Ende von Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenheim» aus dem Jahre 1879. In diesem Pionierdrama im Dienste der Emanzipation behandelte der Norweger ein Thema, welches damals praktisch keine Beachtung fand in der traditionsbehafteten Welt des 19. Jahrhunderts. Der lange innere und auch äussere Kampf der namensgebenden Protagonistin führt ganz am Schluss zum Ausbruch aus allen Konventionen und aus dem vermeintlichen Familienidyll. Ein Tabubruch: Die Mutter verlässt Mann und Kinder.

Von der hörigen Gattin zur selbstbestimmten Frau

Zurück zum Stück des Duos Glaus/Rottmann in Luzern. Hier stehen drei Heldinnen, alle als Noras, auf der Bühne. Sie schlüpfen in verschiedensten Konstellationen und neu erdachten Variationen in die Rolle der Frau, die am alten Geschlechtermodell (ver-)zweifelt. Der eingangs beschriebenen Frage, die sie an Ibsens Nora stellen, fügen sie gleich ganz viele weitere an. Zum Beispiel:

«Wie gut kann es einer Mutter gehen, die ihre Kinder verlassen hat?»

Genau damit rücken sie weitverbreitete, subtilere Grundannahmen unseres Zusammenlebens in den Fokus. Dahinter verbirgt sich selbstverständlich nichts anderes als der mehr als berechtigte Gedanke, warum man dergleichen eine Mutter immer fragt, einen Mann und Vater in derselben Situation aber kaum.

In einem gelungenen Bühnenkonzept mit drei grossen hölzernen «N»-Büsten, die zu unterschiedlichsten Settings zusammengestellt werden können, reiben sich fortan die toll agierenden Schauspielerinnen Vera Bommer, Kathrin Veith und Fabienne Trüssel an den Ansprüchen, Erwartungen und Möglichkeiten, die das Leben für die Noras bereithält. Chronologisch zurück in Ibsens Geschichte, wandeln sie sich von der hörigen Gattin, die dem selbstgefälligen Mann als soziale Staffage dient, zur selbstbestimmten Frau.

Bild: Dominik Wunderli

Bild: Dominik Wunderli

Fragen an allgemeine Handlungsmuster

Lange werden dabei soziale und geschlechterspezifische Klischees in Persiflage demontiert. Natürlich muss man das genau so machen, aber hier hätten sich die Macherinnen durchaus etwas kürzer fassen dürfen. Nicht minder dringlich sind nämlich kritische Fragen an vom Geschlecht unabhängige Handlungsmuster, die Hierarchien zementieren und soziale Gefälle verursachen. Exakt das tun Glaus und Rottmann dann gegen Ende ihres Stücks doch noch. «Bravo!», kann man da nur sagen.

Die Noras rufen dazu auf, das System zu verändern und nicht Althergebrachtes einfach zu verschieben. Denn auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft mit echter Chancengleichheit auf allen Ebenen würde es nichts bringen, wenn Frauen unter Emanzipation lediglich verstehen, die gleichen unterdrückerischen, chauvinistischen Mechanismen ebenso gut ausführen zu können wie bisher die Männer. Diese Botschaft kam rüber - und hat für die kommenden Vorstellungen bis Freitagabend noch ein paar Zuschauerinnen und vor allem Zuschauer mehr verdient, als sich an diesem verregneten Mittwoch im Tribschen einfanden.

Weitere Aufführungen heute Donnerstag- und morgen Freitagabend um jeweils 20.00 im Theaterpavillon Luzern. www.theaterpavillon.ch