Cat Power, die rastlose Wanderin

Mit ihrem letzten Album schaffte Cat Power den grossen Durchbruch. Aber der Stress machte sie krank. Nun kehrt sie mit frischem Mut und einem Album zurück, das im Titel ihr ganzes Leben zusammenfasst.

Hanspeter Künzler
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Man könnte sich keine angenehmere Gesprächspartnerin vorstellen als Cat Power. Auf rührende Weise ist sie darauf bedacht, dass man bequem sitzt und der Kaffee nicht kalt geworden ist. Bei der Verabschiedung verfolgt einen ein langer Strom von guten Wünschen zur Tür hinaus. Dann beim Abhören der Interviewaufnahme, das grosse Staunen.

Dreiviertel Stunden hatte man keinen Moment lang das Gefühl gehabt, die Konversation folge besonders eigenartigen Bahnen. Jetzt aber nehmen die Sätze plötzlich eine luftige, oft rätselhafte, fragmentarische Form an. Gleichzeitig sind sie derart persönlich, dass man sich als Zuhörer fast schon als Eindringling vorkommt. Bezeichnend ist ihre Erklärung dafür, wie es zum ungewöhnlichen Umschlagbild von ihrem neuen Album gekommen ist. Sie habe das wunderbare neue Kleid anprobiert, das ihr die Frau von Nick Cave habe schneidern lassen, sagt sie. Sie hätte dieser ein Selfie schicken wollen mit der Frage, ob es ihr auch wirklich stehe: «Denn als Wildfang mit einem Hauch Eyeliner bin ich nicht an so schöne Kleider gewohnt.» Da sei ihr dreijähriger Bub, Boaz, gekommen und habe die Gitarre umgeworfen, die immer neben dem Spiegel stehe. Sie, Cat, habe sich schnell gebückt, um das kippende Instrument aufzufangen, und dabei habe sie aus Versehen auf den Auslöser gedrückt.

Die Plattenfirma wollte einen Hit

«Ich fühlte mich mit ganzem Herzen zu diesem Bild hingezogen», sagt sie. «Es zeigt alles, was wichtig ist in meinem Leben. Die Gitarre, die mich ehrt. Die Liebe – mein Sohn. Die Freude, die mir Stärke gibt. Das Kleid, das meine Weiblichkeit ausdrückt. Wohin mich meine Wanderung auch führen wird, diese Eigenschaften kann mir niemand nehmen.»

Fast wäre Cat Power, bürgerlich Charlyn Marie «Chan» Marshall, gestorben. Ihr neuntes Album, «Sun» war ihr erfolgreichstes überhaupt gewesen. Nachdem sie jahrelang zwischen persönlichen Krisen und vielbeachteten Alben hin und her taumelte, die immerhin respektable Verkaufsziffern erzielten und zu Kollaborationen mit Marianne Faithfull, Yoko Ono und Filmregisseuren führten, knackte sie mit «Sun» in der amerikanischen Hitparade die Top 10. Damit begannen ihre Probleme erst. Die Plattenfirma habe unbedingt einen Hit von ihr gewollt, berichtet sie. «Aber wenn jemand zu mir sagt: ‹Mach einen Hit›, habe ich keine Ahnung, was sie damit meinen!» Sie habe alles daran gesetzt, weiterzuarbeiten, ohne ihre Integrität zu verlieren. «Es war ein grosser Schock, von Menschen unter Druck gesetzt zu werden, die ich für Freunde gehalten hatte.»

Cat Power: Wanderer, Domino.

Cat Power: Wanderer, Domino.

Das Rennpferd musste weiterrennen

Eigentlich hätte sie die anstehende Tournee – sie dauerte schliesslich eineinhalb Jahre – absagen sollen, sagt sie, aber das war keine Option: wegen eines Nervenzusammenbruches musste sie schon einmal eine Tournee abbrechen, eine Wiederholung hätte ihren Ruf wohl ruiniert. Aus Stress wurde sie krank, litt immer häufiger unter Episoden, während denen sie nicht mehr atmen konnte und beinah erstickt wäre. Fast wäre sie gestorben, sagt sie: «Das Rennpferd war krank, aber es musste weiterrennen.» Schliesslich sei es nicht das Spital gewesen, das sie gerettet habe, sondern eine homöopathische Pille, die sie einnimmt, sobald erste Symptome auftaucht. Nachdem sie sich einigermassen erholte hatte, kehrte sie vorerst nicht zur Musik zurück, sondern versuchte, eine Aktivistengruppe aufzubauen. Dann trennte sich ihr Partner von ihr, ungefähr zur gleichen Zeit, als sie entdeckte, dass sie schwanger war.

Nun mietete sie sich in Miami ein rosarotes Haus und machte nur noch Musik. War «Sun» von elektronischen Instrumenten und einer Hochglanzproduktion geprägt, kehrte sie auf «Wanderer» zum kargen, von Gitarre, Klavier und Fernweh geprägten Sound früherer Tage zurück. Gerade in dieser Einfachheit blüht ihre komplexe, verletzliche und doch so entschlossen klingende Stimme erst richtig auf.