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«Die Liebe ist echt verwirrend»

Seit seiner Single «Someone You Loved», einer kitschigen, aber sehr schönen Liebesballade, ist der fröhliche Lewis Capaldi der Star unter den jungen britischen Popsängern. Ein Gespräch über Liebeskummer und Karriere.
Interview: Steffen Rüth
Lewis Capaldi am 19. Mai in der Garderobe vor einem Auftritt. (Foto: Andrew Benge/Redferns)

Lewis Capaldi am 19. Mai in der Garderobe vor einem Auftritt. (Foto: Andrew Benge/Redferns)

Mit verwuschelter Frisur, fleckigem T-Shirt und Jogginghose empfängt die aktuelle Nummer 1 der britischen Popmusik zum Interview im Münchner Club «Zenith», wo er später noch ein Konzert spielen wird. Nicht nur Teenager wird man dann begeistert kreischen hören. Ist ja auch enorm, was dieser 22-jährige Schotte in jüngster Vergangenheit erreicht hat. Kein Album verkaufte sich bei den Briten in ­diesem Jahr in der ersten Woche häufiger als sein Debüt mit dem komischen Titel «Divinely Uninspired To A Hellish Extent» – eine an Balladen und Liebeskummer fast schon überreiche Platte. ­Anders als in seiner Musik gibt es vor Lewis’ schottischem Akzent im Gespräch kein Entrinnen.

Sie sind seit zwei Jahren fast permanent auf Tournee. Mit Sam Smith, Milky Chance, Bastille und nun auch alleine. Kommen Sie da noch mit?

Lewis Capaldi: Ich versuche es. Die Tour mit Milky Chance war total geil. Wir sind durch Amerika gefahren, das war das erste Mal, dass ich so richtig viel gesehen habe von diesem grossen, wirklich sehr leeren Land.

Besteht Ihr Publikum aus Pop-Fans oder Indie-Kids?

Erst hat sich das schön gleichmässig verteilt, aber durch den verdammten Hit verschiebt sich das gerade stark Richtung Pop-Publikum. Insbesondere seit ­Anfang des Jahres stehe ich mit offenem Mund vor dieser ganzen Sache und staune.

Sie sagen «verdammter Hit»?

Na ja, das Teil hat mich unvorbereitet erwischt. Wie hätte ich denken können, dass der Song es auf die Nummer eins schafft und mich auf der ganzen Welt bekannt macht. Ich gucke «Someone You Loved» jetzt seit gut einem halben Jahr beim Wachsen zu. So muss es sein, wenn du ein Baby bekommst. Du sitzt da und denkst, was macht es denn jetzt schon wieder Verrücktes? Aber das ist natürlich alles irre cool. Kein Grund, sich zu beschweren.

Aber erwartet hatten Sie diesen extremen Erfolg nicht?

Nein. Ich dachte, mein natürliches Level sind Clubs, in die so 1000 bis 2000 Leute reingehen. Ich war zufrieden, wie meine EP und die ersten Singles wie ­«Bruises» liefen. Doch dann hat dieses Biest seinen Turbo gezündet (lacht). Und ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, wie ich meine Miete bezahlen kann.

Wohnen Sie nicht noch bei Ihren Eltern?

Ach ja, stimmt. Das war auch mehr so im übertragenen Sinne gemeint. Also, wenn ich mal ausziehe, kann ich meine Miete bezahlen. Bis dahin komme ich aber noch gerne heim zu Mum und Dad. Die haben mit diesem ganzen Pop-Geschäft ja so gar nichts zu schaffen.

Ihre Mutter ist Krankenschwester und Ihr Vater Fischhändler.

Richtig, und Sie glauben gar nicht, wie angenehm es ist, wenn Mutter dir die Wäsche macht und Essen hinstellt. Das ist der wahre Luxus. Sorry, Mum, aber ich weiss, sie versteht, was ich meine. Trotzdem will ich mich bald nach einer eigenen Bleibe umsehen. Weiss nur noch nicht, wo. London, New York und Kopenhagen stehen auf meiner Liste am weitesten oben.

Was sagen Ihre Eltern zu der ganzen Geschichte?

Die sind komplett überwältigt. Meine Kumpels auch. Die sagen immer so, Alter, wir raffen es nicht. Du bist es doch nur. Na ja, niemand hatte wohl so richtig grosse Erwartungen. Ich habe keine andere Ausbildung, war nicht an der Uni oder so, in meinem Kopf bestand nie ein Zweifel daran, dass ich von der Musik würde leben können. So selbstbewusst bin ich dann doch.

Spielt der Albumtitel «Divinely Uninspired To A Hellish Extent», also etwa «Tierisch uninspiriert», auf Ihren geringen Ehrgeiz an?

