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Die Macht des Nebensächlichen

Der Pianist Igor Levit erteilt am Festival dem Prunk und Protz eine Absage. Und spielt ein berückendes Konzert.
Roman Kühne
Pianist Igor Levit spielt am Lucerne Festival Beethovens Klaviersonaten. Bild: LF/Priska Ketterer (Luzern, 21. August 2019)

Pianist Igor Levit spielt am Lucerne Festival Beethovens Klaviersonaten. Bild: LF/Priska Ketterer (Luzern, 21. August 2019)

Was für ein Unterschied! Die zwei ersten Klaviersolisten am Lucerne Festival bespielen beide das Thema Macht. Doch verschiedener könnten die Stile kaum sein. Dort der Kraftprotz Denis Matsuev, der mit dem Lucerne Festival Orchestra am letzten Wochenende zwei Mal Rachmaninows 3. Klavierkonzert aufführte. Ein Gladiator, der mit der Bestie ringt. Dompteur seines Instruments, der durch Kraft und Taumel das ­Publikum mit sich riss. Eine Machtdemonstration in Stück und Spielweise.

Am Mittwochabend ist es sein Gegenteil – oder die Ergänzung? –, das auf der Bühne sitzt. Zwar ist der Pianist Igor Levit ebenfalls ein Russe. Und auch er interpretiert mit Beethovens As-Dur-Sonate ein «Machtstück». Doch grösser könnte der Gegensatz kaum sein.

Virtuosität als Begleiterscheinung

Igor Levit geht verspielt, ja fast schelmisch in die Beethoven-Sonaten. Er ist keiner, der das Publikum stösst und zerrt. Sein Auftritt ist mehr der Verführung gewidmet. Eher ein Angebot, denn eine alles bestimmende Sichtweise. Dies zeigt sich besonders deutlich in der «Waldstein»-Sonate. Das Anfang 1800 entstandene Werk gilt als ein Meisterstück von Beethoven. Oder wie es Igor Levit selbst sagt: Es gibt ein «Vor» und ein «Nach» der Waldsteinsonate.

Es ist sicher eine Bravour-­Nummer, die dem Solisten technisch alles abverlangt. Aber gleichzeitig schrieb Beethoven dieses Herzenswerk so formvollendet und schlüssig, dass all die Virtuosität für den Zuhörer fast von allein läuft. Eine perfekte Mischung aus Stimmung und Handwerk. Kommt hinzu, dass Levit die aberwitzige Einleitung, diese «pure Energie, purer Strom» (Levit) ganz in den leisen Registern hält. Das tiefe Startgrollen, die brandenden Figuren spielt er zwar brennend schnell, der Atem stockt, doch auch leicht und sorgenfrei. Ein Sprühregen, der sich im Hellen bricht. Farbig, delikat, voller Details. Eine Einladung.

Igor Levit ist nicht der mächtige Sturm, der alles zerfetzt und am Schluss dem Publikum nur die Erschöpfung lässt. Lieber betont er die überraschenden Seitenstrassen. Auch im zweiten Satz lässt er vieles offen. Die langsamen Töne bilden einen Hintergrund für die frei fliegenden Gedanken. Ein Augenblick zwischen dem Gewesenen und dem Kommenden. Ein Flimmern, das der Künstler dann jedoch bestimmt und klar in das körperhafte «Attacca» überführt. Ein grossartiger Moment.

Der Held, der sucht

Aber Igor Levit besitzt auch viel Schalk und Selbstironie. Die kurze Klaviersonate in G-Dur (op. 79) ist in seiner Idee ein amüsanter Kinderhaufen, der auf der farbigen Wiese die Falter jagt. Ein erfrischender Tanz ohne Kitsch oder gar Rührseligkeit. Oder Beethovens Trauermarsch für den Tod eines Helden in der As-Dur-Sonate – das einzige «Machtstück» des Abends – ist ein nachdenklicher, suchender Abgesang und keine pompöse Totenfeier.

Technisch betrachtet ist es seine Leichtigkeit im Anschlag, sein Farbenverständnis in der Gewichtung und die Klarheit der Töne, welche dieses aussergewöhnliche Erlebnis ermöglichen. Der wohl kalkulierte Pedaleinsatz, der ganzen Akkordfolgen eine spezielle Mischung gibt, und die teils speziell gesetzten Akzente geben den Stücken eine eigene Sprache. Man darf sich noch auf viel spannenden Beethoven freuen. Das Konzert bildet den Auftakt für Levits Beethovenzyklus, der auch am letzten Piano-Festival weitergeführt wird. Als Zugabe spielte Levit am Mittwoch allerdings nicht Beethoven, sondern den «Waltz Humoresque» von Shostakovich.

Hinweis: Zweites Konzert von Levits Beethovenzyklus: So., 25. August, 11.00, KKL-Konzertsaal. Igor Levit, Beethoven Complete Piano Sonatas, erscheint Mitte September (Sony Classical).

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