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Interview

Die neue Intendantin des Luzerner Theaters ist eine «Mehrspartenaktivistin»

Ina Karr, die gestern vorgestellte designierte Intendantin des Luzerner Theaters, will Benedikt von Peters Öffnung in neue Räume weiterführen: Ein Gespräch über Spartengrenzen hinweg, über Theater-Visionen und Luzern nicht nur als Ferienort.
Urs Mattenberger
Ina Karr, die neue Intendantin des Luzerner Theaters, am Dienstag, 16. April 2019 in Luzern.

Ina Karr, die neue Intendantin des Luzerner Theaters, am Dienstag, 16. April 2019 in Luzern.

Mit Notre Dame brannte ein Monument der Tradition, wie es sie auch im Theater gibt. Wie stehen Sie da zu Meisterwerken der Vergangenheit?

Ina Karr: Natürlich fragte ich mich nach dem ersten Schreck, ob man ein abgebranntes Kunstwerk neu aufbauen soll. Das Tolle am Theater ist, dass wir beides machen können. Wir haben Werke aus vielen Jahrhunderten. Aber weil diese nicht an der Wand hängen, können wir sie immer wieder neu entstehen lassen und aus unserer Zeit heraus beleuchten. Das macht Theater besonders, diese Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart, zu der selbstverständlich zeitgenössische Werke hinzukommen. Wir suchen uns Komplizen der Vergangenheit und Entdecker der Gegenwart.

Die letzten beiden Intendanten am Luzerner Theater waren auch Regisseure, Sie aber nicht. Hat es Sie nie gejuckt, auch selber zu inszenieren?

Nein! Zur Dramaturgie führte mich mein Studium der Musikwissenschaft und Germanistik, die Lust am kritischen Denken und die Freude, zu konzipieren. Als Dramaturgin ist es meine Aufgabe, Produktionen kreativ-kritisch zu begleiten. Seit vielen Jahren habe ich darin Leitungserfahrung in einer Sparte, aber in Oldenburg wie in Mainz arbeiten die Sparten zusammen. Schon da hatte ich als Dramaturgin das ganze Haus im Blick Das ist es, was mich jetzt in Luzern interessiert: ein Mehrspartenhaus zusammen zu denken und ihm ein Gesicht zu verleihen. Ich bin Mehrspartenaktivistin!

Das Luzerner Theater hatte einst unter Barbara Mundel Publikum verloren, Dominique Mentha erhielt den Auftrag, Besucher zurückzugewinnen. Benedikt von Peter brach in neue Räume auf. Was ist ihr Auftrag?

Die aktuelle Situation ist dadurch geprägt, dass ein Neu- oder Umbau ansteht. Dadurch ist das Theater sehr in Bewegung. Ich sehe es als meine Aufgabe, den Öffnungsprozess für neue Räume, den Benedikt von Peter vorangetrieben hat, weiterzuführen und darüber hinaus die Zukunft des Theaters zu gestalten. Das Theater soll aber auch seinen Platz mitten in der Stadt selbstbewusst behaupten.

Die Idee des Raumtheaters werden Sie also weiterführen?

Ja, aber es geht auch um Inhalte. Theater ist für mich ein Ort der Auseinandersetzung, an dem in verschiedenen ästhetischen Handschriften über gesellschaftliche Fragen nachgedacht wird. Das ist ein per se politischer Ort.

Die ästhetische Handschrift prägen Sie mit Regisseuren, die Sie ans Haus holen. Sie arbeiten oft mit Lydia Steier zusammen, die letztes Jahr an den Salzburger Festspielen für Aufsehen sorgte. Bringen Sie solche Weggefährten nach Luzern?

Natürlich werde ich jetzt mit Leuten sprechen, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe. Um alle Sparten zusammenzudenken, braucht es einen gemeinsamen Geist auch der Teams, die kommen – und der vielen Mitarbeitenden im Haus. Es wird auch Regisseurinnen und Regisseure geben, die regelmässig im Haus arbeiten und Vielfalt sowie Kontinuität gewährleisten. Die ist wichtig insbesondere für das Schauspielensemble, das für mich für als Gesicht des Hauses sehr wichtig ist. Ich komme zwar vom Musiktheater her, aber die anderen Sparten sind mir ebenfalls sehr vertraut.

Wie wollen Sie das Theater hin zu einem jüngeren Publikum öffnen?

Ganz wichtig ist mir das Kinder- und Jugendtheater, und ich bin froh, dass es hier offenbar bereits eine reiche Szene gibt. Kinder und Jugendliche sind für mich nicht die Theatergänger der Zukunft, sondern der Gegenwart! Auch die Künstler im Haus sollen sich in allen Sparten so verstehen, dass sie auch Theater für junges Publikum machen.

