Die Liebe bleibt immer unvollkommen

In ihrer Inszenierung von Ingmar Bergmans «Szenen einer Ehe» verbindet Barbara-David Brüesch am Theater St.Gallen Ernsthaftes und Leichtfüssiges – und lässt auch heutige Paare von sich, ihrem Glück und ihren Problemen erzählen.

Rolf App
Drucken
Teilen
Zwei Ebenen eines Spiels: Während Katarina (Jessica Cuna, links) und Marianne (Diana Dengler) sich im Badezimmer unterhalten, spielen Peter (Christian Hettkamp,links) und Johan (Matthias Albold) Schach. (Bild: Sebastian Hoppe)

Zwei Ebenen eines Spiels: Während Katarina (Jessica Cuna, links) und Marianne (Diana Dengler) sich im Badezimmer unterhalten, spielen Peter (Christian Hettkamp,links) und Johan (Matthias Albold) Schach. (Bild: Sebastian Hoppe)

Es ist schon seltsam. Da predigen die 68er inständig die freie Liebe und den freien Partnertausch. Und wovon träumen Männer und Frauen ein halbes Jahrhundert später? Davon, ein Leben lang zusammen zu bleiben, bis dass der Tod sie scheidet. So zumindest geben es jene Paare zu Protokoll, die Barbara-David Brüesch befragt hat. Ihre auf eine grosse Videoleinwand übertragenen, akustisch nicht immer einwandfrei verständlichen Gespräche sind Teil eines bemerkenswerten Theaterabends, der am Freitag am Theater St. Gallen seine Premiere erlebt hat.

Sie flankieren jene «Szenen einer Ehe», mit denen Ingmar Bergman 1973 den Nerv seiner Zeit getroffen hat. Und die gerade in jener verdichteten Form, in die der schwedische Theater-, Film- und Fernsehregisseur die Auseinandersetzungen eines einzigen Paars gefasst hat, aktuell ist wie damals. «Seit vier Jahren will ich dich loswerden», sagt Johan zu Marianne. Erst später wird ihm bewusst: «Ich fühle mich anders und tiefer an dich gebunden, als ich wusste.»

Mit den vielfältigen Mitteln des heutigen Theaters

Von diesem Bewusstwerdungsprozess handelt das Stück, das Barbara-David Brüesch raffiniert auf mehreren Ebenen und mit den vielfältigen Mitteln des heutigen Theaters inszeniert hat. Da ist, zum einen, das, was sich auf der kahlen, mit wenigen Möbeln und Requisiten ausstaffierten Bühne von Damian Hitz selbst abspielt. Es ist die Auseinandersetzung zwischen der fürsorglich-zwanghaften Marianne und dem sarkastischen, selbstverliebten Johan. In einem enormen Kraftakt gehen Diana Dengler und Matthias Albold dem Auf und Ab einer Beziehung nach, in der sich gleich zu Beginn erste Risse zeigen, als mit Katarina (Jessica Cuna) und Peter (Christian Hettkamp) ein wahres Katastrophenpaar zu Besuch kommt.

Die zweite Ebene, das sind Heta Multanens Videosequenzen. Es sind Gespräche im Badezimmer, das auch ein wenig ein Ort der Wahrheit ist. Und es sind jene Erfahrungen, die die andern Paare gemacht haben. Als drittes Element tritt Sandro Corbats Musik dazu, von Christian Hettkamp, Jessica Cuna und Anja Tobler in zuweilen ziemlich schrägem – von Bernhard Duss entworfenem – Outfit gesungene Wasserstandsmeldungen von Cher, von Abba und von Culture Club in Sachen Liebe. Liebe als Illusion, Liebe als Erfahrung, das ist ihr Thema.

Auch die Requisite greift noch ein

Dass wir in der Liebe oft nicht wir selber sind, sondern eine anerzogene Rolle spielen, das macht Barbara-David Brüesch mit ihrem überraschendsten Einfall deutlich: Sie zeigt das Theaterstück als Theaterstück, indem sie immer wieder Requisite und Maske aufmarschieren lässt, um Johann und Marianne neue Perücken aufzusetzen oder die Kleider für die nächste Szene zu bringen. Für die manchmal harten Auseinandersetzungen zwischen ihnen bedeuten diese augenzwinkernd-lustigen, wortlosen Zwischenspiele eine Auflockerung mit Aussagekraft. Denn im Grunde drückt der Auftritt des Bühnenpersonals auch aus, dass es einer Beziehung gut tut, wenn man sie aus der Distanz betrachtet. Wie ein Theaterstück. Und sich einmal fragt: Bin ich eigentlich der Regisseur oder die Regisseurin meines eigenen Lebens? Oder folge ich da einem Skript, das gar nicht mein eigenes ist?

Ist man sich über diese Frage klar geworden, dann kann man vielleicht auch über dieses und jenes lachen. Man kann lernen, umzugehen mit jenen Enttäuschungen und Unvollkommenheiten, die jede Liebe birgt. Und am Ende denken: Ist doch irgendwie gut so.

Endlich ehrlich miteinander reden

Am Ende ihres langen Wegs, der in Affären, Trennungen und eine Scheidung mündet – und in eine Schlägerei auf offener Bühne – gelangen Johan und Marianne an genau diesen Punkt. Dass aber «Szenen einer Ehe» kein psychologisch überfrachtetes Lehrstück geworden ist, dafür hat Barbara-David Brüesch gesorgt mit ihrem bunten, an komischen Einsprengseln reichen Kaleidoskop des Zusammenlebens. Und Diana Dengler und Matthias Albold tun es mit ihrem hinreissenden Spiel, das so viele Zwischentöne und auch durchaus eine gewisse Leichtfüssigkeit kennt. In der letzten Szene wird ihnen bewusst, dass sie nach all den Jahren endlich ehrlich miteinander reden. Und dass sie sich lieben, «irdisch und unvollkommen».

Vorstellungen bis 21. Dezember, Theater St. Gallen