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Chansonnier Stephan Eicher: «Die Schweiz ist ein Vorbild»

Ein halbes Jahr musste Stephan Eicher wegen eines Bandscheibenvorfalls aussetzen. Nun gibt der Berner Chansonnier sein Comeback. Im Interview spricht er über seine jenischen Wurzeln – und verrät, was Frankreich von seiner Heimat lernen könnte.
Interview: Stefan Künzli
Noch bis April auf Tournee: Stephan Eicher, hier bei einem Konzert in Zürich. Bild: Walter Bieri/Keystone (8. Juli 2017)

Noch bis April auf Tournee: Stephan Eicher, hier bei einem Konzert in Zürich.
Bild: Walter Bieri/Keystone (8. Juli 2017)

Behutsam setzt sich Stephan Eicher (58) in den Loungesessel im Radiostudio Zürich, wo wir uns zum Interview getroffen haben. Ein im letzten Jahr erlittener Bandscheibenvorfall setzte den Berner Chansonnier ein halbes Jahr ausser Gefecht; betroffen waren die Bandscheiben L4/L5. Alle Konzerte mussten abgesagt werden. In einer Spezialklinik liess sich der Musiker wieder «tourneetauglich» machen.

Stephan Eicher, wie geht es Ihren lädierten Bandscheiben L4/L5?

So weit so gut. Ich muss mich einfach alle 20 Minuten strecken. Vielleicht hören Sie es dann knacken und knirschen. Ich war dumm. Nach einem solchen Bandscheibenvorfall sollte man nicht noch einen Film drehen, keine Konzerte geben und in einem holprigen Bandbus durch Frankreich touren. Erstmals habe ich mich wie ein Chef eines KMU-Unternehmens gefühlt, der Verantwortung für seine Angestellten übernehmen muss. Insgesamt sind es 26 Leute, die nicht arbeiten können, wenn ich nicht arbeite.

Können Sie wieder Konzerte geben?

Ja, es klappt. Ärzte haben mir zwar geraten, im Januar und Februar noch zu pausieren, aber das geht nicht. Ich kann nicht nochmals so viele Rendezvous mit meinem Publikum absagen.

Als es passierte, standen Sie vor einer Deutschland-Tour mit Martin Suter. Ich glaube ja, das hat irgendwie mit Deutschland zu tun: Deutschland und Eicher, das passt einfach nicht zusammen.

(lacht)

Ja, vielleicht. Sie spielen auf die Tour 2003 mit Herbert Grönemeyer an. Tatsächlich konnten die Deutschen mit meinen französischen Liedern nichts anfangen. Diesmal bin ich aber optimistisch: Im Schlepptau von Martin Suter, der in Deutschland ja ein Bestsellerautor ist, sollte es klappen.

Zuerst folgt nun das Projekt mit dem Schweizer Bläserensemble Traktorkestar. Wie kam das zu Stande?

Schuld ist eigentlich meine Plattenfirma Universal, mit der ich seit Jahren im juristischen Dauerclinch stehe. Ein Konflikt, der in Frankreich auch vor Gericht ausgetragen wird.

Aha, interessant.

Das dauert nun schon sechs Jahre. Universal hat in der Musikindustrie ihre Leistung mir gegenüber einseitig halbiert. Als ich mich dagegen wehrte, haben sie mich blockiert. Keine Interviews, keine Fernsehauftritte, nichts. Um Geld zu sparen, entwickelte ich mein Soloprojekt mit den Automaten und war anderthalb Jahre allein unterwegs. Das funktionierte zwar, war aber trotzdem manchmal etwas traurig. Während der fast 110 Konzerte merkte ich, dass ich gern ein Team um mich habe.

Sie sind immer noch bei Universal. Wie ist die Situation heute?

Laut meinem Anwalt könnte mich Universal noch bis zu zehn Jahre blockieren. Bei diesen Aussichten habe ich beschlossen, das Soloprojekt aufzugeben. Die Grossformation Traktorkestar kam da wie gerufen. Bei ihr bin wie ein Mitglied in einer Grossfamilie – herrlich.

Das Traktorkestar ist eine Schweizer Formation, die eine helvetische Version des Balkan-Brass pflegt. Eigentlich ist sie eine Folge des Balkankrieges.

