Die Sinfonie von Akrobatik und Orchester im KKL sorgt für Gänsehaut

Die «Circus Symphony» bringt ein neues Format in den Konzertsaal.

Urs Mattenberger
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Die «Circus Symphony» im KKL kombiniert Orchester mit Artistik-Darbietungen (im Bild das Duo Unity).

Die «Circus Symphony» im KKL kombiniert Orchester mit Artistik-Darbietungen (im Bild das Duo Unity).

Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Februar 2020)

Stürzen sie oder nicht? Die Spannung der Akrobatik im Zirkus wird durch die Gefahr gesteigert, wenn die Artisten hoch oben an Seilen turnen oder auf einer Stange weit ab vom Boden balancieren. In Zirkusmanegen wirbelt die Trommel aufgeregt auf solche Höhepunkte hin. In der «Circus Symphony», die Obrasso am Wochenende zum dritten Mal im Konzertsaal des KKL veranstaltete, ist es ein ganzes Orchester.

Wie passen die klassischen Werke, die die Philharmonie Baden-Baden mit viel Temperament und Klangsinn spielte, zu den Artistik-Darbietungen? Erstaunlich gut. Das zeigt der vielleicht gefährlichste Moment des anderthalb Stunden lang faszinierenden Abends, die Nummer mit der Perche-Stange. Dimitri Stauberti balanciert auf der frei stehenden Leiter und auf dem Einrad die Stirnperche, an deren Ende seine Partnerin Nancy mit schwebender Leichtigkeit hoch über der Konzertsaalbühne Hand- und Kopfstände vollführt.

Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Februar 2020)

Musik und Artistik dicht verwoben

Es ist die einzige Nummer an diesem Abend, in der ein Sicherungsseil erkennbar ist. Aber es beruhigt nicht wirklich, zumal das Orchester mitfiebert und die Spannung mit Paul Dukas’ «Zauberlehrling» immer von Neuem schürt. Die Musik stockt genau in dem Moment, wo einem als Zuschauer das Herz still steht, und sie treibt die Dramatik mit ihrer rastlosen Erregung immer weiter. Dass Artistik und Musik derart dynamisch verwoben sind, macht diese Nummer über den Kribbelfaktor hinaus zu einem Höhepunkt des Abends.

Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Februar 2020)

Freilich stehen diesem Höhepunkt viele andere zur Seite. Das Duo Unity etwa übersetzt Wagners «Liebestod» in einen weichen Sog auf dem grossen Rad, wobei die unterschiedlichen Verschmelzungsgrade der beiden Körper poetisch zwischen Liebe und Tod changieren. Die verwegenen Balanceakte des Duos Vitalys untermalt Hector Berlioz’ «Les Franc Juges» mit bedrohlich dunklen Klängen. In den Luftnummern, die man so im Konzertsaal nicht für möglich halten würde, schweben Artisten zu poetischen Klängen von Delibes oder Leoncavallo durch den Raum.

Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Februar 2020)

Modell für szenische Projekte im Konzertsaal

Mit der erweiterten ovalen Bühne zwischen Orchesterbühne und Publikumsraum ist die «Circus Symphony» gar ein Modell für szenische Produktionen in diesem Saal. Noch nicht gelöst ist die Frage des Zwischenapplauses, den sich der Veranstalter ausdrücklich verbat.

Dass der Applaus die Musik zudecken würde, zeigte sich zwar zum Schluss, als sich alle Artisten nochmals – und jetzt unter Applaus – präsentierten. Anderseits sind die artistischen Nummern auf Zwischenapplaus hin angelegt, wie die Beifall erwartenden Posen nach spektakulären Höhepunkten verrieten. Der Applaus ganz am Schluss war dafür, in der Vorstellung am Sonntag, umso frenetischer.

Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Februar 2020)