Der spielt eher darauf an, dass ich eine komische Wurst bin (lacht). Ich wollte, dass das Album einen negativen Titel hat, damit die Plattenfirma es schlechter vermarkten kann. Okay, hat nicht geklappt. Aber die Wahrheit ist auch: Ich weiss das alles einzuordnen. Die Leute, die mir heute sagen, ich sei ihr Held, die mich für den Grössten halten und mir was auch immer in Aussicht stellen, die werden irgendwann wieder weg sein. So ist es doch oft in der Musikindustrie. Heute bist du der Held und morgen funktioniert nichts mehr. Das ganze Business ist so oberflächlich, dass ich es nicht zu nah an mich heranlasse. Ich sträube mich davor, meine Karriere allzu ernst zu ­nehmen.

Sie haben angefangen, in Kneipen und Bars zu spielen, als Sie ein Teenager waren, nicht wahr?

Noch früher. Mit 11 oder 12. Ich habe auch auf Hochzeiten gesungen, überall, wo man mich wollte und bezahlte. Ich habe gelernt, dass man auch als Kneipen- und Hochzeitssänger glücklich werden kann. Vielleicht mache ich das eines Tages ja wieder, denn wie gesagt, das Geschäft ist unberechenbar.

Ihr erster Song soll «The Show Must Go On» geheissen und von der Finanzkrise gehandelt haben.

Mannomann, was für ein Scheisssong, so im Nachhinein (lacht). Der handelte von der Finanzkrise, die damals gerade in vollem Gange war. Ein 11-Jähriger singt über geplatzte Kredite und Prominente, die plötzlich pleite sind. Es war echt albern. Seitdem habe ich mich nie wieder an einem auch nur vage politischen Song versucht.

Waren Sie ein ernstes und nachdenkliches Kind?

Nein, gar nicht, ich war ein gut gelauntes Kerlchen. Aber ich habe bereits sehr früh Zeitung gelesen und so mitbekommen, was passiert war und wie schlecht es steht um die Wirtschaft und die Welt.

Wer oder was hat «Someone You Loved» inspiriert?

Dieses Mädchen. Na ja, das Mädchen überhaupt, wenn man sich mal mein kleines, bisheriges Liebesleben anschaut. Wir waren anderthalb Jahre zusammen, bevor wir vor zwei Jahren Schluss gemacht haben. Mit ihr hatte ich meine erste seriöse Beziehung. Ich hatte mich daran gewöhnt, für immer mit ihr zusammen zu sein. Und plötzlich war sie weg. War schon krass. Aber ich wollte den Text nicht auf meine eigene Misere beschränken.

Sondern?

Allgemein auch Themen wie Verlust und Trauer aufgreifen. Mein Opa starb zu jener Zeit, und sowieso hat ja jeder schon mal eine Trennung oder einen Abschied für immer mitmachen müssen. Die Leute sollen ruhig ihre eigenen Geschichten mit «Someone You Loved» verbinden. Es inte­ressiert ja auf Dauer nur wenige, wie ich über den Weggang meiner Freundin lamentiere.

Auch «Grace», «Forever» und «Bruises» drehen sich um Liebe und Mädchen.

In «Bruises» geht es darum, wie man wieder allein klarkommen muss und dass das gar nicht so einfach ist, wenn man so aneinander gehangen hat. «Grace» ist ein Song übers Verliebtsein, mit einem anderen Mädchen als Hauptfigur. Da ging es um meine erste grössere Liebe, wie ich die verkackte und mir schwor, das nicht wieder zu machen. Dann kam das Mädchen aus «Someone You Loved». Nichts gelernt, Lewis. Aber die Liebe ist auch echt verwirrend.

In «Forever» reden Sie plötzlich vom Heiraten?

Das habe ich mir ausgedacht. Der Song spielt in einem Club. Ich lerne ein Mädchen kennen und frage sie, ob sie mich heiraten will. Als ich den schrieb, muss ich 20 gewesen sein. Ist natürlich Blödsinn, ich habe noch nie übers Heiraten nachgedacht oder mit einem Mädchen darüber gesprochen. Ich finde es total verrückt, dass Leute, mit denen ich in der Schule war, tatsächlich schon ­verheiratet sind und zum Teil ein Haus und Kinder haben. Für diesen Sprung ins Leben wäre ich längst noch nicht bereit.

Haben Sie mit Ihrer Ex-Freundin, der grossen Muse, noch Kontakt?

Wir sind sogar befreundet. Sie findet das auch ganz cool jetzt. Diese Songs, man kann von ihnen halten, was man will, werden mich immer an unsere Zeit als Liebespaar erinnern. Ich habe immer noch schöne, warme Gefühle für sie. Unsere Beziehung und unsere Trennung waren der Ursprung dieses Albums. Ich werde diesem tollen Mädchen immer dankbar sein.

Lewis Capaldi: Divinely Uninspired To A Hellish Extend

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