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Theater: Die Nase, diese Nase!

Cyrano de Bergerac und die grosse Geschichte einer missverstandenen Liebe wegen einer zu grossen Nase: Das Theater Konstanz zeigt die alte Verskomödie herzhaft und mit viel Witz als launiges Freiluftspektakel.
Julia Nehmiz
Die Gascogner Kadetten sind ausgelaugt von den Schlachten; Cyrano (Ingo Biermann) dichtet Liebesbriefe. (Bild: Ilja Mess)

Die Gascogner Kadetten sind ausgelaugt von den Schlachten; Cyrano (Ingo Biermann) dichtet Liebesbriefe. (Bild: Ilja Mess)

Wie weit gehst du für die Liebe? Für Cyrano ist klar: Er geht, so weit er kann. Mitten im Krieg wirft er sich durch die Fronten, um Roxane jeden Tag Briefe zu bringen. Die anderen Gascogner Kadetten stöhnen vor Hunger, Schmerz und Leid, Cyrano lebt in Ekstase.

Dabei liebt Roxane nicht ihn, sondern nur seine Worte. Die leiht der vermeintlich hässliche Cyrano dem schönen Christian, auf den Roxane ein Auge geworfen hat.

So reckt Cyrano die Faust in die Höhe wie ein Rockstar, singt, stöhnt, schreit seine Einsamkeit in den Abendhimmel. Um ihn tobt der Krieg, doch er steht traumverloren auf einem Stuhl, der Bühnennebel taucht das Schlachtfeld in fahles Licht.

Und wie Ingo Biermann seinen Cyrano flehen, flüstern, seufzen, wie er ihn über die Gräuel einfach hinwegsingen lässt, während um ihn der Kampf hin und her wogt, die Gascogner Kadetten wie Untote über die Bühne kriechen, da spürt man die Kraft der Liebe.

Cyrano singt sich weg vom Schlachtfeld. (Bild: Ilja Mess)

Cyrano singt sich weg vom Schlachtfeld. (Bild: Ilja Mess)

Und nein, es gibt kein Happy End

Die Liebe – sie ist die heimliche Hauptrolle in Edmond Rostands Verskomödie. Und nein, es gibt kein Happy End. Doch wie Regisseur und Schauspieldirektor Mark Zurmühle und sein Konstanzer Ensemble die Geschichte dieser unerwiderten, missverstandenen Liebe erzählen, ist herzerfrischend, saftig und kitschig berührend.

Cyrano findet sich hässlich, seine Nase ragt wie eine Schranke aus seinem Gesicht. Sein Spott und seine Degenkünste sind ­gefürchtet, doch da ist eben seine Nase, wegen ihr, glaubt er, wird er niemals geliebt.

Anstatt ­Roxane seine Liebe zu gestehen, schenkt er selbstlos dem Schönling Christian Stimme, Verstand und Poesie, da diesem nicht viel mehr als «ich liebe dich, sehr» einfällt. Der Plan geht auf, Ro­xane verliebt sich in Christian.

Die Liebe ist ein Luftschloss, auf dem man hüpfen kann

Der französische Dramatiker Edmond Rostand feierte mit «Cyrano de Bergerac» 1897 seinen grössten Erfolg, Cyrano wurde zu einer Art nationalem Helden; Rostands spätere Werke blieben unbeachtet. «Cyrano» strotzt nur so vor Sprachwitz. Auch deswegen wird das Stück im Versmass bis heute gespielt.

«Denn beim letzten Verse stech ich» - Cyrano ficht mit Worten und Degen. (Bild: Ilja Mess)

«Denn beim letzten Verse stech ich» - Cyrano ficht mit Worten und Degen. (Bild: Ilja Mess)

Regisseur Zurmühle findet in der Konstanzer Festspielpremiere die Balance zwischen Heldentum und Humor. Gut, auch hier tragen Cyrano und Konsorten Federhut und Degen, die langen Haare und die Flatterhemden wehen im Wind; da kommt man wohl nicht drumherum. Doch der Konstanzer «Cyrano de Bergerac» ist eine Art Rockmärchen mit viel Musik, Verssprache, Witz – und einem grossen Luftschloss.

Ein solches hat Bühnenbildnerin Marie Labsch in schlichtem Weiss vors Münster gebaut, und die Schauspielerinnen und Schauspieler nutzen es kräftig: Sie springen, wackeln, quietschen über das aufgeblasene Luftschloss, das an eine Hüpfburg vom Kinderfest erinnert.

Cyrano (Ingo Biermann) und Roxane (Laura Lippmann) necken sich im Hüpfburg-Bühnenbild. (Bild: Ilja Mess)

Cyrano (Ingo Biermann) und Roxane (Laura Lippmann) necken sich im Hüpfburg-Bühnenbild. (Bild: Ilja Mess)

Cyrano ist bei Zurmühle ein Rockstar, der auch mal kraftvoll auf der E-Gitarre schrammelt, mit seiner Gang ein wildes Rock-Medley in den Abendhimmel schmettert und in Lederhose geschmeidig die Bühne einnimmt. Wenn Ingo Biermann sich in die Wortscharmützel wirft, spontan Liebeslyrik ersinnt, den Grafen mit Worten und Degen zuballert, dass der eitle Graf um sein Leben fürchten muss, wenn er dem tumben Christian (herrlich naiv und später erschütternd klar: Thomas Fritz Jung) souffliert bis zum ­ersten Kuss, dann lebt man so mit seinem Cyrano, dass die grosse Nase vergessen geht. Doch ­Cyrano vergisst sie nie.

Auch hier schrieb Edmond Rostand erschreckend aktuell: Welchen Schönheitsidealen rennen wir nach? Welchen Normen meint man, entsprechen zu müssen? Und sind es nicht doch die «inneren Werte», die am Ende zählen?

In einem letzten Duett offenbaren sie ihre Gefühle

Diese inneren Werte – es dauert, bis seine geliebte Roxane sie erkennt, 14 viel zu lange Jahre. So lange trauert Roxane (pur und voller Liebe und Kraft: Laura Lippmann) im Kloster um ihren gefallenen Christian, als sie endlich den «wahren» Geliebten erkennt.

In einem letzten Duett offenbaren sie sich ihre Gefühle: Der sterbende Cyrano intoniert mit brechender Stimme «Make You Feel My Love» von Adele, Roxane stimmt ein – doch es ist zu spät.

Und während der Himmel über Konstanz eindunkelt, das Licht schwindet, ein laues Lüftchen weht, lässt man sich fallen in die alte Geschichte von lieben, geliebt werden und heimlich ­lieben, erzählt von Menschen aus einem fernen Jahrhundert, die sehr weit gehen für ihre Liebe. Weiter, als man selbst es vielleicht tun würde. Aber dafür gibt es ja Theater.

Vorstellungen bis 27. Juli 2018 auf dem Münsterplatz Konstanz; theaterkonstanz.de

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