Pop-Sängerin Arlo Parks
Sie ist die Stimme der traurigen Generation von heute: «Ich suche immer nach der Hoffnung»

Die 20-jährige Londoner Sängerin Arlo Parks ist die Newcomerin der Stunde. Auf ihrem Debütalbum «Collapsed in Sunbeams» erzählt sie Geschichten aus dem Leben der psychisch und emotional gebeutelten Jugend von heute.

Steffen Rüth
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Die 20-jährige englische Sängerin Arlo Parks spricht den Unverstandenen, Betrübten, Depressiven und Verzweifelten aus der Seele.

Die 20-jährige englische Sängerin Arlo Parks spricht den Unverstandenen, Betrübten, Depressiven und Verzweifelten aus der Seele.

Bild: Keystone

«Wenn ich Musik höre», sagt Arlo Parks, «gelingt es mir besser als bei jeder anderen Beschäftigung, mich sicher und geborgen zu fühlen. Für mein ganzes Denken und Empfinden ist Musik ein wundervolles Mittel zur Beruhigung.» Besonders angenehme und tröstende Momente findet die in London geborene und lebende Parks zum Beispiel in den Songs von Sufjan Stevens, Elliott Smith oder Radiohead. Auch elektronische Bands wie Air, Portishead und Massive Attack «habe ich in meinem Zimmer gehört, wenn ich weinend im Bett lag und die rotierenden Gedanken in meinem Kopf kaum abstellen konnte». Mit Musik, so Arlo, «ging es mir immer, immer, immer besser als ohne.»

Das offizielle Video zum titelgebenden Albumsong «Collapsed in Sunbeams» von Arlo Parks.

Youtube

Und jetzt, mit ihrem formidablen Debütalbum «Collapsed in Sunbeams», zu dessen Titel sie durch Zadie Smiths Roman «On Beauty» inspiriert wurde, möchte und wird Arlo Parks den Spiess umdrehen und diejenige sein, die mit ihren Liedern den Unverstandenen, Betrübten, Depressiven und Verzweifelten da draussen ein wenig Zuspruch und Zuversicht gibt. «Das halte ich gerade jetzt in dieser verrückten Zeit für besonders bedeutsam», so Parks, «wo wir doch alle noch ein bisschen verängstigter, verwirrter und verlorener sind als sonst.»

Dunkle Fantasien sind Teil ihres Lebens

Ihr Vater stammt aus Nigeria, die Mutter aus Frankreich und mit echtem Namen heisst sie Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho. Sie ist erst 20, und wenn sie ihren Tagesablauf rekapituliert, dann hört sie sich auch wie eine Zwanzigjährige an. «Ich habe heute Morgen mit meiner Mutter ‹Die Vögel› zu Ende geguckt», berichtet sie, «weil ich am Abend vorher bei dem Film eingeschlafen bin.» Wer selbst bei Alfred Hitchcocks Natur-Horror-Schocker schlummern kann, hat entweder ein robustes Gemüt («Was auf mich schon mal nicht zutrifft»), oder leidet an Schlafmangel («Ich musste gestern tatsächlich schon um 5 Uhr früh aufstehen, weil ich einen Termin im Frühstücksprogramm der BBC hatte.»)

Klare Sache: Arlo Parks ist gerade sehr gefragt. 2018 brachte sie ihre erste Single «Cola» raus, es folgten zwei EPs, von denen die erste auf den schönen Titel «Super Sad Generation» hört, sie spielte 2019 schon beim «Glastonbury»-Festival und zählt sowohl Billie Eilish als auch Michelle Obama zu ihren erklärten Fans. «Ich finde es richtig und wichtig zu akzeptieren, wie irreal mein Leben geworden ist», sagt sie, «doch gleichzeitig möchte ich bodenständig bleiben und meinen Pfad nicht verlassen.»

Künstlerisch beginnt ihr Weg bei der Literatur. «Ich hatte immer schon eine grosse Affinität zu Sprache.» Schon als Mädchen verschlingt sie Bücher, am liebsten welche von Sylvia Plath und Haruki Murakami, und fängt an, sich selbst kleine Geschichten in ihrem Kopf zusammenzubasteln. Lange Zeit sei das Schreiben und Komponieren für Arlo ein intimes, rein privates Ritual gewesen. «Auf diese Weise kaute ich die Dinge durch, die mich belasteten.» Und das waren nicht wenige. Arlo Parks singt offen über eigene Angststörungen und Depressionen, in «Black Dog» und «Hurt», sie erzählt zugleich über die seelischen Sorgen und Qualen ihrer Freundinnen und Freunde, die Namen in Stücken wie «Eugene» und «Caroline» hat sie allerdings geändert. Sie sagt:

«Mir fällt auf, wie sehr ich in meinem engen Umfeld von mentalen Problemen und Traurigkeit umgeben bin. Ich glaube, wir sind eine melancholische Generation.»

Dunkle Phasen seien Teil ihres Lebens. «Ich schiebe negative Gefühle und Ängste nicht weg. Ich versuche, den Gefühlen auf den Grund zu gehen und aktiv Dinge zu finden, die mich glücklich machen. Ich bin an Menschen interessiert und suche immer nach der Hoffnung, dem Silberstreif am Horizont.»

Positive Energie mit Poesie verbinden

Musikalisch beackert Arlo Parks auf «Collapsed In Sunbeams» ein relativ weites Feld zwischen Soul, ein wenig Hip-Hop und R&B, Indie-Pop und Folk. Auch ihre Liebe zu Neunzigerjahre-Trip-Hop-Bands wie Massive Attack und Portishead ist unüberhörbar. Hin und wieder streut sie eine lockere Komposition ein wie «Too Good» oder «Just Go». «Ich wollte auch meine helleren und heiteren Einflüsse unterbringen. Ich liebe Songs, die funky sind und mich zum Tanzen bringen. Mein grosses Anliegen ist es, die positive Kraft der Musik mit meiner Poesie zu verbinden.» Und das ist der jungen Londonerin wirklich beeindruckend gelungen.

Arlo Parks: Collapsed in Sunbeams (Transgressive).

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