Dirigent und leidenschaftlicher Tango-Tänzer Chiacchiarini:
«Die Frau bestimmt mit!»

Mariano Chiacchiarini schafft am Lucerne Festival als Dirigent und Tänzer den Spagat zwischen Tango und Moderne.

Urs Mattenberger
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Ein Stück argentinische Heimat mitten in Luzern: Mariano Chiacchiarini im Tangolokal Besito. Bild: Nadia Schärli (23. August 2019)

Ein Stück argentinische Heimat mitten in Luzern: Mariano Chiacchiarini im Tangolokal Besito. Bild: Nadia Schärli (23. August 2019)

Vor Jahren entpuppte sich der Dirigent Mariano Chiacchiarini an der Lucerne Festival Academy als «leidenschaftlicher Tango-Tänzer». So steht es in der Ankündigung des Konzerts der Festival-Alumni, an dem er am Samstag Werke von Astor Piazzolla dirigiert. Zudem ist der 36-jährige Argentinier, der in Deutschland lebt und von Argentinien bis China grosse Orchester dirigiert, am Festival Assistent von Riccardo Chailly für das Moderne-Programm des Alumni-Orchesters am Sonntag.

Wie schafft ein Klassikdirigent den Spagat zwischen Tango und neuer Musik, der die Schubkraft, die Ohrwurmmelodien und die Erotik und Leidenschaft des Tango abgehen? Und ist heute, wo sich selbst Dirigenten als Teamplayer verstehen, der Paartanz ein letztes Refugium der Macht, weil da der Mann «führt» und die Frau «folgt»?

Zu Hause in einer «fremden Umarmung»

Wir fragten Chiacchiarini in einer Milonga, einem Tanzanlass in einem Tango-Lokal. Nach dem Academy-Arbeitstag macht er sich um 22 Uhr munter auf den Weg vom KKL ins «Besito» an der St.-Karli-Strasse in Luzern – im Schlepptau den Rollkoffer, in dem immer Tanzschuhe eingepackt sind. «Als Dirigent bin ich viel unterwegs. Wenn ich tanzen gehe, erspart mir einsame Nächte im Hotel», lacht er: «Als Tango-Tänzer findet man überall auf der Welt ein Stück Heimat und seine Familie, in einer fremden, aber warmen Umarmung.»

So fallen sich im «Besito» Chiacchiarini und der «Besito»-Betreiber, ebenfalls ein Argentinier, zur Begrüssung in die Arme, als wären sie alte Freunde. Tanzpaare kreisen zu nostalgischen Tangos, die Bandoneons setzen Akzente unter Gesänge, die von «Liebessehnsucht und -verrat, aber auch vom Verlust der Pferde» handeln: «Die wichtigsten Themen in alten Tangos», schmunzelt Chia­cchiarini. Fehlt ihm diese Unmittelbarkeit nicht, wenn er zeitgenössische Musik dirigiert?

Neue Rezepte für die Musik wie für den «Macho»-Tanz

Für den umgänglichen Argentinier sind das nicht nur Gegensätze. Auch im Tango interessieren ihn Weiterentwicklungen, deren bekannteste Astor Piazzollas Tango Nuevo ist. «In Orchesterkonzerten dirigiere ich auch Vorläufer wie Osvaldo Pu­gliese oder Julian Plaza. Und es gibt heute Komponisten wie Marcelo Nisinman oder Tomas Gubitsch, die auf interessante Weise über Piazzolla hinausgehen», sagt er. «Dabei stellt sich immer die Frage, wie weit das noch Tango ist. Und ob es überhaupt Tango sein muss.»

Die Fragen, die sich bei neuer Musik stellen, sind davon gar nicht so verschieden. «Ich mag es im Tango oder in der klassischen Musik, wenn wie in einer Küche immer neue Rezepte ausprobiert werden.» Deshalb findet er es als Dirigent selbstverständlich, auch Werke lebender Komponisten aufzuführen.

Inzwischen hat Chiacchiarini ein paar Runden auf der Tanzfläche gedreht. Ein guter und angenehmer Tänzer, bestätigen seine Tanzpartnerinnen. Man sieht es an den geschmeidigen Bewegungen. Und daran, dass er auf spektakuläre Posen verzichtet, die man von Bühnenshows kennt und die das Bild eines erotisch knisternden Macho-Tanzes zeichnen.

«Das Macho-Klischee interessiert mich nicht», winkt Chia­cchiarini ab. Aber schlummert etwas davon nicht darin, dass im Tango der Mann führt und die Frau zu folgen hat? Wie passt das zur Gleichberechtigung der Geschlechter? «Es gibt heute auch im Tango Frauen, die die führende Rolle übernehmen», relativiert der Argentinier: «Zudem ist die Führung im Tanz keine Einwegkommunikation. Der Mann zeigt zwar an, was kommt und wohin es geht. Aber wann und wie die Frau ihre Bewegungen ausführt, entscheidet sie selber. Sie kann sich zum Beispiel für eine Verzierung Zeit lassen und bestimmt damit nicht nur den Ausdruck, sondern auch das Tempo mit.»

Der Dirigent lernt vom Tänzer

Wie hat die Welt des Tango Chia­cchiarini als Dirigenten beeinflusst? Ein Aspekt, der auch in klassischen Orchestern wichtig ist, betrifft die Artikulation: «Die Musik des Tango muss ganz deutlich artikuliert sein, damit sie zu ‹sprechen› beginnt», sagt er und verweist auf die Musik aus den Boxen, in der sich Staccato-Akzente und Melodielinien abwechseln.

Noch wichtiger war für Chia­cchiarini ein anderer Aspekt: «Ich bin eher ein ruhiger, introvertierter Mensch, was nicht zur Rolle eines Dirigenten passt», lacht er. «Beim Tanzen habe ich gelernt, mich stärker nach aussen zu öffnen und meine Körpersprache zu verarbeiten. Man versteht beim Tanzen und Dirigieren, wie viel eine Geste bedeuten kann, wie viel man mit ganz wenig kommunizieren kann», sagt er und fügt hinzu: «Das beginnt schon, wenn man aufeinander zutritt und die Arme für die Umarmung im Tanz öffnet: Da ist man ganz offen, und jeder Schutz ist weg.»

Hinweis

Konzert: Samstag, 7. September, 22.00, KKL, Luzerner Saal; Werke von Piazzolla, mit Michael Zisman (Bandoneon) und Showtanz. Im Anschluss Milonga im KKL-Foyer (mit DJ).