Abschluss des Blues Festivals: Die grossen Namen waren voll auf der Höhe

In bester Stimmung ging das 25. Lucerne Blues Festival am Sonntagmorgen zu Ende. Auch mit einem Heiratsantrag, live auf der Bühne.

Pirmin Bossart
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Steh-Drummerin/Sängerin Lindsay Beaver und ihr Gitarrist, der für sie noch eine Überraschung parat hatte. (Bild: Manuel Jans-Koch, 16. November 2019)

Steh-Drummerin/Sängerin Lindsay Beaver und ihr Gitarrist, der für sie noch eine Überraschung parat hatte. (Bild: Manuel Jans-Koch, 16. November 2019)

Der Samstagabend wird ein Blues-Abend, wie ihn sich die Fans nur wünschen konnten. Die lange Nacht beginnt mit der kanadischen Steh-Schlagzeugerin und Sängerin Lindsay Beaver, die im Trio ein raues und stark von Rock’n’Roll, Rockabilly und altem R&B gewürztes Blues-Set über die Bühne haut. Am Ende fällt der Gitarrist vor der Schlagzeugerin auf die Knie und macht ihr einen Heiratsantrag. 1000 Zuschauer werden Zeugen, es gibt Tränen der Rührung hüben wie drüben.

Einige Stunden später tänzelt das vom Blues verlobte Paar zu den sehnsuchtsvollen Klängen der Zydeco Band von Corry Ledet, die den Saal mit lüpfigen Südstaaten-Groove nochmals hochkocht. Es wird eine aufgekratzte Kilbi mit Akkordeon, pumpendem Bass, Schlagzeug und prägnater Bluesrock-Gitarre. Lockerheit herrscht auch im Casineum, wo die britische Blues-Produzenten-Legende Mike Vernon, jetzt als Sänger mit grauer Haarpracht, mit seiner Mighty Combo alte und neue Blues-Kracher aufleuchten lässt.

Der grosse alte Mann mit ruhiger Vitalität

Zur besten Stunde des Abends heizen The Fabulous Thunderbirds ein. Die Truppe um das einzig verbliebene Urmitglied Kim Wilson, Sänger und Harpspieler, bringt den Blues-Zug kraftvoll ins Rollen. Johnny Moeller zieht seine souveräne Gitarren-Spur, was dem Keyboarder etwas Raum wegnnimmt.Doch das Gesamtpaket gibt dem Publikum genau, was es will. Und erst noch mit einem legendären Namen. Mit seiner minutenlangen Solo-Harp-Einlage, deren technische Vollführung verblüfft, setzt Wilson ein Stück Blues-Kunst obendrauf.

Für die eingefleischten Fans mag Bassist und Sänger Benny Turner das wahre Highlight sein. Der Halbbruder von Freddie King, vor zehn Tagen 80 Jahre alt geworden, überrascht mit seiner ruhigen Vitalität, die auch auf die Band ausstrahlt. «He ist the best!» ruft er dem Harpspieler Billy Branch entgegen, den er als Spezialgast eingeladen hatte. Und Branch machte den Lorbeeren alle Ehre. Ein souveränes Set, musikalisch geerdet und bluesiger als das meiste, das an diesem Festival zu hören war.

Ambivalente Blues-Revues

Für den «European Blues Summit» am Freitagabend hatten die Brüder Andreas und Michael Arlt von B.B. & the Blues Shacks zusammen mit dem Lucerne Blues Festival fast ein Dutzend Top-Blueser aus Europa ausgewählt. Alles Spitzenmusiker, von Norwegen bis Frankreich, von Schweden bis England. Eine Bühne voller Männer mit Gitarren und Mundharmonikas, die sich locker abwechselten und solierten, bis einem die Blues-Ohren wackelten.

Es war eine Jam-Session, wie sie von erfahrenen Musiken ohne Probe bewerkstelligt werden kann. Sound und Feeling wurden dichter, je länger sich die Revue entfaltete. Aber das Gelbe vom Ei sind zusammengewürfelten «Allstar»-Projekte selten, weil Leute und Charaktere aufeinandertreffen, die noch gar nicht aufeinander eingestimmt sind. Für ein paar virtuose Kabinettstückchen mag es reichen, aber nicht für Tiefe.

Die «Chicago Blues Reunion» ging einem etwas näher. Wohl vor allem, weil hier einige Legenden auf der Bühne standen, die zur eigenen musikalischen Sozialisation gehörten. Tastenmann war Barry Goldberg, der am skandalträchtigen Newport Auftritt von Bob Dylan in dessen «elektrischer» Band Keyboard gespielt und später mit Mike Bloomfield The Electric Flag gegründet hatte. Leider konnte der Ex-Canned Heat Gitarrist Harvey Mandel aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Dafür liess Nick Gravenites, der für Janis Joplin den Song «Buried Alive in the Blues» geschrieben hatte, mit lakonischen Stories und einer kraftvollen Stimme die Patina der Authentizität schimmern.

Überraschend stark geriet der Auftritt von Shemekia Copeland. Die Tochter des verstorbenen Bluesgitarristen Johnny Copeland rechtfertige ihren Ruhm. Da waren Power und Bühnenpräsenz, aber auch eine prägnante Stimme, die sich unendlich zu steigern und zu entfalten schien. Gleichzeitig verstand es die Lady, mit dem Publikum in engem Kontakt zu sein und es aus der Reserve zu holen.

Mit ihrer exzellenten Band entwickelte Copeland zeitweise eine musikalische Dichte und Dringlichkeit, wie man sie auf einer Blues-Bühne nicht so oft hört. Ganz anders, aber mit eigenem Charme, ging Robert Lee Coleman (74) zur Sache. Sein staccatohaftes Gitarrenspiel mit hellem Sound war sehr funky und zog eine feine Bluesstimmung auf, die mehr verinnerlicht als euphorisch war.

25 Jahre Bestehen «im Haifischbecken»

12000 Eintritte verzeichnete die 25. Ausgabe des Festivals in den letzten zehn Tagen. «Ich bin sehr zufrieden mit der ausgeglichenen Qualität der drei Abende», kommentierte Blues Festival-President Martin «Kari» Bründler. Besonders gefreut hätten ihn die konstant gute Stimmung und die vielen positiven Reaktionen des begeisterungsfähigen Publikums. «Ich bin auch ein wenig stolz, dass wir mit einer Nischenkultur 25 Jahre im Haifischbecken der Festivals so konstant bestehen können.»