Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Die Luzerner Theatersaison beginnt mit der Lust an der Sinnesschärfung

Das Luzerner Theater geht mitsamt Orchester in den Wald. Den Weg weisen die künstlerischen Leiterinnen Jessica Huber und Karin Arnold.
Interview: Urs Mattenberger
Das Luzerner Sinfonieorchester probt im Gütschwald für die «Ouverture dans la nuit».Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 28. August 2019)

Das Luzerner Sinfonieorchester probt im Gütschwald für die «Ouverture dans la nuit».Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 28. August 2019)

Konzerte, bei denen Natur und Kunst verschmelzen, führt Lucerne Festival gegenwärtig auf dem Inseli durch. Ist Ihre «Waldsinfonie» eine Art erweitertes Open-Air-Konzert?

Jessica Huber: Nein. Das Konzert ist ein Teil eines abendfüllenden Spaziergangs, zu dem sich die Besucher auf dem Theaterplatz versammeln. Wenn am Schluss das Luzerner Sinfonieorchester im Wald auftritt, ist je nach Wetter auch das kein herkömmliches Konzert. Bei trockenem Wetter sind die Musiker im Wald verteilt und bilden eine Art Raumklang.

Das Luzerner Theater testet in der jetzt beginnenden Spielzeit ideale Spielstätten aus. Inwiefern ist der Wald eine solche?

Karin Arnold: Zunächst schliesst der Wald die klassische Gegenüberstellung von Zuschauern hier und Darstellern dort auf der Bühne aus. Das Spazieren vollzieht den Übergang von der Stadt in den Wald und vom Tageslicht in die Dunkelheit der Nacht nach. Dass man in der Dämmerung alles undeutlicher wahrnimmt, wird im Wald und durch dessen Geräusche noch verstärkt. Das ist für uns ein ganz zentraler Aspekt: die Wahrnehmung und unser Bewusstsein für sie zu schärfen.

Die Aufführungen finden bei jeder Witterung statt. Trübt nerviges und glitschiges Regenwetter nicht die Wahrnehmung?

Huber: Nein, es ändert sie nur. Deshalb sagen wir die Aufführungen nur bei Sturmwarnungen ab. Weil das Wetter unvorhersehbar ist, schafft es bei jeder Aufführung eine ganz eigene Sinnlichkeit und steuert, je nachdem, ob es nass oder trocken ist, ganz andere Farben, Rhythmen und Geräusche bei.

Arnold: Das Wetter spielt auch eine wichtige Rolle, weil ihm unter freiem Himmel alle schutzlos ausgeliefert sind. Wir haben schon erlebt, dass die Zuschauer dabei zu einer Art Gemeinschaft zusammengewachsen sind. Man nimmt also auch die anderen und die Gruppe anders war. Deshalb gibt es nach der Rückwanderung Gelegenheit zu einem Austausch bei einem Umtrunk vor dem Theater.

Die Wanderung macht das Publikum zu Mit-Akteuren im Sinne des partizipativen Theaters von Intendant Benedikt von Peter. Wollen Sie damit bewusst eine gängige Konsumhaltung aufbrechen?

Huber: Ja, das ist eine zentrale Idee dahinter. Bei unseren ersten Waldspaziergängen dachten wir noch, wir müssten dem Publikum unterwegs etwas bieten. Dann haben wir immer mehr gelernt, auf begleitende Aktionen zu verzichten. Diese lenken nur von Umwelt- und eigenen Sinneseindrücken ab.

Bei der Besammlung auf dem Theaterplatz treten zwei Schauspielerinnen auf. Was geben Sie den Besuchern bei der Einstimmung mit auf den Weg?

Arnold: Wir wissen selber noch nicht, wie viel wir von diesen Gedanken da mit einfliessen lassen. Zuerst haben wir den Theaterplatz lange beobachtet, die Rudel von Touristen, das Markttreiben, das Schlendern der Passanten während der Ferienzeit. Wir haben den Platz auch mit einer blinden Frau besucht. Dadurch ergaben sich wieder ganz andere Fragen zum Thema Wahrnehmung. Vieles davon wird, wie die Geräusche von der Strasse, in diese Einstimmung einfliessen.

Manche ihrer Performanceprojekte haben eine deutliche politische Dimension. Das Waldprojekt wirkt dagegen eher romantisch.

Huber: Auch das hat für uns eine klare politische Dimension. Heute sind wir uns ja gewohnt, die Informationen und Bilder, die aus der ganzen Welt auf uns einpreschen, mit dem Finger wegzuwischen. Da stellt sich die Frage nach der Wahrnehmung nochmals ganz anders: Was nehmen wir als «wahr», wie und wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Zeit. Um das bewusst zu machen, gehen wir mit unserem Projekt quasi einen Schritt zurück: zu ursprünglichen Sinneserfahrungen, zum jetzt gelebten Moment. Im besten Fall kommen Menschen dadurch miteinander ins Gespräch.

Das Luzerner Sinfonieorchester spielt am Schluss Christian Garcia-Gauchers Waldsinfonie. Wie lief diese Zusammenarbeit?

Arnold: Wir kennen Christian als experimentellen Popmusiker und gaben ihm eine carte blanche, wie auch wir sie vom Theater bekommen haben.

Sie sind aus der freien Szene – wie war für Sie die Kooperation mit einem Theater?

Huber: Zum einen ist das für uns eine grosse Chance, weil man sich in der freien Szene ein Orchester niemals leisten könnte. Das gibt mehr Möglichkeiten, schränkt aber auch die Flexibilität und Freiheiten ein, die wir uns in der freien Szene gewohnt sind.

Arnold: Bei der Aufführung selber spielen solche Grenzen keine Rolle. Im besten Fall spült sie auch bei den Besuchern Statussymbole aller Art hinweg. (lacht)

«Ouverture dans la nuit», Koproduktion mit Lucerne Festival, Premiere : Samstag, 31. August, 19.30, Besammlung Theaterplatz.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.