Chor Molto Cantabile: Die Hoffnung auf Erlösung siegt

Der junge Chor Molto Cantabile verwandelt die Johanneskirche Luzern in einen idealen Klangraum. ­Chorleiter Andreas Felber gestaltet das Programm um die Vergänglichkeit des Menschen von der Renaissance bis in die Moderne fantastisch und flexibel.

Gerda Neunhoeffer
Drucken
Teilen
Der Chor Molto Cantabile unter der Leitung von Andreas Felber in der Johanneskirche Luzern. (Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 18. November 2018))

Der Chor Molto Cantabile unter der Leitung von Andreas Felber in der Johanneskirche Luzern. (Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 18. November 2018))

Es gelingt Andreas Felber mit seinem Chor Molto Cantabile in her­ausragender Weise, unterschiedlichste Räume mit dem klaren Klang der jungen Stimmen so zu füllen, dass ein Gesamtkunstwerk entsteht. Ob im Neubad, im Maihof, auf einem Schiff, in der Zivilschutzanlage Sonnenberg oder wie jetzt am Sonntag in der Johanneskirche Luzern Würzenbach, es scheint jeweils so, als sei die Musik genau in diesen Raum eingepasst.

Der Chor ist, da alles auswendig gesungen wird, so flexibel, dass er immer wieder den Standort wechseln kann, ohne an Qualität zu verlieren. Im Gegenteil, weil der Klang aus verschiedenen Richtungen kommt, wird er stets anders wahrgenommen, und Raum und Musik werden miteinander lebendig. Die spezielle Architektur der «Beton-Skulptur-Kirche» mit ihren vielen Ecken, Nischen, Säulen und der Orgel, die sich in ihrer roten Holzgewandung stark vom Grau des Betons abhebt, wird von Andreas Felber direkt in die Musik einbezogen.

Bitten um Frieden und Erbarmen

Anfangs steht der Chor in zwei Reihen vor den vielen Zuhörern, die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Und die archaischen Klänge in «De profundis clamavi» (Aus der Tiefe rief ich zu dir) von Josquin Desprez (1450–1521) entwickeln sich in grosser Ruhe zu Bitten um Frieden und Erbarmung. Dann formiert sich der Chor zu einer gemischten Reihe und entfaltet mit «Immortal Bach» von Knut Nystedt (1915– 2014) ein Klanggemälde von erhabener Schönheit.

Aus dem Bach-Choral «Komm süsser Tod» entstehen vielstimmige Dissonanzen, die sich am Ende in dem Wort «Frieden» in einer verklingenden ­Harmonie wieder vereinen. In «Warning to the rich» von Thomas Jennefelt (geb. 1954) wird über gesummten Intervallen zunächst geflüstert und schliesslich laut gerufen, bis sich das Rufen in Töne wandelt und gewaltig gesteigert von den grauen Wänden farbig widerhallt.

Mit dem Organisten Peter Solomon hat Molto Cantabile schon auf seiner Chorreise in Lettland und Estland im Sommer dieses Jahres zusammen gearbeitet. Er begleitet den Chor zu Bachs Choral «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ», wobei der Gesang nun aus dem Dunkel des Raumes hinter den Zuhörern kommt. Schwebend verbreitet sich der Klang, scheint aus den Nischen zu tönen und wieder zurückzukehren.

In György Ligetis Orgelstück «Harmonies» lässt Solomon die hellen Register der Orgel sanft umeinander kreisen, atmosphärisch dicht verstärken sie sich, bis sie über einem tiefen Pedal-Ton zur Ruhe kommen. Das ist der stimmige Übergang zu Nystedts «O Crux», das der Chor in grossem Halbkreis aus dem Hintergrund singt. Wie sich da die Reibungen in alle Richtungen zu grosser Amplitude verteilen, wie das vielstimmige «gesegnete Holz» sich in letztendlich himmlischer Harmonie löst, wird betörend ausgesungen.

Glasklare Intonation

Werke von Heinrich von Herzo­genberg und Johannes Brahms erklingen wieder von vorne, in sich steigernder Klangentfaltung zeigt der Chor glasklare Intonation, die in allen Kompositionen wie selbstverständlich scheint. Die durchgehend hervorragende Textverständlichkeit besticht auch in den ausgedehnten Fugen in der Motette «Schaffe in mir Gott, ein reines Herz» von Brahms. Bei zwei Werken von Edward Elgar steht der Chor vor der Orgel und verbindet sich ideal mit den differenzierten Orgelklängen.

«Doubt not thy father’s care» für zweistimmigen Frauenchor und Orgel strahlt helle Zuversicht aus, und auch im vierstimmig homofonen «O Salutaris Hostia» überwiegt sanfte, romantische Einheit, die von der Orgel mit zarten Registern unterstützt wird und mit dem warmen Rot der ­Orgelverkleidung verschmilzt. «The Beatitudes» von Arvo Pärt bildet mit seinen sich immer wieder verschiebenden Intervallen den Abschluss des Konzertes, das in allen Werken um die ­Vergänglichkeit des Menschen kreist. Aber aus Dissonanzen und vielstimmigen Clustern siegt am Ende Zuversicht und Hoffnung auf Erlösung, die im Nachspiel der Orgel in lichten Höhen und reiner Harmonie verklingt.

In der Zugabe aus den Shakespeare-Songs von Matthew Harris stehen die Chormitglieder weit verstreut einzeln vor den Zuhörern, und es ergibt sich nochmals eine ganz neue, spannende Verbindung von Klang und Raum. Und mit «Schönster Abendstärn», der Komponist Hansruedi Willisegger ist anwesend, endet das Konzert in reinstem Wohllaut.

Teile des Programms, erweitert mit Weihnachtsliedern, erklingen am 1. Dezember 2018 um 16 Uhr im Rittersaal Aarburg.