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Premiere im Kleintheater Luzern: Schneemänner unserer Zeit

Das Luzerner Kollektiv Fetter Vetter & Oma Hommage entführt mit «Ein Kind unserer Zeit» in eine Welt, in welcher Krieg herrscht – und die gar nicht so weit entfernt liegt.
Flavia Bonanomi
Szenenbild aus der Produktion «Ein Kind unserer Zeit» von Fetter Vetter & Oma Hommage. (Bilder: Ingo Höhn)

Szenenbild aus der Produktion «Ein Kind unserer Zeit» von Fetter Vetter & Oma Hommage. (Bilder: Ingo Höhn)

Es ist neblig, sowohl auf der Strasse wie auch im Theatersaal. Neblig und dunkel – ein ernüchterndes Gefühl. Und auch die Zeit, in welche Fetter Vetter & Oma Hommage uns entführen, ist dunkel und neblig. Es ist eine düstere Vorkriegszeit, auch wenn das damals natürlich niemand so sagte. Vom Ausgang auf dem Rummelplatz bis zum Schusswechsel auf dem Feld: «Ein Kind unserer Zeit» zeigt den Krieg von allen Seiten.

Authentisch und textnah (Dramaturgie: Béla Rothenbühler) ist das Stück, das Gefühl von Chaos, Einsamkeit und Krieg wird gekonnt übermittelt von den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern Annabelle Sersch, Hans-Caspar Gattiker, Matthias Kurmann, Ursula Hildebrand und Patric Gehrig. Sie alle verkörpern den jungen Soldaten, der im letzten Roman Ödön von Horvàths der Armee beitritt, weil ihn sonst niemand will: Der Vater hat andere Ansichten als er, die Mutter ist tot, eine Arbeit findet er nicht.

5 Bilder

Impressionen von "Ein Kind unserer Zeit" von Fetter Vetter & Oma Hommage

Eine andere Zeit

Und er macht sich, der kleine Soldat; er würgt anstrengende Gedanken über Gerechtigkeit und Zweifel an der Führerschaft früh ab und marschiert tapfer in Reih und Glied. Nun hat er eine Aufgabe und Männer, die neben ihm stehen. Nach und nach verdient er sich silberne Sterne für besondere Verdienste, die fortan an seinem Kragen prangen.

Und immer wieder tönt es von hinter der Bühne: Irgendeinmal wird man schon verstehen, wie gross, wie wichtig diese Zeit gerade ist, es sei nur noch zu früh. Das ist die Parole: Nicht denken, sondern handeln; und nur so kann diese Zeit so grossartig wirken. Grossartig sind die Zeiten allemal, das weiss auch der Soldat, er kämpft schliesslich für das Vaterland, was gäbe es Ehrenvolleres? Dieses Vaterland bringt immerhin jeden Tag warme Mahlzeiten auf den Tisch und flickt seine Stiefel, wenn sie zerschlissen sind.

Die Entstehung der Verzweiflung

Auch das wird auf der Bühne gekonnt dargestellt: Was bringt junge, gesunde Männer dazu, freiwillig in den Tod zu gehen? Was schulden sie diesem sogenannten Vaterland, und wer oder was soll das überhaupt sein? Es ist der Lockruf der Gemeinschaft, ein Auffangbecken für die Vergessenen, die Gelegenheit, ein erstes und ein letztes Mal dagegen anzukämpfen, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Fetter Vetter & Oma Hommage fragen mit «Ein Kind unserer Zeit» genau danach; und beweisen, dass die Ich-Erzählung von 1938 ohne jegliche adaptive Massnahmen in die heutige Welt versetzt werden kann. Unter der Regie von Damiàn Dlaboha bringen sie ein trauriges Soldatenschicksal, welches für unzählige mehr stehen kann, auf die Bühne und somit den Krieg direkt zum Zuschauer.

Teils von tröpfelnder Begleitmusik, teils von ohrenbetäubendem Dröhnen (musikalische Leitung: Jeremy Sigrist) untermalt, erleben die Zuschauenden Schritt für Schritt mit, wie ein anfangs begeisterter Soldat die Unsinnigkeit und Ungerechtigkeit der Welt und des Krieges einsieht, dessen Opfer er selbst wird. Und wie er unter Seinesgleichen droht, alles an Menschlichkeit und Individualität einzubüssen, was er noch hatte. Ein Gleicher unter Gleichen, ein Soldat unter Mördern: Denn der Krieg wird nicht gegen feindliche Armeen geführt, sondern gegen Zivilisten und Wehrlose.

Kälte der Gesellschaft

Es bleibt ein gelungenes Stück, ein zum Nachdenken anregender Abend. Und was man mit Sicherheit sagen kann: In einer Zeit der Kriege kann es nicht genügend solcher Stücke geben. Die ewige, unzulängliche Entschuldigung, dass auf der Welt und in der Gesellschaft die Dinge eben seien, wie sie seien, und nicht verändert werden können, wird schmerzlich wiederholt und angeprangert, und die Schauspielerinnen und Schauspieler fragen sich zu Recht: Wer entscheidet denn, wer auf welcher Seite steht? Man fragt sich unweigerlich: Wer sind die Führer, die Mörder unserer Zeit, und wer die Opfer?

Am Ende wird es wieder kalt, auch im Stück. Der Schnee legt sich wie eine tröstende Decke auf all die verpassten Chancen, ausgelöschten Leben und verzweifelten Erkenntnisse des Protagonisten (Bühne: Elke Mulders, Kostüme: Saskya German). Und auch er versinkt im Schnee: Bereit, vergessen zu werden. Es ist sein erstes und sein letztes Gefühl, die Kälte; er wird in die Kälte geboren und von ihr wieder zu sich geholt. Was dazwischen war, verschwindet

Weitere Vorstellungen im Kleintheater Luzern am 11./12./16./18. und 19. Januar 2019, jeweils 20.00 Uhr. An Freitagen und Samstagen mit Einführungsgespräch um 19.30 Uhr.

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