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Die Freilichtbühnen in Luzern zu Beginn des 20. Jahrhunderts – unvollendete Träume von einer nationalen Theaterhochburg

Verschiedene Projekte für Freilichtbühnen sollten Luzern einst zur Theaterhauptstadt des Landes werden lassen. Eines davon entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in Hertenstein, ein anderes in den 1920ern auf dem Dietschiberg.

Stefan Welzel
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Kritisches Regietheater oder klassische Interpretation? Enge Guckkastenbühne oder grosszügiges Freilichttheater? Intellektuelle Innenschau oder pathetisches Gemeinschaftserlebnis? Solche Fragen um Gegensätze der Theaterwelt existieren schon lange – in Metropolen genauso wie in Provinzstädten. Zurzeit läuft auch in Luzern wieder einmal eine Debatte, wie sich das hiesige Theaterhaus bautechnisch und damit auch inhaltlich ausrichten soll. Und egal wie das Konzept schlussendlich aussieht, es wird vielerorts Freude und anderswo Skepsis auslösen.

Manch ein ehemaliges Grossprojekt versandete, das eine schneller, das andere langsamer. Man denke an die Salle Modulable oder an Pläne einer Festspielanlage auf dem Inseli vor dem Zweiten Weltkrieg. Und so erging es in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts auch verschiedenen, sehr ambitionierten Projekten, die Luzern als Festspielhochburg mit grossen Freilichtbühnen etablieren sollten. Eines entstand um 1910 herum in Hertenstein, ein anderes erlebte in den Jahren 1925 und 26 lediglich zwei Spielzeiten auf dem Dietschiberg, ehe der Traum einer professionellen Bühne unter freiem Himmel begraben werden musste.

So sah das Freilichttheater auf dem Dietschiberg 1925 aus. Charakteristisch ist der Tempelnachbau, um dem klassischen, antiken Stoff der Aufführungen einen entsprechenden Rahmen zu geben.

So sah das Freilichttheater auf dem Dietschiberg 1925 aus. Charakteristisch ist der Tempelnachbau, um dem klassischen, antiken Stoff der Aufführungen einen entsprechenden Rahmen zu geben.

Bild: Edmund Stadler/Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur, Band 19/1951

Vor dem Ersten Weltkrieg liessen sich Künstler wie Richard Wagner oder Richard Strauss von der Landschaft rund um den Vierwaldstättersee dazu inspirieren, Luzern zu einer Festspielstadt wie Bayreuth oder später Salzburg zu machen. Erste Pläne stammten aus der Feder von Arnold Ott. Der Idee des Luzerner Dramatikers folgend sollte noch vor der Jahrhundertwende ein überdachtes Sommertheater in der Luzerner Bruchmatte entstehen. Später folgten Pläne für eine Bühne im Gigenwald im Amphitheaterstil und 5000 Zuschauerplätzen. Doch konkret wurde ein derartiges Unterfangen erst 1909 in Hertenstein bei Weggis.

Überwiegend Stoff aus der griechischen Antike

Der deutsche Historiker Christian Roedig stiess über Nachforschungen zu Schauspielerbiografien auf die Naturbühne auf der Halbinsel. Im Jahrbuch 2019 der Historischen Gesellschaft Luzern geht Roedig ausführlich den Luzerner Freilichtbühnen jener Zeit nach. «Das Hertensteiner Freilichttheater entführte die Besucherinnen und Besucher in die Welt der griechischen Mythologie», schreibt Roedig. Direktor war der Berliner Schauspieler und Regisseur Rudolf Lorenz. «Es waren zunächst überwiegend reichsdeutsche Bürger, die sich mit der Wiederbelebung des griechischen Theaters von den Tellspielen in Altdorf und den typisch vaterländischen Festspielen distanzierten. Man richtete sich an ein anspruchsvolles und internationales Publikum», erklärt Roedig im Gespräch. Es war die Zeit der Belle Epoque und mit ihr der ersten Hochkonjunktur des Luzerner Tourismus. Mit kulturellen Anlässen wollte man in Luzern und Umgebung zusätzlich Feriengäste anlocken. Das Freilichttheater in Hertenstein war auch bühnentechnisch ganz auf die Inszenierung antiker Stoffe ausgerichtet. Dazu gehörte ein entsprechender Tempelnachbau und ein zweistöckiger Turm, die man um eine Freifläche anordnete.

Ansichtskarte einer Medea-Aufführung um 1909/10 in Hertenstein.

