Für das Luzerner Sinfonieorchester kommt die Krise mitten im Höhenflug

Das Corona-Virus trifft das Luzerner Sinfonieorchester besonders hart. Das zeigt neben einem Lichtblick die Besorgnis um den Monat Mai.

Urs Mattenberger
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Beim Luzerner Sinfonieorchester droht vielen topprominenten Auftritten wie jenem mit Martha Argerich das Aus.

Beim Luzerner Sinfonieorchester droht vielen topprominenten Auftritten wie jenem mit Martha Argerich das Aus.

Bild: Pius Amrein (17.10.2018)

Das ist endlich ein Lichtblick in dunkler Zeit: BBC Radio 3, weltweit eine der renommiertesten Plattformen für klassische Musik, war in den «Record Reviews» voll des Lobs für die Rachmaninow-CD des Lucerne Symphony Orchestra. Die bekannte Musikkritikerin Lucy Parham bezeichnet die Aufnahme von Rachmaninows dritter Sinfonie unter der Leitung von James Gaffigan «by far» als ihre Lieblingsaufnahme des Werks. Es sei eine fesselnde Interpretation, die nie zu dick auftrage – und auch deshalb eine Referenzaufnahme. Illustriert wird das mit einem Klangbeispiel aus dem langsamen Satz. Der führt mit einem Hornsolo gleich zu Beginn die solistischen Qualitäten vor, die auch die Besprechung in unserer Zeitung hervorhob, und entfaltet sich zu schwärmerisch-lichter Klanglichkeit.

Grosssinfonik mit kammermusikalischer Transparenz: Im Fall der Paganini-Variationen wird das Lob umgemünzt auf den Pianisten Behzod Abduraimov, der in diesem Bravourstück die «inneren Linien» hörbar mache. Abgerundet wird der Beitrag mit einem Hinweis auf das Luzerner Umfeld, in dem Rachmaninow beide Werke komponiert hat – in Hertenstein, wo er sich die Villa Senar erbauen und vom Vierwaldstättersee zum komponieren inspirieren liess. Hervorgehoben wird auch der warme Klang von Rachmaninows Flügel, der in der Villa steht und erstmals für eine Aufnahme der Paganini-Variationen verwendet wurde.

Eine Gratulation mitten in der Krise

Numa Bischof, der Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, hat den BBC-Beitrag an alle Musiker des Orchesters weitergeleitet – verbunden mit einer Gratulation für diese Leistung und als Aufmunterung in der Corona-Krise, die das Luzerner Sinfonieorchester besonders hart trifft. Über die möglichen, auch längerfristigen Auswirkungen kann Bischof zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch nichts sagen. Dafür wird entscheidend sein, wie lange die Krise anhält und wie viele der kommenden Konzerte in dieser Saison aufgrund der bundesrätlichen Verordnungen noch abgesagt werden müssen.

Besonders hart betroffen ist das Luzerner Sinfonieorchester aus mehreren Gründen. Ein erster ist finanzieller Natur. Muss das Orchester Konzerte absagen, fallen zwar Gagen für Dirigenten und Solisten weg, nicht aber die Fixkosten für das Orchester (wir berichteten). Wozu das im Extremfall führen kann, zeigt das Beispiel der Met, die soeben ihr Orchester freigestellt hat. Das freilich ist ein Schritt, der im Fall des auch für seine Dienste im Theater subventionierten Luzerner Sinfonieorchesters absolut undenkbar wäre.

Prestigeträchtiger Monat Mai

Besonders hart könnte die Krise das Orchester zweitens treffen, weil der Mai ein besonders prestigeträchtiger und wohl der intensivste Veranstaltungsmonat in seiner Geschichte ist. Neben dem Zaubersee-Festival steht in den nächsten Wochen eine Reihe von Sonderveranstaltungen an: die Eröffnung des Probehauses beim Südpol, ein Sinfoniekonzert mit Herbert Grönemeyer als Dirigent sowie das neue Festival «Les Introuvables», dessen erste Ausgabe Camille Saint-Saëns gewidmet ist. Bereits im April ist eine Spanientournee mit Martha Argerich geplant.

Aus all diesen Gründen ist die Situation für das Orchester nicht nur finanziell, sondern auch «emotional extrem schwierig». «Es geht nicht nur um die grundlegenden Fragen, wie wir den Betrieb angesichts des allgemeinen Stillstands weiterführen können», sagt Bischof per Skype aus den Büros des Luzerner Sinfonieorchesters, wo im Split-Office jeweils nur drei Mitarbeiter gleichzeitig anwesend sein dürfen. «Jede Veranstaltung, die ins Wasser fällt und die wir mit viel Herzblut entwickelt haben, schmerzt natürlich enorm. Das Schlimmste ist vielleicht, dass uns diese Krise in einer Situation trifft, wo wir nach 15 Jahren derart viel aufgebaut haben. Da könnten einem die Tränen kommen. Aber klar: Das menschliche Leid, das sich jetzt praktisch auf der ganzen Welt ausbreitet, relativiert solche Sorgen natürlich. Zudem bin ich überzeugt, dass unsere Entwicklung weiter geht, wenn sich die Lage erst mal normalisiert hat.» Und das ist der dritte Grund, weshalb das Luzerner Sinfonieorchester von der Corona-Krise in besonderem Mass betroffen ist: Weil hier die Frage im Raum steht, wie es nach der Krise mit dem anhaltenden Höhenflug weitergehen wird. Dieser spiegelt sich nicht nur in prominenten Solisten, prestigeträchtigen Tourneen und wachsender internationaler Anerkennung wider, für die der aktuelle BBC-Beitrag ein Beispiel liefert. Zum Höhenflug gehören auch kontinuierlich steigende Besucherzahlen. Es stand fest, dass die Saison ohne Corona-Krise den letztjährigen Besucherrekord von 65000 abermals übertroffen hätte.

«Blind Dates» virtuell im Wohnzimmer?

Die Treue des Publikums bestätigte sich jetzt darin, dass viele Kartenkäufer auf eine Rückerstattung der Tickets für abgesagte Konzerte verzichteten. Wäre es da nicht umso wichtiger, den Kontakt zum Publikum durch Online-Angebote aufrechtzuerhalten? Anbieten würden sich für Online-Übertragungen aus Wohnzimmern die ebenfalls abgesagten «Blind Dates». In diesen hätten sich Orchestermusiker solo oder in Kleinformationen ursprünglich in der Seebar oder im Café des Kunstmuseums präsentiert.

«Wir haben natürlich Ideen, die in diese Richtung gehen und wie wir als Orchester unser Leben gestalten können, wenn die Notlage anhält», sagt Bischof: «Aber jetzt geht es um elementare Fragen wie diejenige, wie wir die Löhne zahlen. Vorerst absorbiert das unsere ganze Kraft. Zum Glück zeichnet sich nun auch für unser Orchester Hilfe vom Bund ab.»

CD: «Rachmaninow in Lucerne» (Sony), BBC Radio, CD-Review: www.bbc.co.uk/sounds/play/play/m000gdzy