«Die Klarinette muss singen»

Mit der berühmten Klarinettistin Sabine Meyer kommt nächsten Donnerstag eine Ausnahmekünstlerin nach Kreuzlingen. Auch mit grosser Erfahrung will Meyer einem Werk wie Mozarts Klarinettenkonzert immer wieder Frische abgewinnen.

Drucken
Teilen
Weltklasse-Klarinettistin: Sabine Meyer. (Bild: pd)

Weltklasse-Klarinettistin: Sabine Meyer. (Bild: pd)

Frau Meyer, Sie spielen seit Jahrzehnten überall auf der Welt das Mozart-Klarinettenkonzert. Wie kann man das immer wieder frisch und spannend interpretieren?

Sabine Meyer: Ich spiele es natürlich immer wieder in einem anderen Ambiente, in einer anderen Akustik und mit ganz verschiedenen Dirigenten. Aber das ist nur die äusserliche Seite. Auf der Bühne möchte ich mit Leib und Seele musizieren. Mozarts Klarinettenkonzert ist kammermusikalisch gehalten und doch sehr dicht. Und es gibt auch nach Jahren immer wieder Neues und Faszinierendes zu entdecken. Dass dieses Stück bei aller Perfektion stets frisch und musikantisch über die Bühne kommt, das ist mein täglicher Anspruch. Und mit der langen Beschäftigung mit einem Meisterwerk wird das Stück in keiner Weise einfacher.

Vor dreissig Jahren verlor Herbert von Karajan den Kampf gegen die Berliner Philharmoniker, als er Sie gegen den Willen des Orchesters als Soloklarinettistin und einzige Frau engagiert hat.

Meyer: Oh je, das ist lange her, und ich möchte mich hier nicht mehr erneut über diese Geschichte ausbreiten. Nur so viel: Karajan hat damals viel Porzellan zerschlagen. Und es ging bei diesem Streit eigentlich gar nicht um mich oder die Musik, sondern es war nach vielen Jahren «Ehe» ein handfester Machtkampf zwischen ihm und dem Orchester.

Wie haben Sie ihn damals als Mensch wahrgenommen?

Meyer: Privat war er mit mir sehr hilfsbereit und menschlich. Das Bild, das wir uns von Maestros machen, ist ja oft verzerrt. Oft werden sie erst durch kritiklose Bewunderer zu Göttern gemacht. Für mich war das Engagement bei den Berliner Philharmonikern ja auch sehr anspruchsvoll. Wir haben oft zwei Programme pro Woche gespielt. Das hiess für mich unendlich viel Übarbeit.

Wie sieht es nach dreissig Jahren mit Frauen in der Musikwelt aus?

Meyer: Da hat sich natürlich sehr viel getan, auch wenn es beispielsweise in Prag immer noch ein Orchester gibt, in dem keine Frau sitzt, nicht einmal an der Harfe. Es ist wie in der Wirtschaft oder in der Politik: Wenn Sie als Frau eine Führungsposition wollen, müssen Sie auch in der Musik oft besser sein als Ihre Kollegen. Heute spielen viele Frauen im Orchester, zum Beispiel in der zweiten Geige. Aber wer besetzt die Konzertmeisterstellen?

Was geben Sie als gefragte Pädagogin Ihren Studentinnen und Studenten mit auf den Weg?

Meyer: Das Wichtigste ist, sich treu zu bleiben. Nur Virtuosität reicht nicht für eine Karriere. Ehrlichkeit und Konsequenz wird belohnt, das merkt auch das Publikum. Eine solide technische Ausbildung ist wichtig, es muss ein Fundament da sein, sonst kann man kein Hochhaus bauen. Beim Ton der Klarinette gehe ich immer vom Gesang aus. Das Instrument muss stets singen. Wenn jemand aber zu mir kommt und sagt: Ich will Solist werden, muss ich ihm sagen: Das kann man nicht «machen». Junge Klarinettisten müssen heutzutage kreativer sein und sich nach interessanten gemischten Ensembles umsehen, wo sie sich persönlich eine Nische schaffen können.

Bei Ihren Auftritten in Konstanz und Kreuzlingen dirigiert der Cellist Heinrich Schiff, mit dem Sie auch als Kammermusikpartner sehr viel Erfolg hatten.

Meyer: Heinrich Schiff ist ein hervorragender Dirigent und ein wunderbarer Musiker. Wir mögen uns sehr, wir sind musikalisch tief verbunden. Er arbeitet mit einem Orchester stets an einer genauen Artikulation und einer guten Phrasierung. Das kommt mir als Solistin natürlich sehr entgegen. Also einfach ein Mozart-Klarinettenkonzert mit einem Orchester, das irgendwo im Hintergrund begleitet, das gibt es bei Heinrich Schiff nicht.

Interview: Martin Preisser

Konzerte: Mi, 30.5., 20 Uhr, Konzil Konstanz; Do, 31.5., 20 Uhr, Dreispitz Kreuzlingen