Ansichtskarte einer Medea-Aufführung um 1909/10 in Hertenstein.

Bild: PD Christian Roedig

Eingebettet war das Ganze in eine malerische Waldlandschaft.

Die Zuschauerränge in Hertenstein waren denen eines Amphitheaters nachempfunden.

Die Zuschauerränge in Hertenstein waren denen eines Amphitheaters nachempfunden.

Bild: PD Christian Roedig

Zur Aufführung gelangten Stücke wie Iphigenie auf Tauris von Goethe (nach Euripides) oder Franz Grillparzers Medea. Das Echo in der Theaterwelt war gross und hallte sogar von Übersee in die Zentralschweiz – in der «New York Times» berichtete man über das internationale Experiment. Jedoch war dieses nicht von grosser Dauer. Historiker Roedig verweist auf die «kommerziellen Abstürze, die der Unbill des Innerschweizer Wetters geschuldet waren». Der Beginn des Ersten Weltkrieges und ein Brand 1915 bedeuteten das Ende des Hertensteiner Freilichttheaters. In den 1920er-Jahren folgte eine kurze Wiederbelebung, ehe die Bühne auf dem Gelände des heutigen Campus Hotel zum allerletzten Mal benutzt wurde.

Schlechtes Wetter und wenig Zuschauerzuspruch

Ein aussergewöhnliches Projekt, quasi als «Nachklang der Belle Epoque», wie Roedig es nennt, war die Klassische Bühne Dietschiberg Mitte der 1920er-Jahre. Am Ende der Tramlinie liess der Regierungsrat Arthur Oswald 1912 die Dietschibergbahn bauen. Bei der Bergstation stand schon das Restaurant mit Aussichtsterrasse. Ein idealer Ort war gefunden, um noch einmal die Luzerner Träume einer renommierten Freilichtbühne mit nationaler Ausstrahlung zu realisieren.

1925 begrüsste der Schweizer Theaterdirektor und Schauspieler Otto Bosshard das Publikum – erneut und wie es der Name schon andeutete, zu einem klassischen Programm. Auch hier lief die «Iphigenie», am häufigsten standen «Die Bacchantinnen» von Euripides auf dem Spielplan. Rund 500 Personen fasste der Zuschauerraum. Die Naturbühne – natürlich auch wieder mit einem hölzernen Tempelnachbau – stand unweit des Restaurants. Anders als in Hertenstein war die Klassische Bühne Dietschiberg ein Theater von nationaler Prägung. Christian Roedig dazu: 

«Man verband dabei ein professionelles Freilichttheater mit ausgesprochen touristischem und kommerziellem Hintergrund und legte diesem das Motto "klassisches Nationaltheater" der Schweiz zugrunde.»

Doch auch der Dietschiberg-Bühne war kein langes Leben beschieden. Extrem schlechte Wetterbedingungen sorgten für einen mageren Zuschauerzuspruch. «Hinzu kam die allgemeine Krise des Theaters, das im Kino einen steil aufstrebenden Konkurrenten hatte», sagt Roedig. Ausserdem fehlte eine stattliche Anzahl ausländischer Gäste in Luzern – der Tourismus erholte sich in den 20er-Jahren erst langsam von den Auswirkungen des Weltkrieges. Und die Stadt liess Bosshards Projekt finanziell buchstäblich im Regen stehen, sodass die Spielzeit 1926 bereits die letzte war. Ein kurzes Aufflackern erfolgte im Kriegsjahr 1944, als die Basler Studentenschaft der Bühne auf dem Dietschiberg während eines kurzes Freilichtspiels erneut Leben einhauchte. 1952 erfolgte der Abbruch der Bühne.

1944 liessen Studenten aus Basel die Bühne auf dem Dietschiberg noch einmal aufleben.

1944 liessen Studenten aus Basel die Bühne auf dem Dietschiberg noch einmal aufleben.

Bild: Staatsarchiv Luzern

Beitrag «Festspielzauber in Luzern: Die Klassische Bühne Luzern-Dietschiberg (1925/26) und ihre Vorgeschichte» im Jahrbuch 2019 der Historischen Gesellschaft Luzern.

Christian Roedig: «Ein Musenhain am stillen Seegestade» – Das Freilichttheater Luzern-Hertenstein (1909–1914). Spielplan, Ensemble und kulturelles Umfeld», Verlag Königshausen und Neumann, ISBN: 978-3-8260-6906-2