Genau. Traktorkestar ist das fruchtbare Produkt des Zusammentreffens der Kultur aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Schweiz. Für mich hat das Projekt starken Symbolcharakter.

Inwiefern?

Ich wohne in der Camargue, einer armen Gegend mit viel Landwirtschaft. Mein Sohn ist in Lunel zur Schule gegangen. Es ist die Gemeinde, von der am meisten Dschihadisten in den Krieg gezogen sind. Die Einwohner von Lunel waren mit dieser Situation überfordert. Mir wurde bewusst, dass die Integration von Ausländern, der Umgang mit fremden Kulturen in der Schweiz – bei allen Problemen, die es dabei auch gibt – doch viel besser verläuft. Die Franzosen können damit nicht umgehen, obwohl die Überfremdung dort viel geringer ist. Viele versuchen es gar nicht erst, stattdessen grenzen sie sich ab, wollen mit Fremden wenig zu tun haben. Das Resultat ist Konfrontation und Hass. In der Schweiz findet man sich spätestens auf dem Fussballplatz, und schon junge Eritreer reden in breitem Berndeutsch.

Sie reden von einer Gegend der Gilets jaunes, der Gelbwesten?

Ja, in Frankreich gibt es Gegenden, die einfach vergessen und sich selbst überlassen werden. Mein Dorf wählt auch den Front National. Doch wenn ich die Einwohner frage: Weshalb wählt ihr so, ihr seid doch keine Rassisten. Dann sagen sie: Wir haben die Nase voll, es reicht. Protest ist aber keine politische Haltung. Das Problem ist: Nach dem Wahlsieg von Emanuel Macron wurden die politischen Haltungen mit den Parteien ausgeschaltet. Es gibt nur noch Macron und Marine Le Pen. Aber wenn nur Le Pen sich wehrt und auf Probleme auf dem Land aufmerksam macht, dann wählen die Dorfbewohner halt sie.

Was halten Sie von Michel Houellebecq und seinen Thesen?

Houellebecq gibt den Problemen der Vergessenen eine Stimme. Er hinterlässt mit seinen Thesen und Büchern Abdrücke in der Gesellschaft. Wie kein anderer in Frankreich vermag er die Probleme unserer Gesellschaft so zu vermitteln, dass man sie versteht. Houllebecq führt uns in einen Tunnel, aber es ist immer noch besser, ihm zuzuhören als einem Präsidenten, der das Parteiensystem zerstört hat. Ob sich die Linke je wieder erholen wird, ist sehr fraglich. Houellebecq ist umstritten, aber immerhin eröffnet er neue Sichtweisen, stösst Debatten an. Für mich ist Houellebecq einer der intelligentesten Franzosen. Lasst ihn doch reden. Der kann das. Vor allem sagt er: Die Lösung ist das Schweizer System, die direkte Demokratie. Doch diese Passagen werden in den Beiträgen immer rausgeschnitten.

Aha, die Lösung ist die Schweiz, das ist ja auch Ihre Botschaft?

Ja definitiv. Die Schweiz ist ein Vorbild. Ich habe das lange nicht gemerkt, war ein schlechter Demokrat. Aber wenn man in einem Land lebt, wo man seine Stimme nur alle fünf Jahre abgeben kann und dem Präsidenten danach ausgeliefert ist, dann wird einem der Vorteil des Schweizer Systems bewusst. Man kann sich schon lustig machen, dass in der Schweiz sogar über etwas wie die Kuhhorn-Initiative abgestimmt wird. Aber eben: Man kann es. Das ist ja das Wunderbare.

Kommen wir zurück zu Ihrem neuen Projekt. Inwiefern hängt es mit Ihrer Familiengeschichte und Ihren jenischen Wurzeln zusammen?

