Kolumne

«Die Sprachstilistin»: Wann ist es okay zu fluchen?

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller plädiert dafür, seine Emotionen auszudrücken und zu fluchen, wenn es nicht anders geht. Man sollte vorher aber Zeit und Ort bedenken.

Odilia Hiller
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Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Bild: Michel Canonica

In Zeiten, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, neigen viele von uns zu Angst, Verzweiflung und Wut. Eine Begleiterscheinung der Pandemie ist, dass nicht alle Menschen mit diesen Emotionen gleich gut umgehen können. Globales Unglück unterscheidet sich in dieser Hinsicht kaum von individuellem Leid.

Ein Dreivierteljahr, nachdem das Coronavirus aus China herausfand, liegen die Nerven überall blank. Politiker, nicht nur in den USA, bedienen sich in aller Öffentlichkeit der Fäkalsprache.

Ähnliches geschieht im Internet: Mit steigender Nervosität der Userinnen und User wird der Tonfall aggressiver, die Wortwahl primitiver. Wo ist das Problem? Spätestens seit wissenschaftliche Studien einen Zusammenhang zwischen Fluchen und (weiblicher) Intelligenz hergestellt haben und böse Mädchen überall hinkommen, wo weisse Buben schon sind, sollte Vulgärsprache doch salonfähig geworden sein. Wirklich?

Wagen wir einen Ausflug ins Mittelalter. Dort gab es ebenfalls ein paar Epi- und Pandemien. Und überhaupt recht viel Unappetitliches, was rechtfertigte, sich der Fäkalsprache zu bedienen. Das gemeine Volk konnte sich damit effizient und speditiv verständlich machen. So ist es jedenfalls überliefert.

Lange dachte man, das habe mit Erziehung, Bildungsstand und geistigen Möglichkeiten zu tun. Adel und Klerus gaben sich dagegen manierierten Sprachverrenkungen hin. Meist ohne jemals auf den Punkt zu kommen. Oder sie dachten, eine Konversation auf Lateinisch sei von markant höherem Wert als ein währschafter Fluch.

Tatsache ist: Die Trennung von Fluchen und Nichtfluchen in soziale Schichten war schon immer Humbug. Wetten, dass Adel und Klerus ihre Schweinigeleien auch ausserhalb der Fasnacht mit kernigen Ausdrücken begleiteten?

Schriftsteller wie Rabelais und Molière zeigten die Verlogenheit dieser vermeintlichen zwei Welten in ihren volkssprachlichen Werken schonungslos auf. Müssen wir es deshalb toll finden, wenn Politikerinnen und Politiker öffentlich «Arschloch», «Bitch» und mehr rufen? Müssen wir politisch und anderweitig Bewegte ernster nehmen, je wüster sie reden? Sollten Journalistinnen und Journalisten anfangen, regelmässig «verdammte Scheisse» zu schreiben, um sich dabei etwas cooler zu fühlen?

Die Antwort ist Nein. Aus sprachstilistischer Sicht gibt es eine simple Begründung, weshalb. Sie lautet, in ein Rabelais-Zitat verpackt:

«Bedenke in allem, was du tust, vorher Zeit und Ort.»
François RabelaisFranzösischer Schriftsteller der Renaissance

François Rabelais
Französischer Schriftsteller der Renaissance

Bild: Unbekannter Maler / Public domain

Das Gespür für Sprachebenen regelt seit jeher deren Gebrauch. «Dress for the occasion» gilt auch für Reden und Schreiben. Weshalb wir mit Vorgesetzten in der Regel anständiger sprechen als mit Freunden. In der Öffentlichkeit wählen wir andere Worte als im Schlafzimmer. Insofern lautet mein Rat: Fluchen Sie. Lassen Sie es raus. Es wird Ihnen besser gehen. Es ist jedoch weiterhin nicht verboten, darauf zu achten, in welchem Rahmen man es tut.

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