Interview

Die Schweizerin Delia Mayer spielt in Netflix-Drama im jüdisch-ultraorthodoxen Milieu und sagt: «Ich bin ein Schmelztiegel»

Die Zürcher Schauspielerin und Sängerin Delia Mayer (52) spielt in «Unorthodox», der von der Flucht einer jungen Frau aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft handelt, die «böse» Schwiegermutter. Sie spricht über ihre Filmrolle und ihre eigenen jüdischen Wurzeln.

Reinhold Hönle
Hören
Drucken
Teilen
Die lächelnde Pose täuscht: Delia Mayer (rechts im schwarzgoldenen Kleid) spielt die «böse» Schwiegermutter.

Die lächelnde Pose täuscht: Delia Mayer (rechts im schwarzgoldenen Kleid) spielt die «böse» Schwiegermutter.

Anika Molnar/Netflix

Netflix hatte die Idee, den autobiographischen Bestseller-Roman von Deborah Feldman zu verfilmen?

Delia Mayer: Nein, die kam von Drehbuchautorin und Filmproduzentin Anna Winger, die schon «Deutschland 83» und «Deutschland 86» produziert hat. Anna und Deborah Feldman stammen beide aus New York und leben heute in Berlin. Sie waren sich einig, dass die Serie noch etwas Anderes braucht als die autobiographische Buchvorlage von Deborah Feldmann. Daraus hat sich ein eigenständiges Projekt entwickelt, für dessen Realisierung sie Netflix gewinnen konnten.

Um was geht es in der Serie?

Es ist die Geschichte von Esty, einer jungen Frau, die in orthodox chassidischer Tradition verheiratet wird und die aus ihrer Lebensgemeinschaft in Williamsburgh, Brooklyn nach Berlin flieht, um sich und ihr eigenes Leben zu finden. Ihre Emanzipation löst zuhause Unverständnis, Fassungslosigkeit und vor allem grosse Verunsicherung aus. Die Gemeinde gibt dem verlassenen Ehemann und seinem Cousin den Auftrag, Esty zurückzuholen.

Sie spielen die Schwiegermutter.

Es ist eine Figur, die ungebrochen aus den Traditionen heraus handelt. Im Roman hat die Figur sehr viel Kraft, weil sie im Hintergrund als dominante Mutter von Jakov das Geschehen mitbestimmt, tritt aber nicht oft auf. Im Drehbuch haben Anna Winger und Alexa Karolinski sie mit anderen Figuren aus dem Roman verschmolzen und so präsenter gemacht. Für mich als Freigeist war das eine grosse Herausforderung, eine solche Person zu verkörpern. Ich musste herausfinden, was sie ganz persönlich antreibt. Genauso wie jeder Mensch kämpft sie um die Erhaltung ihrer Lebensgemeinschaft und damit um ihre Lebensgrundlage.

War es wichtig, dass eine Frau Regie führte?

Aus feministischen und quotentechnischen Gründen ist es zwingend, dass Frauen inszenieren, Hauptrollen spielen, produzieren und Drehbücher schreiben. In diesem Projekt war es überdies die richtige Entscheidung, dass es in weiblicher Hand war, weil keine Genderübersetzung nötig war.

In der Originalfassung mit Untertiteln wird vor allem Jiddisch sowie etwas Englisch gesprochen. ?

Das trägt viel dazu bei, dass «Unorthodox» so authentisch wirkt. Viele Orthodoxe, die in Brooklyn leben, sprechen kaum Englisch. Die Sprache hat einen enormen Einfluss darauf, wie man sich gibt, fühlt und denkt. Für mich als Schauspielerin war es klar, dass ich meine Hände anders gebrauchen werde und meine Stimme anders klingen wird, meine ganze Körpersprache sich wandelt, wenn ich Jiddisch rede.

Woher rührt eigentlich die Abkapselung der Chassidischen Juden?

Deborah Feldmann beschreibt, dass die Satmarer Chassidim den Holocaust als Strafe Gottes, als Konsequenz der Assimilierung verstehen, da sie schon vorhanden Antisemitismus aufleben und neuen entstehen lässt. Deswegen bedeutet Säkularisierung Versündigung.

Sie haben selbst jüdische Wurzeln.

Die Seite meiner Mutter ist jüdisch. Meine Grosseltern stammten aus Polen und Russland und sind vor dem ersten Weltkrieg wie viele Juden in die Schweiz emigriert. Die Familie meines Vaters, atheistische Christen, kommt ursprünglich aus Deutschland, Frankreich, Spanien und zog Kreise über New York, Chile, wieder nach Berlin, bis sie ebenso zufällig Ende des 18. Jahrhunderts in der Schweiz landete.

Wie orthodox ist Ihre Familie im Verhältnis zu Chassiden auf einer Skala von 1 bis 10 einzustufen?

Chassidische Juden bei 11 und wir bei null, denn wir sind Atheisten! (lacht)

Hat sich Ihre Mutter losgesagt?

Sie hat mit Religion nichts am Hut. Aber sie ist vom kulturellen Hintergrund geprägt. Teile ihrer Familie wurden durch den Holocaust über die ganze Welt verstreut, andere sind verschollen. Sie spricht Jiddisch und kann herrlich jüdisch kochen.

Wie sind Sie geprägt?

Ich habe viel von ihr mitbekommen, genauso wie von meines Vaters Seite. Wenn ich im Züricher Enge-Quartier orthodoxe Juden sehe oder traditionell geprägte Schweizer, die schon Jahrhunderte am Sechseläuten mitlaufen (wo übrigens Juden nicht zugelassen waren, da sie keine Handwerksberufe ausüben durften), fühle ich mich beiden nicht zugehörig. Ich bin ein Melting Pot.

Wollten Sie in Ihrer Jugend auch einmal aus etwas ausbrechen?

Meine Versuche sind alle gescheitert. Ich hatte überlegt, Biologie zu studieren, aber die Leidenschaft war dort stärker, wo meine Wurzeln sind: In Musik, Kunst und Schauspielerei.

Unorthodox auf Netflix