Jahresausstellung der Aargauer Künstlerinnen und Künstler: Die Kunst zeigt sich immun

Bei der «Auswahl 20» im Aargauer Kunsthaus gibt es dieses Jahr keine Vernissage, kein Fest, dafür Maskenpflicht. Aber die Kunst trotzt Corona vital und vielfältig.

Sabine Altorfer
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Bunt und fröhlich, führt aber durch Hölle und Paradies: «Divine chromatie» von Philippe Fretz.
5 Bilder
 Hommage an eine Spinne: Installation von Lea Schaffner.
 Buntes von Tom Fellner und René Fahrni.
Die bestickte Leinwand von Leonie Brandner.
Eindringlich: Film von Gabriel Studerus und Julia Geröcs.

Bunt und fröhlich, führt aber durch Hölle und Paradies: «Divine chromatie» von Philippe Fretz.

Alle Bilder: René Rötheli/Kunsthaus

Die neue Direktorin des Aargauer Kunsthauses steckt in einem Wechselbad der Gefühle. Katharina Ammann hat ihre erste Jahresausstellung der Aargauer Künstlerinnen und Künstler eingerichtet, «aber die Vernissage, das Fest, das Zusammensein und sich Kennenlernen fällt aus». Das sei ein Riesenverlust. «Andrerseits sind wir einfach froh, können wir morgen die ‹Auswahl 20› eröffnen.» Das klingt selbstverständlicher als es ist, die Museen in Bern und in der Westschweiz mussten schliessen, ebenso in halb Europa.

Sogar Führungen und Veranstaltungen – auf Anmeldung und in Kleinstgruppen – wird es in der «Auswahl 20» geben. Wie sich das anfühlt, und dass sie selbst für Corona-Angsthasen wie die Schreibende funktionieren, war gestern bei der Vorbesichtigung für die Medien erlebbar. Katharina Ammann und Kuratoriums-Jurypräsidentin Susanne König führten mit Maske und Mikrofon ausgerüstet die Handvoll Journalistinnen und Journalisten sicher durchs Haus.

Susanne König (links) und Katharina Ammann im Raum von Georg Aerni.

Susanne König (links) und Katharina Ammann im Raum von Georg Aerni.

Sabine Altorfer

Spinnen und Stimmen im Untergrund

170 Künstlerinnen und Künstler wollten dieses Jahr dabei sein, fünfzig haben die beiden Jurys ausgewählt. Ihre Werke füllen zwei Geschosse bis auf den letzten Winkel. Sogar unter der Treppe leuchtet und singt es: Lea Schaffner, 31, hat eine optisch und akustisch schöne Geschichte gesponnen aus einem Kinderloblied auf eine Spinne, die nicht aufgibt, violett ausgeleuchtet, so dass allfällig anwesende achtbeinige Tierchen, das auch sehen können. Dass die junge Künstlerin dafür den Förderpreis der CS (vormals NAB) erhält, mag man ihr gönnen.

Grün «Gefaltert» (Sabine Trüb), weiss und vergänglich gehäkelt (Viviana Gonzalez Méndez), mit goldigem Ring und eigenwilliger Leiter (Laura Mietrup) geht es abwechslungsreich weiter bis zum farbig geblümten Doppelpack (Tom Fellner & René Fahrni). Dazwischen passieren wir den opulent bestückten Projektionsraum des diesjährigen Gastes Jodok Wehrli.

Gast 2020: Der Raum von Jodok Wehrli mit dem «Pretty Shitty Poem»

Gast 2020: Der Raum von Jodok Wehrli mit dem «Pretty Shitty Poem»

René Rötheli /Kunsthaus

Video sei dieses Jahr eines der beliebtesten Medien, erklärt Ammann. Im fensterlosen, räumlich klar unterteilten Untergeschoss lassen sie sich bestens präsentieren - und verlocken zum Verweilen. Der Mut zu grossen Inszenierungen fällt auf. Mit «Rest Or Stay» bieten Marianne Halter & Mario Marchisella einen optisch süffigen Aufenthalt in einem Love Hotel an. Man kann vor den Fassaden stehen bleiben oder sich unter den grünen Vorhang setzen und sich unterhalten lassen.

