Die grosse Abrechnung: Sänger Endo Anaconda hofft auf die rebellierende Klimajugend 

Endo Anaconda outet sich als Alkoholiker und geht auf seinem neuen Album «Pfadfinder» mit seiner Generation und der Elite ins Gericht. Seine Hoffnung gilt der rebellierenden Klimajugend.

Stefan Künzli
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2020 Nüchtern, schüchtern, lebensfroh.
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2015 Wild, wilder, alterswild.
2002 Originell, schnell, und komisch. Im Duo mit Balts Nill.
1998 Frech, keck und hungrig.

2020 Nüchtern, schüchtern, lebensfroh.

Bild: Keystone

«Grüezi, Endo! Sie sehen aber gut aus», sagt die Nachbarin im Hauseingang zum Berner Sänger. Anaconda lacht verlegen und gibt das Kompliment zurück. Es ist keine verlogene Schmeichelei, denn dem 64-jährigen Barden, der seit einem Jahr als Wochenaufenthalter bei seiner Freundin im aargauischen Erlinsbach wohnt, geht es gesundheitlich tatsächlich gut wie lange nicht mehr.

Anaconda ist Diabetiker, litt unter einem Nebennieren-Tumor, und an Silvester vor einem Jahr brach er sich die Kniescheibe. Besorgniserregend waren aber seine Leberwerte.

«Ich bin Alkoholiker»

, gesteht er,

«ich habe in meinem Leben viel getrunken, sehr viel. Eine Flasche Schnaps täglich. Und wenn noch eine zweite Flasche da war, gings weiter, bis ich umkippte.»

Am Schluss sei er jeweils am Morgen aufgestanden und habe als Erstes Kaffee, Gin Tonic und Supradyn zu sich ge­nommen. «Okay, es hat mich vor den Konzerten ruhiger gemacht. Ich leide ja unter schrecklichem Lampenfieber. Aber die Konzerte sind nicht besser geworden, wenn ich getrunken hatte», sagt er rückblickend, «Alkohol und Drogen haben mich auch nicht mehr inspiriert.» So konnte es nicht weitergehen.

Heute ist Anaconda trocken. Schon seit letztem August hat er keinen Schluck Alkohol mehr getrunken. Dafür treibt er zwei- bis dreimal in der Woche Sport: Fitness und Ausdauer. «Wenn ich in meinem Leben noch etwas Zeit mit meiner Freundin geniessen will, dann muss ich etwas machen. Das Training tut mir gut. Ich will noch etwas hier sein», sagt er.

In den letzten Alben «Böses Alter» (2013), «Alterswild» (2015) und «Endosaurusrex» (2017) verbreitete der Oberhase Endzeitstimmung, war mit sich selbst beschäftigt und kündigte sein Karriereende an. Es konnte deshalb nicht damit gerechnet werden, dass er ein Album mit neuen Songs aufnehmen würde. Optimismus versprüht Anaconda natürlich auch auf seinem zehnten Album nicht. Das würde nicht zu ihm passen. Vielmehr ist «Pfadfinder», so der Titel des Albums, eine schonungslose, bitterböse furiose Abrechnung mit der politischen und wirtschaftlichen Elite. Von der Innensicht hat er wieder zur Aussensicht gewechselt. Sie steht ihm gut.

Der erste Schweizer Song für die Klimajugend

Eines der neuen Paradestücke ist «Niemer», ein Statement für das wirkliche Leben und gegen das digitale Jetzt. Für Anaconda ist das Digitale eine Scheinwelt. «Der Mensch wird zur Ware, Liebe wird digitalisiert. Alles wird entmenschlicht. Als wäre das Lächeln der Verkäuferin nichts wert. Die Leute chatten, sind in den sozialen Medien, sind aber einsam und leben allein», sagt er. «Gränzelosi Einsamkeit. Aber nie allei», heisst es im Song. Der Überwachungsstaat werde beklagt, gleichzeitig gebe man alles von sich preis. «Das ist schizophren», sagt er.

Sorgen macht sich Anaconda vor allem um Kinder, die mit zwölf schon Pornos konsumieren. Um sogenannte Wunschkinder, die Eltern nach ihren Vorstellungen bestellen können. «Eine schlimme Entwicklung, denn Kinder brauchen die Abgrenzung für ihre Entwicklung», sagt er, «lasst die Kinder ihren Generationskonflikt leben, denn nur wer sich abgrenzt, hat Erfolg im Leben.» Er sei nicht gegen Internet und neue Medien.

«Aber es kann nicht sein, dass im Netz erlaubt ist, was im realen Leben verboten ist»

, sagt Anaconda.

Alle kriegen ihr Fett ab, auch die neoliberalen Marktprediger: «Niemer chunnt hie läbig use», singt er. «Gränzelosi Freiheit predige die Oberprieschter. Dir sit Siebesieche vom Überall, vom Garnüt und vom Nie.»