Stark engagieren Sie sich für zeitgenössisches Musiktheater, und da für Komponisten wie Steen-Andersen, der in diesem Bereich eine neue Generation verkörpert. Werden Sie das Musiktheater in solche Richtungen ausbauen?

Auch da kann man das Bestehende weiter entwickeln. Zum Beispiel zeigen die Arbeiten von Steen-Andersen, dass heutige Komponisten sehr theatral denken. Zum Teil komponiert er ja nur Bewegungen und gar keine Töne und kreiert so wunderbar verrückte Abende.

Von Peter hat sein Raumtheater vom deutschen Regietheater abgegrenzt, das mit politischen Parolen arbeitet. Wie halten Sie es damit?

Parolen gehören für mich nicht ins Theater. Aber generell finde ich solche Begriffe wie Regietheater schwierig. Jedes Theater hat eine Regie.

Sagen wir: Eine politische Aussage zu machen, indem man den Akteuren Kalaschnikows in die Hand drückt – kann das Sinn machen?

Ich habe einmal eine Aufführung von Verdis Don Carlo gesehen, in der König Philipp bei seinem Monolog auf einem Sofa sitzt und eine PET-Flasche in der Hand hält. In diesem Kontext wirkt das rasch lächerlich. Das heisst nicht, dass die Regie einfach eine Realität zeigen soll – die gibt es nicht im Theater. Theater ist für mich ein Möglichkeitsraum: Für Fantasie, Geschichten, Stoffe, Themen, in verschieden Handschriften. Es geht auch nicht bloss ums Dekorieren, sondern um eine ästhetische Übersetzung. Wenn man sprachgewaltige Texte nimmt, braucht man ein bildmächtiges Geschehen auf der Bühne, damit das Theater dem Text standhält. Das ergibt die grosse Kraft des Erzählens, an die ich glaube. Und die das Publikum direkt anspricht.

Partnerschaften mit der Freien Szene oder Lucerne Festival wurden immer wichtiger. Welche Erfahrungen haben Sie mit Kooperationen?

In Luzern ist natürlich der Hauptpartner das Luzerner Sinfonieorchester als Opernorchester. Und es gibt ja weitere spannende Partner wie Lucerne Festival. Aber ja, ich habe früher selber in der Freien Szene gearbeitet und kenne deshalb beide Seiten. In Kooperationen liegt eine grosse Chance. Man muss aber auch immer sehen, dass die Arbeitsweisen unterschiedlich sind und man solche Prozesse aufeinander abstimmen muss.

Sie kommen von einem grösseren Mehrspartenhaus in Mainz. Was macht für Sie Luzern mit seinem bescheideneren Mitteln attraktiv?

Für das Zusammenwirken der Sparten aus einem gemeinsamen Geist heraus, was mir sehr wichtig ist, bietet ein kleineres Haus auch Vorteile, zum Beispiel mit der Nähe, die es bietet. Damit kann und muss man kreativ arbeiten, bis allenfalls ein Um- oder Neubau kommt.

Welche Vision eines neuen Theaters bringen Sie in diesen Prozess ein?

Ein zeitgemässes Theater ist nicht nur ein Ort für Theater, sondern auch ein Ort, wo sich ganz unterschiedliche Leute treffen. Ein Haus der Kommunikation auf und ausserhalb der Bühne, das atmet, sich öffnet für partizipative Formen, das aber auch die Gesellschaft bewegt.

Theater muss das Publikum direkt erreichen, sagten Sie. Welcher Ruf eilt dem Luzerner Publikum voraus?

Das Tolle ist, dass ich zwei Jahre Zeit habe, dieses Publikum, die Stadt und die Region Kennen zu lernen. Was ich schon herausgehört habe: es gibt ein sehr interessiertes Publikum – und es ist ansteckbar. Wenn ich und meine Kollegen brennen, können wir das Publikum entflammen.

Partizipatives Theater heisst umgekehrt, dass Sie als Intendantin etwas Luzernerin werden. Können Sie sich das vorstellen?

Ja, auch weil ich Ski fahre und wandere, ist die Region ideal. (lacht) Meine Buben (10 und 13) fragten bange, ob man von einer Stadt aus, in der man sonst Urlaub macht, auch in die Ferien fahren könne. Seit sie wissen, dass das geht, fällt ihnen die Vorstellung leichter. Ich finde es persönlich und für meine Arbeit wichtig, in einer Stadt anzukommen, zu sein, zu leben. Ohne das kann ich mir nicht vorstellen, Theater zu machen. Erst wenn man in einer Stadt Anker wirft, fliegen die Ideen.

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