Die Schöne und ihr Biest auf dem Hellraumprojektor

Spannendes Gipfeltreffen in der Galerie Widmertheodoridis in Eschlikon: Othmar Eder, Elisabeth Nembrini und Liz Jaff bespielen Galerie und Stall mit unterschiedlichen Medien, aber ähnlichen visuellen Strategien.

Christina Peege
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Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Elisabeth Nembrini: «Belles et Bêtes». (Bild: Dieter Langhart)

Elisabeth Nembrini: «Belles et Bêtes». (Bild: Dieter Langhart)

«Ich bin, glaub ich, als Zeichner auf die Welt gekommen», sagte 2009 Othmar Eder in einem Interview. Seit vergangenem Wochenende zeigt der Künstler nun unter dem Titel «Nichts ist wirklich!» achtzehn Zeichnungen in der Galerie Widmertheodoridis in Eschlikon.

Thematisch kreist das Schaffen des Bilderfinders um Lissabon und um die portugiesische Landschaft.

Während eines dreimonatigen Aufenthaltes im Jahr 2014 hat er dort einen idealen Ort gefunden, um seine Strategie des Sehens auszuloten und weiterzuentwickeln. Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung bildet unter anderem ein Buch, das er auf einem Flohmarkt entdeckt hatte. Das Buch und Bilder darin, die ein Kloster in Portugal zeigen, wurden vom Künstler buchstäblich «gefleddert» und in Form von grossformatigen Zeichnungen neu aufgebaut. Diese Sammelstrategie und Neuerfindung von Bildern aufgrund von Fundstücken ist seine charakteristische Arbeitsweise und visuelle Strategie.

Nichts ist wirklich

Das Gebäude taucht aus verschiedenen Perspektiven auf und verdeutlicht mit der Landschaft, dass alles, was wir für die Realität halten, lediglich durch das Auge und Seherfahrungen konstruiert ist. Die Technik der Zeichnung integriert die Dimension der Zeit: In langsamer, kleinteiliger Strichführung baut der Künstler seine Bilder auf, um sie vor dem Auge des Betrachters wieder verschwimmen zu lassen. Der Ort – das Kloster Cabo Espichel in Portugal – ist erkennbar, aber ebenso könnten der Bau und die Landschaft irgendwo sein. Nichts ist wirklich in Eders Bildern.

Zu Othmar Eders ganz spezifischem Werkprozess ist nun auch eine Monografie erschienen, das den langjährigen Schaffensprozess des Künstlers würdigt.

Kuhstall als Ausgangspunkt

Während Othmar Eder in der Galerie zu sehen ist, bespielen Liz Jaff und Elisabeth Nembrini den Stall. Die New Yorker Künstlerin Liz Jaff präsentiert mit einer luftigen Papierinstallation unter dem Titel «Dust» eine Reaktion auf den Ausstellungsraum, die St. Gallerin Elisabeth Nembrini überrascht mit einer aussergewöhnlichen, ebenfalls auf den Ort – den Kuhstall – zugeschnittenen Arbeit.

Im Titel «Belles et Bêtes» kristallisiert sich ihr Thema, das ambivalente Verhältnis von Mensch und Tier. Während im fast gleichnamigen Märchen die Schöne einerseits als Gefangene des Tiers von dessen Hässlichkeit abgestossen ist, erkennt sie anderseits dessen Wesen – und verliebt sich in das «Biest».

Das ambivalente Verhältnis zum Tier

Ästhetisch verfolgt Nembrini eine vielschichtige Strategie – ausgehend von Bildern der Renaissance und des Rokoko mit schönen Damen und ihren oft angeketteten, einst wilden oder mythologischen Tieren, beginnt sie einen Prozess der Umformung: Sie perforiert in langsamer Kleinarbeit Details und Motive der Bilder. Werden diese Bilder auf einen Hellraumprojektor gelegt und projiziert, entstehen visuell zauberhafte Gebilde: Die schönen Damen und ihre Tiere oszillieren als Lichtpunkte, Punktreihen und Farbschatten vor dem Auge des Betrachters und visualisieren damit das ambivalente Verhältnis der Belles und ihren Bêtes, von Nutztier und Schosshund.

Während Elisabeth Nembrini im Kuhstall noch die historischen Bilder als Ausgangspunkt sichtbar macht, geht sie in einer weiteren Installation noch einen Schritt weiter – da ist kein Bild mehr zu sehen, da baut sie das Bild aus Punktwolken in schwarzem Grund auf, die anschliessend von hinten beleuchtet werden. Wie schon bei Othmar Eder entsteht hier letztlich das Bild erst im Auge des Betrachters.

Ausstellung und Buch:
Elisabeth Nembrini und Othmar Eder bis 29.9., Liz Jaff bis 27.10. www.0010.ch
Othmar Eder: Bilderfinder. Mit Beiträgen von Katja Baumhoff und Zsuzsanna Gahse. Scheidegger & Spiess, Zürich, 2018, 256 S.