Die Macher des Zürcher «Tatort» wollen weniger CO2 produzieren – Auch die Kommissare sollen grüner werden

Die Macher des Zürcher «Tatort» wollen weniger CO2 produzieren – Auch die Kommissare sollen grüner werden

Bild: Savia Hlavaceck/SRF

TV-Produktionen verursachen viel Kohlendioxid. Wie der neue «Tatort» aus Zürich einen Gegentrend setzen will.

Michael Merz
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Wenn wir uns für den ersten Zürcher «Tatort» «Züri brännt» am 18. Oktober vor den Fernseher setzen, blicken wir leicht über einen Tatbestand hinweg: Nicht nur ein übermässiges Serien-Streaming schneidet schlecht bei Umweltdetektiven ab, nein, auch die TV-Produktion selbst ist eine riesige Energieschleuder. Eine Stunde Fernsehprogramm zu produzieren, verursacht laut einer Studie der britischen Filmakademie Bafta 13½ Tonnen CO2.

Hollywood zweitgrösster Umweltsünder in Kalifornien

Hollywood, das Film- und TV-Epizentrum der Welt, gilt als zweitgrösster Umweltverschmutzer nach der Ölindustrie in Kalifornien, denn hier gehen bekanntlich das Scheinwerferlicht und die Generatoren nie aus. Solche Materialschlachten wie in den USA gibt es beim Schweizer Fernsehen nicht. Obschon, ein typischer «Tatort» am Vierwaldstättersee, für den doch eine Handvoll Schauspieler und Statisten ansaugen mussten, um vielleicht nur eine einzige Sterbeszene abzudrehen, blies gegen 38 Tonnen CO2 in die Luft.

Dies entspricht 100 Hin- und Rückflügen zwischen Zürich und Ischia in der Economy Class (1700 Kilometer) gemäss dem Myclimate-Flugrechner. Anders berechnet: 38 Tonnen CO2 entsprechen dem CO2-Verbrauchsdurchschnitt von 8,4 Schweizerinnen und Schweizern in einem Jahr gemäss den Kriterien des Bundesamts für Umwelt.

«Inzwischen», so Urs Fitze, Leiter Fiktion beim SRF, «müsste es allen dämmern, dass wir mit einer auf Nachhaltigkeit angelegten TV-Produktion einen grossen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.» Fitze hat Serien wie «Der Bestatter» oder «Wilder» fürs SRF ermöglicht und weiterentwickelt. Neu lässt er mehrere «Tatort»-Folgen an einem Stück abdrehen, um so den Verbrauch fossiler Energien zu drosseln. Dabei werden CO2-Emissionen und Abfallmengen wenn möglich vermieden.

Urs FitzeLeiter Fiktion beim SRF

Urs Fitze
Leiter Fiktion beim SRF

Bild: SRF

Trotzdem, auch der neue «Tatort» verpufft CO2. Daher ermittelte das SRF Wege, wie man klimaschonender drehen könnte. Während für den Luzerner «Tatort» einst 15 Tonnen von insgesamt 38 Tonnen CO2-Emissionen für Übernachtungen zu Buche schlugen, zählt der neue «Tatort» nur 5 Tonnen mehr, «weil die meisten Crew-Mitglieder in Zürich leben», sagt die TV-Produzentin Jessica Hefti von der Produktionsfirma Zodiac Pictures. Die Drehdauer der ersten beiden Folgen belief sich auf nur 44 Tage. 32 Tonnen CO2-Emissionen – immerhin noch ein paar Flüge in der Economy Class – gingen für Strom und Licht drauf.

«Pro Drehtag brauchten wir 20 Prozent weniger Ressourcen als für den ‹Tatort› aus Luzern», unterstreicht Hefti einen ersten Teilerfolg.

Die Energie-Einsparnisse für den «Tatort» Zürich


20 Prozent weniger CO2-Emissionen und ⅔ weniger Abfall pro Tag als beim Luzerner «Tatort».

75 Prozent gesamthaft weniger Emissionen, weil Crew und Cast mehrheitlich in Zürich wohnten und keine Logiernächte benötigten.