Doch was wäre die aktuelle Kunst wert, würde sie sich nicht mit den brennenden Themen beschäftigen? Wie das Duo Gabriel Studerus & Julia Geröcs Fremdenfeindlichkeit und Frauendiskriminierung, das Offenlegen von blöden Reaktionen und Vorurteilen als Doppelprojektion mit Tänzerinnen, Musik und Text inszeniert, ist grosse Klasse – und eindringlich. Emotional unberührt verlässt wohl auch niemand den engen Raum von Georg Aerni, den er mit einem guten Dutzend grossformatigen Fotografien bestückt hat: Er zeigt, wie sich Stacheldraht und Zäune über Jahre in Baumstämme gefressen haben. Wir stehen mittendrin, staunen über die Kräfte der Natur und suchen doch nach dem Ausgang. Doch auch da erwarten uns Zacken: rot und böse, blau und schön baut sie Beat Zoderer. Und ist nicht auch «Mohnopol des Rausches» von Gianluca Trifilò, seine Mindmap über Drogen, eine Landkarte des Bösen?

Gianluca Trifilò: «Mohnopol des Rausches».

Gianluca Trifilò: «Mohnopol des Rausches».

Paradies und Hölle im lichten Obergeschoss

Also Durchatmen, raus aus dem Keller, hinauf ans Licht. Doch so leicht entrinnen wir der Hölle nicht. Denn das weisse Leintuch von Leonie Brandner mag noch so leicht und luftig im Treppenhaus hängen, die Stickereien darauf erzählen eine tragische Krankheitsgeschichte. Und auch Philippe Fretz führt uns mit seinem riesigen Altarbild, mit nettem Grün und Rot und comicartigen Zeichnungen in eine lustige Wimmelbild-Landschaft. Doch auch hier geht es um Paradies und Hölle, wagt er doch nicht weniger, als Dantes berühmte «Göttliche Komödie» in aktuelle Icons zu übertragen. Durchaus bissig.

Geförderte und leer Ausgegangene

Die Jahresausstellung ist eine Art Klassentreffen der Künstlerinnen und Künstler über Generationen hinweg. Das trifft in diesem Jahr besonders zu. Viele, viele alte Bekannte zeigen neue Arbeiten. Mächtig Max Matter, die Kunst befragend Sadyho Niederberger, technisch souverän Mireille Gros, Valentin Hauri, Dominique Lämmli und Otto Grimm. Aber wer ist Roberta Müller, die mit Tonkringeln kalligrafische «Ketten» an die Wand zeichnet? Nun, wir werden die 30-Jährige nächstes Jahr als Gast genauer kennenlernen.

Die Auszeichnungen

CS Förderpreis: Lea Schaffner, 31, bekommt für «Blooming Body Spider» den mit 10000 Franken dotierten Preis.  
Gast 2021: Die Jury des Kunsthauses wählte Roberta Müller, 30, zum Gast 21.
Beiträge des Kuratoriums: 76 Künstlerinnen und Künstler bewarben sich beim Aargauer Kuratorium um einen Beitrag. Die Jury wählte daraus 20 Bewerbungen für die Ausstellung aus, 10 von ihnen erhalten Geld.
Werkbeiträge, 30000 Franken: Cédric Eisenring, Aarau; Philippe Fretz, Genf; Laura Mietrup, Basel; Gabriel Studerus & Julia Geröcs, Zürich
Förderbeiträge, 10000 Franken: Angela Anzi, Basel; Marianne Halter & Mario Marchisella, Zürich; Levent Pinarci, Bern; Lorenz Olivier Schmid, Küttigen; Gianluca Trifilò, Baden; Rolf Winnewisser, Ennetbaden

Gut kennt man auch Rolf Winnewisser. Dass der 71-jährige Ennetbadener nun vom Kuratorium einen Förderbeitrag erhält, erstaunt. Man würde für einen gestandenen Künstler doch einen der gewichtigeren Werkbeiträge erwarten. «Die Jury hat zwischen den beiden Beitragskategorien anders unterschieden», erklärt Susanne König. «Die Werkbeiträge sind mit Blick auf das Gesamtwerk, die Förderbeiträge für die gegenwärtige Arbeit vergeben worden.» Winnewissers präsentiertes «Porträt des Malers» findet sie formal wie inhaltlich spannend, zerlege er die analoge Malerei in einzelne Fenster, wie wir sie vom Computer kennen.

Rolf Winnewisser: «Porträt des Malers»

Rolf Winnewisser: «Porträt des Malers»

René Rötheli /Kunsthaus

Apropos digital: Eine Arbeit ist doch klar von Corona inspiriert. Roger Wirz und Thomas Hüsler, schalten sich ab und zu – schauend und kommentierend – per selbstfahrende Teleprompter in die Ausstellung ein, der eine aus Toronto, der andere aus Küttigen.

Auswahl 20 Aargauer Kunsthaus 14. November bis 24. Januar. Die Ausstellung öffnet am Samstag um 10 Uhr, es findet keine Vernissage statt und gibt keine Ansprachen und keine Preisübergabe. Führungen und Veranstaltungen auf Anmeldung und nach Ankündigung auf der Homepage.