Ausstellung in der Galerie Vitrine:
Die goldenen Ikonen unserer Tage

Der Kubaner Ernesto Rodriguéz Gonzàlez vermischt in seinen Bildern alte und neue Heilsbringer. Und regt damit zum Nachdenken an.

Susanne Holz
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Realitäten im Widerstreit: «Der Erzengel Gabriel bestraft den roten Dämon», gemalt in Tempera auf Gips.

Realitäten im Widerstreit: «Der Erzengel Gabriel bestraft den roten Dämon», gemalt in Tempera auf Gips.

Bild: Nadia Schärli (Luzern, 12. Februar 2020)

«Jede Zukunft wird alt», was für ein schöner Titel. Ernesto Rodriguéz Gonzàlez, Künstler aus Kuba, ist selbst erst 33 Jahre alt, greift mit seiner Ausstellung unter diesem Titel aber die zeitlose Erkenntnis auf, dass jede Zukunft einmal zur Vergangenheit wird, dass nichts bleibt, und alles stets im Fluss ist. Und so werden auch die Superhelden unserer Zeit, die Ikonen unserer Tage, irgendwann ausgedient haben als Heilsbringer. Das Zeitalter von Handy, Hashtag und Hyperkonsum wird etwas anderem weichen.

"Computer können nicht träumen. Sie können nicht imaginieren."

Was bleibt dem Menschen da als Halt? Ernesto Rodriguéz Gonzàlez wagt es, hier die katholische Maria ins Bild zu rücken. Für ihn ist Maria eine «Mutter der Spiritualität». Der Kubaner sagt: «Maria ändert sich nicht. Sie ist zeitlos und universell.» Auf den Bildern in der Galerie Vitrine schaut diese Ikone meist traurig, kein Wunder, muss sie doch statt Jesus Coca-Cola-Dosen in Händen halten, oder aber das Jesuskind hat einen metallenen Roboterkopf oder aber sein Kopf ist ein Tablet. Es erschliesst sich schnell, was der Künstler damit sagen möchte: Konsum und Technik sind die Götzen unserer Zeit.

Superman als neuer Erlöser

Doch ganz so simpel ist es nicht: Der 33-Jährige möchte auf mangelnde Kommunikation und Reflexion aufmerksam machen. «Auf den Mix alter mit neuer Zeit, den Mix der Realitäten.» Haben wir begriffen, dass «Computer nicht träumen können? Nicht imaginieren?» Verstehen wir, dass Superman unser neuer Erlöser sein soll? Er sei sehr spirituell, sagt Gonzàlez, und eng mit seinem Gott verbunden, seinem persönlichen. In Kuba praktiziere jeder irgendeine Art von Religion.

Ikonen zu malen, ist für den Kubaner ein Ritual und ein spiritueller Vorgang. «Es ist wundervoll.» Gonzàlez arbeitet mit Gold, Silber, mit kubanischen Flussperlen. Seine Bilder leuchten und erinnern an traditionelle Ikonenmalerei – wären da nicht das Coke, der Superheld und der Smiley, den ein trauriger Jesus in Händen hält. Sie schwelgen in Luxus und nehmen doch unseren Konsum kritisch ins Visier. Sie sind kein Ikonoklasmus, also keine Zerstörung heiliger Bilder der eigenen Religion, sondern sie arbeiten mit Religion und sind Ausdruck einer Sehnsucht nach Spiritualität.

Und natürlich ist Ernesto Rodriguéz Gonzàlez Kubaner und spart auch den Konflikt zwischen Kommunismus und Kapitalismus nicht aus. So hält auf dem Bild «Der Erzengel Gabriel bestraft den roten Dämon» dieser Erzengel eine Dose West-Tomatensauce mit dem Hammer-und-Sichel-Symbol des Marxismus-Leninismus in der Waagschale.

Eine mystische Erfahrung in Luzern

Für Gonzàlez stellt die Ikonenmalerei einen Versuch dar, «die Realität zu zeigen» und darüber nachzudenken, «ob wir uns und die Welt zum Besseren verändert haben». Heute fliegt der Künstler zurück in seine Heimat. Alle in der Ausstellung gezeigten Werke sind seit dem 19. Dezember 2019 zu Hause bei Galeristin Evelyne Walker entstanden. Beide sind begeistert von der gemeinsam verbrachten Zeit. Gonzàlez spricht von einer mystischen Erfahrung, die seinen Umgang mit Holz, Gold und Pigmenten verändert habe.

Hinweis

Ernesto Rodriguéz Gonzàlez: «Jede Zukunft wird alt». Ausstellung in der Galerie Vitrine Luzern, Stiftstrasse 4. Bis zum 21. März 2020. Geöffnet Do/Fr 14 bis 18.30 Uhr sowie Sa 12 bis 16 Uhr. www.galerie-vitrine.ch