Und Anaconda sorgt sich um die Zukunft. «Aber früecher isch nid itz u hie. D Zuekunft, die ghört dir. Die ghört euch», singt er in «Früecher». Und im Titelsong «Pfadfinder» rechnet er lustvoll mit der eigenen Generation ab, mit den «Nütwüssern», denen es nur um die Besitzstandswahrung geht, um den Erhalt einer vermeintlichen Idylle, die es nie gegeben hat. Sie haben abgedankt, sind abgewirtschaftet. «Wer den Klimawandel leugnet, der wird obsolet», sagt er, es brauche «ein radikales Umdenken. Gerade heute, wo unsere Generation mit den anstehenden Problemen überfordert ist».

Auch die Popmusik tut sich mit der Klimakrise schwer. In der Schweiz hat sich noch niemand aus Pop und Rock an das heisser werdende Thema gewagt. Anaconda bricht jetzt den Bann. Bei Stiller Has sind die rebellierenden Jugend­lichen Pfadfinder, die neue Wege finden und beschreiten müssen. Anaconda spricht von einer Zeitenwende. Eine Werteveränderung habe ein­gesetzt. Für jene Generation, die im Wirtschaftswachstum den Schlüssel zum Erfolg und zum Glück gesehen hat, sei diese Veränderung schwer nachzuvollziehen. Deshalb müsse die Jugend das Zepter übernehmen.

«Die neuen Pfadfinder müssen sein wie Alexander der Grosse und den gordischen Knoten durchschneiden»

, sagt Anaconda. Für den Sänger ist die Klimajugend die Hoffnung. «Merci an Greta Thunberg», heisst es im Booklet unter den Danksagungen.

Das Stück «Pfadfinder» spielt an Halloween, was dem Song eine subtil-bedrohliche Grundstimmung verleiht. «Süss oder sauer?» Wer von der alten Generation nicht mitspielt, der wird zur Rechenschaft gezogen. Umso gefährlicher sei es, die Klimajugend nicht ernst zu nehmen. Denn sie sei dossiersicherer als die meisten Politiker. Ihre Argumentation beruhe auf wissenschaftlichen Fakten. «Wir wollten immer intelligente Kinder. Es ist erbärmlich, sie jetzt zu belächeln», ereifert sich Anaconda. «Statt die Klimajugend zu infantilisieren, müssen wir zur Klima-Menschheit werden», fordert Anaconda.

Ende 2021 geht Stiller Has in Pension

Der Hase kratzt und beisst. Anaconda sieht sich als «Protestsänger und Alarmist». Insofern richtet sich «Pfadfinder» auch gegen den grassierenden «Helly-Hansen-Biedermeier-Kitsch» des aktuellen Mundart-Pop, der ein «geistig nach innen gerichtetes, alpenländisches Disneyland zelebriert und sich in einem permanenten Oktoberfest selbst feiert». Namen braucht er nicht zu nennen.

Musikalisch hat er mit seinem aktuellen Komponisten, dem Oltner Pianisten Roman Wyss, das Bandkonzept reduziert. Neben Gitarrist Boris Klecic ist neu der Berner Multi-Instrumentalist Bruno Dietrich (Bass, Schlagzeug, Handorgel, Keyboard) an Bord. «Ich wollte alles etwas schlanker haben», sagt Anaconda, «ich will wieder Liedermacher sein, bei dem der Text im Vordergrund steht.» Dabei ist er überzeugt, dass er heute der bessere Sänger ist: «Statt zwei Oktaven beherrsche ich noch acht Töne, aber die kann ich umso besser.»

Endo Anaconda ist topmotiviert und voller Tatendrang. Und doch sagt er: «Ende 2021 wird die Pfadfinder-Tour abgeschlossen. Dann werde ich auch das Projekt Stiller Has begraben. Ich will nicht ganz aufhören, Ich schreibe ja notorisch neue Stücke. Aber ich will es ruhiger angehen. Ich will noch etwas leben und etwas haben von meiner Partnerin und meinen Kindern.» Er denkt an einen Sprachaufenthalt in Italien oder an den Besuch von Geschichtsvorlesungen: «Ich möchte noch etwas lernen. Ich war ja Schulabbrecher.»

Wie geht es mit Endo Anaconda nach dem Ende von Stiller Has künstlerisch weiter? «Es ist auch für mich an der Zeit, neue Ausdrucksformen zu finden. Vielleicht mit hochdeutschen Texten. Sinatra würde ihn reizen oder wie Jacques Brel vor einem grossen Orchester.

«Ich bin eigentlich Chansonnier»

,sagt er,

«32 Jahre lang habe ich versucht, Popmusik zu machen. Es ist erfolgreich misslungen.»

Hinweis:
Stiller Has: «Pfadfinder» (Sound Service). Erscheint am 6.3.

Live:
3.4. Zürich
4.4. Bern
24.4. Aarau
25.4. Rorschach
2.5. Biel
8.5. Luzern
9.5. Pratteln
15.5. Solothurn
16.5. Winterthur
23.5. Einsiedeln
29.5. Schaan
19.–26.9. Rock- & Blues-Cruise im Mittelmeer

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