Die Balkanmusik ist von Zigeunern geprägt. Vielleicht fasziniert sie mich deshalb so. Aber das Geheimnis um die jenischen Wurzeln der Eichers wurde erst im Dokumentarfilm «Unerhört Jenisch» von 2017 gelüftet. Wir wussten es schon. Es war das Problem meines Vaters und einer schmerzhaften Vergangenheit. Ihm wurde eingetrichtert, dass es besser sei, die jenische Herkunft zu verheimlichen. Meiner Grossmutter hat man in Obervaz Trunksucht und einen liederlichen Lebenswandel vorgeworfen, nur weil sie jenisch war. Man versuchte, sie zu versorgen und zu sterilisieren. Inzwischen ist das Familiengeheimnis bei mir einem gewissen Stolz und einer Freude gewichen.

In der Camargue hat es auch viele Fahrende. Ein Zufall?

Hm … tut mir leid, wenn ich Sie und viele Touristen enttäuschen muss, aber die Zigeuner in Saintes-Maries-de-la-Mer sind eine Illusion. Sie sind nur im Mai und Oktober geduldet, und das auch nur von 9 bis 15 Uhr, dann müssen sie wieder draussen sein. Das ist extrem rassistisch. Manchmal glaube ich ja, dass die zwei Bettlerinnen bei der Kirche, die die Zukunft aus der Hand lesen, bezahlte Schauspielerinnen sind, die aus touristischen Gründen dort stehen.

Aber der Einfluss der Fahrenden in der Schweizer Volksmusik ist keine Illusion.

Oh nein. Vieles von dem, was heute als Schweizer Volksmusik gilt, ist von Jenischen importiert worden. Jenisches Liedgut, das von den Fahrenden auch erhalten worden ist. «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa», «S’Guggisberglied», Tänze wie Mazurka, Polka: Hudigääggeler ist nicht in Herrliberg erfunden worden. Vielleicht geht ja die Lieblingsmusik der SVP auf jene zurück, die man eigentlich nicht hier haben will.

Die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien sind Entwurzelte, bei den Fahrenden ist das Entwurzelte eine Lebenshaltung. Ist Stephan Eicher auch ein Entwurzelter?

Definitiv. Wenn man meine Biografie anschaut. Ich war immer unterwegs, als Musiker sowieso. Mein 19-jähriger Sohn ist nicht mehr so abhängig von mir. Die Camargue ist mir zu abgelegen geworden. Deshalb suche ich jetzt wieder einmal eine neue Lebensstation.

Wie Sie ausführten, haben Sie sich wieder der Schweiz angenähert. Da wäre es doch logisch, wieder in die Schweiz zu ziehen.

Das könnte durchaus sein. Nach der Camargue in die Berge. Also: Wenn das jemand liest und eine Hütte in den Bergen kennt. Ich wäre interessiert. Zwei Zimmer genügen, ein Küchentisch, auf dem ich meine Lieder schreiben kann, eine Dusche, ein 90-Zentimeter-Bett und Aussicht. Ich bin jetzt noch bis April auf Tournee und dann, das ist keine Koketterie, weiss ich noch nicht, wohin es mich treibt und was ich mache. Mal schaun, ich bin selber gespannt.

Elton John hört auf, Phil Collins wahrscheinlich auch, Kiss und Krokus gehen auf Abschiedstour. Wie lange stehen Sie noch auf der Bühne?

Solange es mein Körper zulässt. Der letztjährige Vorfall war schon einschneidend. Ich mache immer noch gern Musik, aber ich würde gern ein Jahr lang Schule geben. Ich würde zum Beispiel gern über Kreativität und den Umgang mit dem Digitalen dozieren. Also wenn jemand das liest und an mir interessiert wäre.

Und was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich habe schon 2016 ein ganzes Album aufgenommen, das aber nie erschienen ist: Es heisst «Homeless Songs».

Neues Album «Hüh»

Der Berner Liedermacher Stephan Eicher gehört seit Jahren zu den renommiertesten Schweizer Popmusikern. Der 62-Jährige ist auch in Frankreich und Belgien ein gefeierter Star und wohnt seit Jahren in Südfrankreich. Seine Karriere startete er 1980 in der Band Grauzone mit seinem Bruder Martin.

Aktuell ist er mit dem Schriftsteller Martin Suter unterwegs und mit dem gemeinsamen Album «Song Book» für einen Swiss Music Award in der Kategorie «Best Album» nominiert. Im Februar erscheint das Album «Hüh» mit zwölf komplett neu arrangierten Stücken. (sk)

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