70 Prozent von insgesamt 1996 Mahlzeiten beim Dreh fielen vegetarisch oder vegan aus. Die Crew nutzte kein Einweggeschirr, dafür ihre eigenen Trinkflaschen zur Wiederverwertung.

Quelle: myclimate Schweiz

Ungewollte «Energieräuber» gab es auch beim Zürcher «Tatort»

Trotz der Einbindung der Schauspielerinnen und Schauspieler und des Stabs in die grüne Strategie des SRF gab es ungewollte «Energieräuber». Bei der Pre- und Postproduktion wurden offenbar einige Energien freigesetzt, Leerfahrten, unvorhergesehene Personen- und Materialtransporte durchgeführt. Alles in allem ist es also verfrüht, beim Zürcher «Tatort» vom schlanksten ökologischen Fussabdruck zu sprechen.

Wie Jessica Hefti sagt: «Nach wie vor geht es um viele Interessenabwägungen. An drei Drehtagen mussten wir einen Dieselgenerator einsetzen, weil sich vor Ort keine Möglichkeit zur Stromabnahme angeboten hatte oder man wichtige Strassenverbindungen hätte sperren müssen.» Grosso modo produzierte man den neuen «Tatort» jedoch mit Ökostrom aus der Steckdose.

«Tatort»-Klima: Die ökologischen Fussabdrücke der Ermittler

Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) mit seinem Porsche 911 Targa.
4 Bilder
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) setzt bei einer Verfolgungsjagd auf eigene Pferdestärke.
Die Wienerin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und ihr geliehener Pontiac Firebird.
Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) nimmt im Franken-«Tatort» das Velo.

Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) mit seinem Porsche 911 Targa.

Bild: SWR

Ein «Tatort»-Kommissar ist kein James Bond. Mit Ausnahme von Action-Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger) drücken explodierende Autos nicht auf die Energiebilanz. Verfolgungsjagden mit Helikopter oder Dienstreisen ins Ausland sind in der Krimi-Serie einfach nicht budgetiert.

Im «Tatort» ermittelt man stattdessen im eigenen «Gärtli» – das ist ja das Beruhigende daran – in der Stadt oder in seinem angestammten Bundesland. Insofern verbrauchen die Kommissare nicht mehr Sprit als ihre Zuschauerinnen. Manche von ihnen, etwa die neue Zürcher Ermittlerin Tessa Ott, nehmen auch einmal das Velo.

Zurückgelegt werden die Strecken normalerweise mit braven deutschen Mittelklassewagen. In München setzt man auf Authentizität und fährt dieselben BMW- Modelle wie die bayrische Polizei. Und wenn ein Wagen den Geist aufgibt, kann man ihn entweder wie Klaus Borowski erschiessen (sein Opfer: ein brauner VW Passat Kombi, Baujahr 1984), oder man setzt auf eigene Pferdestärke, wie Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), und rennt die Gegner in Grund und Boden.

Grosse Geländewagen verärgern Umweltschützer

Wo Fahrzeuge ein Signature- Stück sein sollen wie früher die Lederjacke von Klaus Schimanski, braucht es Amischlitten oder Oldtimer. Die Wienerin Bibi Fellner fuhr lange einen fast schrottreifen Pontiac Firebird. Schauspieler und Rennfahrer Richy Müller fährt als Stuttgarter Ermittler Thorsten Lannert einen braunen Porsche 911 Targa, Baujahr 1975.

Dass die Zuschauer nicht mehr jede Dreckschleuder akzeptieren, bekam Freddy Schenk im Sommer zu spüren: Schenk, der seine Autos laut Drehbuch aus der Asservatenkammer der Kölner Polizei bezieht, fuhr in einer Folge mit einem Geländewagen vom Typ Chevrolet Blazer durch die Innenstadt. Umweltschützer waren entsetzt.

Julia Stephan

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