Konzert im KKL: «Die Neue Welt» mit Italianità und Eleganz

Claire Huangci ist eine Pianistin auf dem Sprung zu den Grossen. Und das Mailänder Orchester «Giuseppe Verdi» zeigt erneut seine Klasse.

Roman Kühne
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Die Pianistin Claire Huangci, begleitet vom Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi, im KKL.

Die Pianistin Claire Huangci, begleitet vom Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi, im KKL.

Bild: Roger Grütter
(3. Januar 2020)

Ich gestehe, ich bin ein Fan dieses Orchesters. Für mich gehört es locker zur europäischen Klangspitze und braucht – obwohl noch nie am Lucerne Festival zu Gast – den Vergleich mit den dortigen Top-Orchestern nicht zu scheuen.

Vielleicht ist das Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi mit 27 Jahren einfach noch zu jung? Vielleicht ist es heikel, neben der Filarmonica della Scala, deren Chef Riccardo Chailly ist, noch ein zweites Mailänder Orchester einzuladen, das notabene von Riccardo Chailly gegründet worden ist? Verglichen mit den zum Beispiel eher dürftigen Auftritten der Ensembles aus Frankreich, wären die «Musiker Giuseppe Verdis» sicherlich eine Bereicherung.

Umso höher ist es den «City Light Concerts» des Luzerners Pirmin Zängerle anzurechnen, dass das Orchester am Freitag bereits zum dritten Mal in Luzern gastierte. Und zum dritten Mal begeisterte es im KKL mit seinem Neujahrsprogramm.

Selbstläufer werden exzellent gespielt

Sicher, die «Sinfonie aus der Neuen Welt» von Antonín Dvořák oder die Ouvertüre zur Oper «Wilhelm Tell» von Gioacchino Rossini spielen sich praktisch von allein. Sie sind typische Ohrwürmer, passend zum fröhlichen Jahreswechsel. Doch mit diesem Klang und federleicht gespielt sind die zwei Stücke ein besonderer Genuss.

Der langjährige Dirigent, der Deutsche Claus Peter Flor, versteht es, die ganze Italianità, diese spezielle Mischung aus Charme und Lebendigkeit, auszuspielen. Die Anfangsfarben in den Violoncelli und den Violen werfen einen hoffnungsvollen Blick auf die Entdeckung von Amerika. Wunderbar ist das folgende Schliessen und Öffnen des Tones. Das Englischhorn singt das Thema des zweiten Satzes abgehoben und sphärisch.

Die Holzbläser und die Streicher gestalten die Sinfonie mit einer breiten Farbpalette. Agil und leicht ist der Bassklang. Die Pianissimi flimmern buchstäblich in der Luft, ein tief berührendes Schweben. Die zwei tiefen Töne am Schluss dieses Largo sind an Intimität kaum zu überbieten. Das finale «Allegro» bleibt trotz allen Prunks elegant und sinnlich.

Es ist eine Interpretation mit Wärme, aber auch Lebendigkeit und eben – viel Geschmack. Eine tanzende Vitalität, natürlich gepaart mit einer Genauigkeit, die den italienischen Spitzenorchestern eigen ist. Im letzten Jahr waren ja bereits die beiden anderen Topformationen aus Italien zu Gast, die Filarmonica della Scala (Lucerne Festival) und das Orchestra Santa Cecilia aus Rom (Migros Kulturprozent), die beide ebenfalls total überzeugten.

Vielleicht waren die Wiener Philharmoniker bei ihrer ebenfalls exzellenten Aufführung der Sinfonie aus der Neuen Welt am Lucerne Festival im September detailgenauer und exzessiver in der Gestaltung, fast zu selbstverliebt in den eigenen Klang. Sicher ist, das Orchestra Sinfonica di Milano bringt eine Interpretation auf Augenhöhe.

Ausserordentlich elegante Pianistin

Das Eröffnungsstück, die Ouvertüre zu «Wilhelm Tell» spielten die Musiker mit der gleichen Entspanntheit und Lust, die dem Werk berauschende Energie und Spritzigkeit verleiht.

Etwas verhaltener ist der Auftritt der aufstrebenden Pianistin Claire Huangci. Die 29-jährige Amerikanerin spielte vor zwei Monaten ihr Debüt am Lucerne Festival mit einem Programm von Domenico Scarlatti und Sergej Rachmaninow. An diesem Abend ist es das virtuose Klavierkonzert von Schumann.

Vor allem im ersten Satz wird klar, warum Claire Huangci für ihre CDs schon viele Preise gewonnen hat. Sie ist eine besonders elegante Spielerin, ihre Bewegungen ein Genuss fürs Auge. Ihre technische Brillanz lässt den schwierigen Satz wie natürlich fliessen: ein entspanntes und rundes Drehen, ein verwobener Dialog zwischen der Musikerin und dem Orchester.

In der ausufernden Kadenz bringt sie eine Tiefe ihre Virtuosität, die aus guten Pianisten überragende machen kann. Schade erreicht das «Andantino» nicht diese Breite an Schattierungen und Intimität, bleibt das finale «Allegro» eher auf perfekt fliegende Finger begrenzt. Als Zugabe spielt Claire Huangci eine rasende Hochseilnummer, das «Play Piano Play, Nummer 6», eine Toccata von Grenzüberschreiter Friedrich Gulda.