Die Mondrakete wird zur Skulptur

Als Referenz an die Apollo-11-Mondlandung vor fünfzig Jahren hat Bruno Streich die Saturn-V-Rakete für die Kunsthalle Wil als Kunstobjekt inszeniert. Die 11-Meter-Konstruktion übersetzt Ingenieurwissen in bildende Kunst.

Martin Preisser
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Präzise Kunst mit dem Blick des Ingenieurs: Bruno Streich vor seiner Saturn-V-Rakete in der Kunsthalle Wil. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

Präzise Kunst mit dem Blick des Ingenieurs: Bruno Streich vor seiner Saturn-V-Rakete in der Kunsthalle Wil. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

Er ist ein Künstler, der ein genaues Gespür für die Dimensionen des eigenen Körpers hat. Er kennt die Länge seines Unterarms und die Winkel der Gliedmassen. Mit solchen Proportionen arbeitet Bruno Streich ganz bewusst: Mit blossem Körpereinsatz und gerade mal zwei Schraubenschlüsseln ist seine elf Meter lange Skulptur «s24» entstanden. Streich, der sein Atelier in einer ehemaligen Spinnerei im Zürcher Unterland hat, zeigt die drei obersten Teile der Saturn-V-Rakete, mit der 1969 die erste Mondlandung glückte. Der 1964 geborene Künstler ist ein «Queraussteiger», wie er sagt. Als Ingenieur und ehemaliger Wissenschafter an der ETH Zürich hat er sich mit Leichtbautechnik beschäftigt, also mit der Konstruktion von Materialien, die ein Flugobjekt so leicht wie möglich machen. Sein Wissen in der Ingenieurskunst fliesst gekonnt in die Raketenskulptur ein. Man spürt Streichs Liebe zur Präzision, sein Gefühl für Strukturen und die Begeisterung für Formschönheit.

«Die Kunsthalle wird quasi zum Handschuh»

Sein Objekt füllt präzis die Kunsthalle Wil, das Material geht auch einen Dialog mit den Holzbalken des Raumes ein. Die Saturn-Arbeit hat Bruno Streich zuerst als CAD-Modell am Computer kreiert. Das bewirkt, dass «s24» sich ganz organisch in den Raum einzufügen scheint. «Die Halle wird quasi zum Handschuh für meine Strukturen», sagt Streich, der auch ein eigenes Taschen- und Kleider-Label hat und als freischaffender Ingenieur oft Dinge in Sparten erfand, über die er vorher kein Fachwissen besass.

Fast wie die Jungfrau zum Kind scheint er jetzt auch zu seiner raumbezogenen Kunst gekommen zu sein. So baut er nicht einfach ein faszinierendes Flugobjekt nach, sondern bewegt sich ganz bewusst an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft. «Ich gehe ganz absichtlich mit dem Blick des Ingenieurs an die Skulptur heran», sagt der Künstler, der den Schritt zur Kunst erst spät, vor sieben Jahren, gewagt hat und sich jetzt über seine erste Einzelausstellung freut. Quer- und Längsverstrebungen, Biegsamkeit und Festigkeit, Stabilität und Beweglichkeit, das kennt Bruno Streich aus der Welt des Leichtbaus. Übertragen auf ein Kunstobjekt wie die Teile dieser Rakete gibt dieses Wissen der Arbeit auch eine grössere Ausstrahlung als nur die eines einfachen Nachbaus. Es geht um Strukturen an sich. Ideen von Bauprinzipien in der Natur, wie vielleicht einer Mohnkapsel, werden wach. Ein Flugobjekt ist zum Kunstobjekt geworden.

Hinweis

Vernissage: Sa, 6.4., 18 Uhr, Kunsthalle Wil; Künstlergespräch: 17.4., 19 Uhr; Ausstellung: bis 12.5.