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Die Geschichte einer Vergewaltigung

Die Autorin Winnie M Li wurde als fast 30-Jährige von einem 15-Jährigen brutal vergewaltigt. Nun hat sie sich schreibend von ihrem Trauma gelöst und ist tief in die Seele des halbwüchsigen Täters vorgedrungen.
Heiko Strech
Die US-Taiwanesin Winnie M Li (Bild: PD)

Die US-Taiwanesin Winnie M Li (Bild: PD)

«Sie blickt um sich und erfreut sich an der Umgebung. Blumen, Bäume, die Schlucht und … Was ist dieser weisse Fleck dort unten auf dem Hang?» Vivian, US-Taiwanesin wie ihre Autorin Winnie M Li, hat ihr Studium beendet. Glücklich wandert sie durch den Belfaster Glen Forest Park in der Frühlingssonne. Doch jäh erkennt sie: «Das ist er. Der Junge in seinem leuchtend weissen Pullover.» Die Farbe der Unschuld! Aber ausgerechnet jetzt beginnt das dunkle Kapitel, «The Dark Chapter» im Leben der zukunftsfrohen Vivian. So der Englische Titel des Erstlingsromans von Winnie M Li. Der deutsche Titel lautet schlicht «Nein». Dahinter steckt die eigene Geschichte der Autorin. Vivian hat dem erst fünfzehnjährigen Johnny klar Nein! gesagt, ihn zunächst weggewiesen. Doch er holt sie wieder ein. Vergewaltigt sie überaus brutal. Diese heikle Szene hat die Autorin eindrucksvoll im inneren Monolog Vivians gestaltet.

Sie hat nur Worte, er eine Erektion

Ein Zeichen, dass die Autorin auch psychisch weit gekommen ist in der Verarbeitung des scheusslichen Verbrechens. Dabei ist ihre Vivian dem Halbwüchsigen im Grunde weit überlegen. Geschickt hält sie ihn eine Zeit lang hin. Aber sie hat nur Worte, er Muskelkraft und Erektion.

Was den Roman von Winnie M Li so einzigartig macht: Sie wechselt ständig zwischen der Perspektive der Oberschicht-Frau und des Unterschicht-Jungen. Vivian wächst behütet und gefördert auf, Johnny gehört zu den «Irish Travellers»; schlecht gebildet, Suff, Prügelvater, dauerverdroschene Mutter, krimineller Bruder. Beklemmend schildert Vivian zunächst die eigenen Nachqualen unter den wiederholten peinvollen Untersuchungen durch die Polizei, die Gynäkologie: Es sind der Autorin eigene Erfahrung.

Trotz Schock ein Thriller mit Tiefgang

Ihr Vergewaltiger hatte übrigens seine Tat rasch gestanden. Die Autorin erfindet deshalb einen exemplarisch unerträglichen Prozess mit ständig repetierten Details der Tat. Besonders auch mit den perfiden Fangfragen des gegnerischen Anwalts. «Frauen wollen doch genommen werden, oder?» Das Milieu Johnnys und den möglichen Prozess hat Winnie M Li minutiös recherchiert. Bewundernswert, wie sie trotz ihres Traumas das Leidensma­terial in einen Thriller mit Tiefgang umwandeln kann. Wobei die seelische Binnenspannung im Gegeneinander Vivian/Johnny weit grösser ist als die äussere. Die Autorin schildert die mons­tröse Tat eines Gewalttäters, gewiss. Ein Verbrecher ist er, aber kein Monster. Winnie M Li zeigt, wie tief sein krasses Milieu in ihm verankert ist, seine Skrupel unterdrückt. Weit geht die Autorin übers Schreiben hinaus. Seit Erscheinen ihres Romans in den USA reist sie herum, hält der Männer-Macht den Spiegel vor. Für die unzähligen vergewaltigten Frauen dieser Welt. So starke Opfer wie Winnie M Li braucht #metoo.

Winnie M Li Nein. Arche-Verlag, 448 S., Fr. 30.–

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